Das Gute gut dosiert

Carolin Emcke hat den Friedenspreis des deutschen Buchhandels erhalten. Carolin Emcke gehört zu den Guten, schreibt Hannah Lühmann in der Welt. Ganz sicher ist es so und von einem Menschen, der „das Gute“ vetritt, zum „Gutmenschen“, wie er/sie von den neuen (und den alten) Rechten verhöhnt wird, ist es, auch vom Klang her, nur ein kleiner Schritt. Allerdings – „zu gut“ ist auch nicht gut. Im schlimmsten Fall kann „das Gute“ zum Albtraum werden. Damit meine ich nicht Carolin Emcke. Ich meine eine Art Medikament, das in kleinen Dosen heilt und überdosiert tödlich ist.

„Das Gute“ als Überdosis ist, zumindest in Europa, oft ein niedliches kleines Mädchen mit langen blonden Haaren, das von einem Diktator geherzt wird. „Das Gute“ sind Spitzel, die mit gespitzten Ohren horchen, ob nicht irgendwo etwas „Böses“ gesagt wird. Oder auch nur eine Äußerung gemacht wird, der – vielleicht – ein Hauch an „Bösartigkeit“ anhaftet. Manchmal hören die gespitzten Ohren der Spitzel (egal, ob sie nun „Gestapo“, „Securitate“ oder sonstwie heißen) dabei auch Dinge, die überhaupt gar nicht gesagt werden. Aber es ist ja für „die Sache“. Da kann man gar nicht genau, nicht spitzfindig genug sein. Hauptsache man hat jemanden, den man denunzieren kann.

Natürlich ist das nicht das Gleiche, wie Menschen, die Gutes tun. Darauf, dass Menschen Mitgefühl haben, hilfsbereit anderen gegenüber sind und Milde walten lassen, ohne dabei ihren Gerechtigkeitssinn zu verlieren, basiert jede Gesellschaft, auch und gerade die Demokratie.

Es ist die Dychotomie von „Gut“ und „Böse“, die zerstörerisch ist und oft genug in Terror und Gewalt, manchmal auch im Genozid endet. Plakatives Schwarz-Weiß-Denken, das genaue Wissen darum, wer zu „den Guten“ und wer zu „den Bösen“ gehört, Hexenjagden, ethnische „Säuberungen“, Arbeitslager, die der „Umerziehung“ dienen, Menschen, die erst Berufverbot erhalten und in bestimmten Geschäften „unerwünscht“ sind und irgendwann auch auf keiner Parkbank mehr sitzen dürfen – das passiert, wenn man es mit „dem Guten“ übertreibt oder, genauer gesagt: wenn man es pervertiert.

Allerdings hat auch jemand wie Carolin Emcke genauere Vorstellungen über „das Gute“. In ihrer Kolumne „Böses“ in der Süddeutschen Zeitung schreibt sie:

„(…) Etwas ganz anderes ist es allerdings, wenn eine böse Tat nicht einfach nur moralisch irritiert oder verstört, sondern wenn sie für undenkbar oder unmöglich erklärt wird, weil die Person, der diese Tat zugeschrieben wird, einem nicht wie ein klassischer Täter vorkommt. (…)“

Sicher, jeder Mensch hat Vorurteile. Die, die behaupten, keine zu haben, haben oft die meisten. Aber trotzdem: Welche Züge hat der „klassische Täter“ denn? Traut man bestimmten Menschen nichts Böses zu, weil sie nicht diesem „klassischen“ Täterprofil entsprechen? Weil sie vielleicht formal irgendein Charakteristikum (oder auch mehrere) an sich haben, mit dem man sich nur zu gern gemein machen möchte? Unter Linken etwa: höhere Bildung bzw. Zugehörigkeit zum gehobenen Bildungsbürgertum (aus dem sich viele Vertreter linker Politik rekrutieren), Migrationshintergrund oder – speziell in Emckes Fall: Homosexualität oder Selbstdefinition als Transgender?

Und wer ist – auf der anderen Seite – per se „böse“? Wer kann gar nichts richtig machen? Wer wird auch für Dinge belangt, die sich andere haben zu schulden kommen lassen? Sogar dann, wenn man genau weiß, dass der vermeintliche „Missetäter“ (oder die „Missetäterin“)  gar nichts getan hat?

