Orlando: Was kann man tun, damit es nicht wieder passiert?

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*Die folgenden Bilder zeigen den in Gedenken an die Opfer von Orlando erleuchteten Berliner Funkturm, der sich in einem Außenbezirk von Berlin befindet. Letztlich ist es wohl auch gelungen, das – weitaus zentraler gelegene – Brandeburger Tor in Regenbogenfarben erstrahlen zu lassen. Laila Phunk fand jedoch die nächtliche Atmosphäre zwischen Busbahnhof, Stadtautobahn und Messegelände gar nicht übel …

Hätte man das Massaker im LGBT-„Pulse“-Club in Orlando verhindern können? Und was sind die Hintergründe? War der Täter ein fanatischer Muslim im Dienste des IS? Ein psychisch kranker Mann oder „nur“ komplexbeladen und aggressiv? Geht es um einen „Kampf der Kulturen“ à la Huntington oder um eine falsch verstandene Auffassung von „Männlichkeit“ – der Macho, der testosterongeladene Cowboy, der alles umnietet, was sich ihm in den Weg stellt und wenn auch nur „gefühlt“, die Knarre sozusagen als verlängerter Penis? War Omar Mateen ein eingefleischter Homohasser oder war er selbst homosexuell und konnte es sich nur nicht eingestehen? Haben wir es mit einem terroristischen Attentat zu tun oder mit einem erweiterterten Suizid?

Fragen über Fragen. Und auch wenn es sicherlich richtig ist, Ursachenforschung zu betreiben, um Shootings wie in Orlando für die Zukunft zu verhindern, so muss man doch aufpassen, dass man dabei nicht über das Ziel hinausschießt. Die Gefahr besteht, dass es sonst zu sehr vereinnahmt wird. Schon jetzt ist es ein bisschen ein Tauziehen, um Deutungshoheit und v. a. um die „richtigen“ Schlüsse, die man aus dem Attentat ziehen sollte.

Die einen – allen voran der US-Präsidentschaftskandidat Donald Trump – wollen in Omar Mateen den bösen Muslim sehen, der die Menschenwürde und die Werte des Westens mit Füßen getreten hat und am besten bei Zeiten hätte dahin zurückgehen sollen, wo er herkommt.

Andere, u. a. Daniel Sander im Spiegel und Carolin Emcke in der Süddeutschen Zeitung, sehen in Orlando den besten Beweis dafür, wie verbreitet Homophobie immer noch allenortens ist.

Und auch die Binsenweisheit, dass die größten Homohasser oft selbst verkappte Homosexuelle sind, hat hierzulande bereits Eingang in die Diskussion des Orlando-Shootings gefunden. Jan Feddersen hat es in der taz ausgeführt und – zu Recht – darauf hingewiesen, wie wichtig ein Zulassen der eigenen sexuellen Empfindungen als Teil der eigenen Persönlichkeit ist, um ein stabiles Gefühl für sich selbst und damit verbunden ein zumindest rudimentäres Selbstwertgefühl aufbauen zu können.

Jakob Augstein knüpft daran an und fragt sich außerdem auf Spiegel Online, warum ein orthodoxer Jude, der auf einer queeren Streetparade mit dem Messer auf die Teilnehmer losgegangen ist, „nur“ als „geistig verwirrter Einzeltäter“ gilt und der Muslim Omar Mateen, dessen Familie aus Afghanistan stammt, ein „Terrorist“ ist Wird hier mit zweierlei Maß gemessen? Politisiert man den Muslim, während der Jude als solcher „einer von uns“ ist und deshalb nichts gegen Homosexuelle hat, außer eben, er fällt irgendeinem psychotischen Wahn anheim?

