Rote Karte für Hass: „Best practise“ 2: Nochmal #koelnhbf

„Was geschah wirklich?“ in der Silvesternacht in Köln, fragt ein Recherche-Projekt der „Zeit“. Die Ergebnisse wurden im „Zeit“-Magazin vom 23. 06. 2016 veröffentlicht und auch als Online-Story aufbereitet. Sehr gelungen, wie ich finde, denn die große Stärke des Projektes  ist, dass es versucht, dem Leser/der Leserin unterschiedliche Perspektiven nahe zu bringen. In einer Zeit, in der es – in der Politik wie in den Medien – vor allem darum geht, Stimmung zu machen, Flüchtlinge entweder als Sympathieträger „aufgebaut“ oder aber als Sündenböcke für alles, was schiefläuft hingestellt werden – je nachdem welches ideologische Lager gerade das Megaphon in der Hand hält, hebt sich das wohltuend vom Mainstream ab. Und es ist auch nötiger denn je. Viel zu viele Menschen sympathisieren mittlerweile mit einfachen Lösungen.

Einwanderung stoppen, sich aufs „Nationale“ zurückziehen und Kriminalität, soziale Probleme und sexuelle Übergriffe gehören der Vergangenheit an, behaupten die einen. Dass dem nicht so ist, kann man ebenfalls im Zeitmagazin, diesmal vom 30. Juni, nachlesen: Eine junge Frau berichtet darüber, wie sie im ICE von getrunkenen Fußballfans begrapscht wird. Und dass Hilfe nur sehr zögerlich kommt. Wenn man so etwas hört, fällt es schwer, zu glauben, dass der zunehmende Sexismus in unserer Gesellschaft in erster Linie ein Problem irgendwelcher fremden Macho-Kulturen sein soll, deren Angehörige sich hier angeblich breitmachen und den Einheimischen ihren Lebenssstil aufzwingen wollen.

Allerdings ist auch der Umkehrschluss nicht richtig: Dass Frauen in vielen arabischen Ländern nicht viel zu sagen haben und Homophobie verbreitet ist, ist eine Tatsache, keine „rassistische Unterstellung“. Ich füge quasi als Fußnote an, dass das nicht nur in der arabischen Welt so ist, dass es dort auch nicht immer und überall so war, nicht jede/-r so ist und es diesen „Trend“ u. a. auch in Osteuropa und in den USA gibt. Uff! Allerdings – mit Betonköpfen, die glauben, „Identität“ mache sich vor allem an der Zugehörigkeit zu sozialen Großgruppen fest („Kultur“, „Tradition“, „Vaterland“, meinetwegen auch „Geschlecht“, „Religion“, „sexuelle Orientierung“, „Hautfarbe“ usw.), kann man ohnehin nicht reden. Aber vielleicht kann (und sollte) man viel reden, damit die Gruppe der Betonköpfe nicht immer größer wird. Die „Zeit“-Reportage ist ein guter Beitrag dazu.

Wir lesen, wie sich Sabrina F. gefühlt hat, eines der Opfer der sexuellen Übergriffe in der Silvesternacht in Köln, wir erfahren von Traumatisierungen, von der Angst und Befangenheit der jungen Frau, die vielleicht noch eine ganze Weile mit den Folgen zu kämpfen haben wird. Sabrina F. sagt aber auch, dass sie trotzdem keinen Hass auf Ausländer empfindet. Ähnlich haben sich auch andere junge Frauen, die in der Silvesternacht in Köln bedrängt, angetatscht und beklaut wurden, geäußert. Man fühlt sich ganz gut mit solchen Statements. Es sind irgendwie normale Reaktionen. Niemand möchte sich begrapschen oder vergewaltigen oder das Handy klauen lassen, aber es ist einem im Falle des Falles eigentlich egal, wer das macht.

Auch von Mounir, der mitgegrapscht hat und findet, dass die Deutschen sowieso „Muschis“ seien, wird berichtet und von Youssef, der Merkels „Willkommenskultur“ als Chance begriffen hat. Es geht um Alkohol und jede Menge Drogen, um junge Männer, denen eine Perspektive fehlt, etwas, das ihnen einen Halt im Leben bieten könnte. Aber es wird nicht auf die Tränendrüse gedrückt: Aus Problemfamilien stammten viele der jungen Marokkaner, die sich nach Deutschland aufgemacht hätten, heißt es, aus den Slums von Casablanca, da wo die leben, die ganz unten sind, kommen allerdings auch sie nicht.

Sind solche Details wichtig? Ist eine kaputte Jugend weniger schlimm, wenn es genug Leute gibt, denen es noch viel schlechter geht? Mitgefühl ist ganz sicher keine Rechenaufgabe, bei der es darum geht, genau abzumessen, wem welche Portion zusteht. Aber es war falsch, junge Syrer mit teuren Handys als „arme Schlucker“ zu präsentieren und dabei gleich anzumerken, dass man keinen „Sozialneid“ in der deutschen Bevölkerung wolle. Dass die Leute vor Krieg und Terror fliehen, hätte reichen müssen, um Mitleid und Empathie hervorzurufen. Dass Menschen, die sich eine kostspielige Flucht leisten können, nicht vor „bitterer Armut“ fliehen, kann man sich denken. Dass Krieg ein sehr guter Grund ist, um zu flüchten, auch.

In den Monaten der „Willkommenskultur“ war alles einfach ein bisschen zu dick aufgetragen. Deshalb ist es jetzt umso wichtiger, die Dinge darzustellen, wie sie sind. Nicht mehr und nicht weniger. Das hat die „Zeit“-Reportage sehr gut realisiert. Ein Manko ist vielleicht, dass es ein wenig zu gefühlig ist, also Gefühle gewissermaßen gegen Gefühle gesetzt werden. Gerade wenn die Gemüter erhitzt sind, darf man auch sachliche Argumente nicht außen vor lassen. Und – wie viele journalistische Projekte, die – auch, wenn auch vielleicht nicht nur – fürs Internet konzipiert sind, muss man sich für „Was geschah wirklich?“ ein bisschen Zeit nehmen. Fazit: Taugt nicht für den schnellen Blick in die Zeitung, ist aber bestens geeignet für alle, die „Stimmung machen“ langsam satt haben!

 Quelle: Art.: „Was geschah wirklich?“, v. Mohamed Amjahid, Christian Fuchs, Vanessa Guinan-Bank, Anne Kunze, Stephan Lebert, Sebastian Mondial, Daniel Müller, Yassin Musharbash, Martin Nejezchleba und Samuel Rieth, (Printversion): Zeit- Magazin Nr. 27/2016 23. Juni 2016.

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