An dieser Stelle komme ich mir fast wie „Lehrer Lämpel“ aus Wilhelm Busch‘ „Max und Moritz“ vor. Zumindest erhebe ich in Gedanken den Zeigefinger, einfach, weil es so sehr ins Auge sticht: GENAU DAS IST NÄMLICH DISKRIMINIERUNG! Sorry mates, spart euch euer gelehrtes Daherreden und kapiert es endlich: es geht nicht darum, die „personifizierte Unschuld“ zu sein (weil man/frau sich so „definiert“) und dass andere einem alles durchgehen lassen müssten. ES IST GENAU UMGEKEHRT!

„Zigeuner“ klauen, richtig? Das ist nun einmal so! Nein, natürlich ist es das nicht! Das haben eure Großeltern ganz unbefangen als Lebensweisheit von sich gegeben. Aber ihr erklärt lieber: „Sie soll sehen, dass sie nichts von ihrem schlanken Körper und ihren guten Noten hat!“ oder „gar nicht erst hochkommen lassen!“ (Tut mir leid, Carolin Emcke, aber das sind keine sexuellen Orientierungen!). Ihr schreit Frauen „Dose auf Dose klappert gut!“ hinterher oder „Die ist doch viel zu hässlich, um hetero zu sein!“. Ihr verunglimpft andere als „unwehrtes Leben“ oder als „Bonobo-Äffchen“.

Ihr glaubt, dass es okay ist, wenn ihr anderen Menschen alles absprecht und durch „Tests“ (Sie mag es nicht, dumm von einer anderen Frau angemacht zu werden? Na, dann ist sie doch wohl auch nicht homo-/bisexuell! Dann darf man da doch auch homophob sein, da kann man ja nichts falsch machen! Frage: Schon getestet, ob Carolin Emcke es mag? Würde mich interessieren!) „nachweist“, dass ihr im Recht seid. Ihr seid davon ausgegangen, dass bei euch schon niemand nachfragen wird, ob es stimmt, was ihr über euch erzählt (natürlich seid ihr selbst alle homosexuell, Transgender und jeder schlesische Opa muss als Migrationhintergrund herhalten, denn dann kann man euch doch nichts! Es ist doch dann keine Homophobie und kein Rassismus!). Ihr habt Leute schikaniert, die ihr nicht einmal persönlich gekannt habt, von denen ihr aber „gehört“ hattet, dass man es mit denen ruhig machen kann und last, but not least habt ihr euch auch wirklich mit Rechten gemein gemacht. Es war ja für „die Sache“. Ich weiß.

Die Antidiskriminierungsgesetze sind übrigens nicht auf eurer Seite. Da steht auch nicht, dass Homophobie gerechtfertigt wäre, wenn der Täter/die Täterin doch selbst (angeblich) homosexuell ist oder dass es „mildernde Umstände“ gebe, wenn man „nachweist“, dass das Opfer (angeblich) nicht homo-(bi-)sexuell ist. Es zählt allein die Tat. Gut so.

Aber der Flirt mit einfachen Lösungen, den ich Carolin Emcke nicht vorwerfe, von dem ich aber denke, dass sie ihn gelegentlich nahelegt, zumindest wenn man oberflächlich liest, der naive Glaube daran, dass man die Welt in „gut“ und „böse“ einteilen kann, hat sehr wahrscheinlich dazu geführt, dass viele von den Berliner Linken – teilweise sogar Ex-„Vorzeigelinke“ – wie die Zinnsoldaten umgekippt sind und jetzt im rechten Lager mitmischen (Man denke nur an die sog. „Querfront“, aber auch von der Linkspartei sind Leute zur AfD übergelaufen, wie u. a. die taz berichtete.).

Daher die Moral von der Geschicht: Weder sind Lesben (oder Bisexuelle, Schwule, Transsexuelle) nur „gut“, noch sind es Migranten, Muslime, Juden, Schwarze oder Roma und Sinti. Der Punkt ist aber: Sie sind auch nicht nur „böse“. Keiner. Als Mensch wie alle anderen anerkannt zu werden, ist, wie ich finde, gute Minderheitenpolitik, eben weil man nichts für sich (oder für wen auch immer) beansprucht, was für andere nicht ohnehin selbstverständlich wäre. Damit ist man immer auf der „richtige“ Seite. Werde ich Carolin Emcke dort eines Tages wiedersehen?

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