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Vermutlich müssen eine ganze Menge Faktoren zusammenkommen, damit jemand ein Massaker wie in Orlando anrichtet. Geistige Brandstiftung, Homo-Hass oder ein erbitterter Hass auf die Liberalität des Westens – das ist vielleicht ein Setting, das Einzeltätern ein Ventil für ihre Aggressionen bieten kann, aber von jemandem, der mit fanatischen, menschenverachtenden Ideologien sympathisiert bis hin zum „einsamen Wolf“, der zur Tat schreitet, ist es immer noch ein weiter Weg. Auch Selbsthass, die Unfähigkeit sich selbst als homosexuell zu akzeptieren und/oder psychische Probleme allein machen niemanden zum Terroristen. Ebenso wenig ist eine bestimmte Religion oder Kultur für das Orlando-Shooting verantwortlich, denn – vergleicht man mal die Einstellungen zu Homosexualität, zur Rolle der Frau, zu Männlichkeit und dem „Anderen“ schlechthin – seien es nun Einwanderer oder „Ungläubige“ – stößt man auf frappierende Gemeinsamkeiten zwischen fanatischen, rechtskonservativen Muslimen, evangelikalen, ebenso rechtskonservativen Christen in den USA, den Tiraden eines Donald Trump und den verbalen Ausfällen deutscher AfD-Politiker. Erst vor wenigen Tagen ist in Großbritannien die Labour-Politikerin Jo Cox ermordert worden. Der Täter war weiß, britisch, vermutlich Chist und hatte, wie die Zeit berichtet, offenbar Verbindungen ins us-amerikanische Neonazi-Milieu.

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Was kann man also tun, um ein zweites Orlando zu verhindern?

In der „Washington Post“ wird berichtet, dass Mateen schon als Schüler gehänselt worden sei. Allerdings sei er auch selbst anderen, v. a. Mädchen gegenüber als „Bully“ aufgetreten. Ein moppeliges, unsicheres Kind sei Mateen gewesen, habe sich später aber – durch hartes Training und mit Hilfe entsprechender chemischer Hilfsmittel – zu einem virilen Muskelprotz entwickelt. Zumindest optisch dürfte er damit zu einem jungen Mann geworden sein, bei dem man es sich eher zweimal überlegt, ob man ihn angreifen und demütigen will.

Eine harte Hülle, eine kampfbereite Fassade kann aber nur sehr bedingt den weichen, verletzlichen Kern eines unsicheren und vielleicht auch verstörten Menschen schützen.

Und überhaupt – kann man z. B. Mobbing  in der Schule nicht einfach unterbinden? Trägt eine Gesellschaft, die auf Aggressivität und Durchsetzungsfähigkeit setzt, am Ende nicht vielleicht sogar eine gewisse, wenn auch natürlich nur indirekte Mitschuld an Attentaten wie in Orlando? Vielleicht lässt man die Schwachen und alle, die nicht stromlinienförmig genug sind, um im Schwarm mitzuschwimmen, manchmal zu sehr allein.

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Und wenn man „Nein!“ sagt? Klarstellt, dass Mobbing einen nicht zum „coolen Macker“ macht, aber auch – das muss man bei einigen Queer-Aktivistinnen hervorheben – nicht „(macho-)lesbisch“ ist (und links sowieso nicht)? Wenn man schon in der Schule über sexuelle Orientierungen aufklären würde und mehr daran setzte, Homophobie und Frauenfeindlichkeit zu bekämpfen anstatt es dabei zu belassen, die Eitelkeiten einzelner Menschen zu bedienen? Wenn man klar „Stop!“ sagen und deutlich machen würde, dass Rassismus, Antisemitismus, aber genauso auch Islamophobie keinen Platz in unserer Gesellschaft haben?

Ich möchte nicht missverstanden werden. Mir geht es nicht darum, Menschen zu mustergültigen Vorzeigeschülern in Sachen Toleranz zu erziehen. Aber man würde auch jedes Fußballspiel unterbrechen, wenn auf dem Platz nur noch gefoult würde. Sicher, eine Garantie, dass Massaker wie das in Orlando sich nicht wiederholen, hat man auch damit nicht – allerdings ist jeder noch so schlechte Pass immer noch besser, als anderen ein Bein zu stellen.

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