Rote Karte für Hass: „Best practise“ 1: Nochmal Orlando

Orlando zum soundsovielten Mal. Und ich hab’s mir trotzdem angesehen, das Video, das die 49 Menschen ehren soll, die durch das Shooting in dem queeren Club „Pulse“ am 12. Juni ums Leben gekommen sind. Abrufbar ist es auf Youtube unter dem Account „Human Rights Campaign“, auf Twitter verbreitet hatte es u. a. Ines Pohl, die Ex-Chefredakteurin der taz und jetzige US-Korrespondentin der Deutschen Welle. Der Name „Ines Pohl“ stand für mich für eine hippe, zeitgenössische Minderheitenpolitik, wie sie in Berlin überall im linken Lager vertreten wird. Mein Fall ist das eher nicht und Frauen wie ich sind damit ja auch nicht so gemeint. Daher setzt sich in meinem Hirn automatisch eine Art Schnellschaltung in Gang und produzierte vorab Bilder von weißen, übergewichtigen Frauen – echte „Machos“! – blasiert dreinblickenden Hipstern (m/w) und ihren ältlichen Muttis, die sich einen „zweiten Frühling“ auf Kosten junger „Homofrauen“ versprechen, Menschen, die total „angesagt“ sind und irgendwas mit Schreiben, Kunst und/oder Uni machen. Meine Gefühle sind widersprüchlich, mein Mitgefühl ist eher ein gemischtes Gefühl – natürlich verdient niemand den Tod, ganz gleich, ob man ihm oder ihr zu Lebzeiten hätte Sympathien entgegenbringen können oder nicht und natürlich schämt man sich, wenn man sich solche Gedanken macht. Davon abgesehen gehöre ich ja selbst auch zur LGBT-Community, auch wenn ich mich mit vielem, was als „queer“ verkauft wird, nicht so sehr identifizieren kann.

Manchmal birgt ein etwas missmutiger Klick allerdings echte Überraschungen: Nicht nur, dass kaum Weiße zu sehen sind (zumindest keine, die als „People of Color“ „ehrenhalber“ dargestellt würden) und es ausnahmsweise auch mal nicht um „Germany’s next Topmodel“ und die Folgen für junge Hipsterfrauen mit Essstörungen geht – das Video ist auch gar nicht darauf angelegt, „Stimmung“ für bestimmte Menschen, bestimmte Lifestyles und bestimmte Körpertypen zu machen. Ganz im Gegenteil: Die Opfer der Terrornacht werden nüchtern, in ein paar knappen Sätzen portraitiert. Schon nach den ersten Minuten wird klar, dass es sehr unterschiedliche Menschen waren: Klischeeschwule mit Geld und einem Sinn für die schönen Dinge des Lebens – ja – aber auch der Mann, der sich mit Gelegenheitsjobs in Disneyworld über Wasser gehalten hat, Fashion Victims und Familienväter, denen das Wohl ihrer Kinder über alles ging, eine 18jährige aus Philadelphia, die sich als gute Schülerin und begabte Sportlerin im Herbst auf ein College-Stipendium hätte freuen können, ein junger Cubaner, der noch mit der englischen Sprache haderte und dessen Mutter jetzt ein humantitäres Visum erhalten hat, um in die USA einreisen und den Leichnam ihres Sohnes in Empfang nehmen zu können, professionelle Salsa-Tänzer, durchtrainierte junge Männer mit perfekten Luxuskörpern, aber auch eine Frau im fortgeschrittenen Alter, die einfach tanzen und Spaß haben wollte, Homo- und Transsexuelle und Menschen, die vielleicht eher „queer“ ehrenhalber waren. Oder Heteros, die sich eine gute Party nicht hatten entgehen lassen wollen. Egal. In ihrer Angst und in ihrem Schmerz waren sie alle gleich, jedes einzelne Leben, das in der fatalen Nacht genommen wurde, hat eine Lücke in diese Welt gerissen, denn – und das bringt das Video sehr deutlich rüber: Wir sind alle Individuen und niemand ist mehr oder weniger wert als der/die andere.

Würdevoller hätte man der Opfer von Orlando nicht gedenken können.

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