Krieg um Informationen? Ein Thriller aus dem Medienmilieu

Alle reden vom Leaken. Einer tut es und plötzlich ist es nicht gut. Als der taz-Journalist Sebastian Heiser dabei erwischt wurde, wie er einen Keylogger von einem Computer abzog, der nicht sein eigener war, nahm eine Reality-Crime-Story ihren Lauf, die unter dem Namen tazgate bekannt werden sollte und der Berliner Tageszeitung vermutlich eine Menge Ärger, aber immerhin auch ein gutes Quäntchen Aufmerksamkeit eingebracht hat.

Das war vor rund einem Jahr. Jetzt hat die taz den Fall noch einmal aufgerollt. Der in den sozialen Netzwerken eifrig gelikte und retweetete „long read“, wie es heißt, liest sich tatsächlich wie ein spannender Krimi aus dem Medienmilieu: Man nehme ein journalistisches Ausnahmetalent – begnadete Schreibe, eine echte Spürnase, ein Sinn für Recherche, der seinesgleichen sucht, schon ganz jung ganz groß und schließlich – wie sollte es anders sein? – bei der taz gelandet. Das garniere man mit hohem Konkurrenzdruck, persönlichen Rivalitäten, Animositäten – vielleicht auch ein bisschen überzogener Eitelkeit? Man füge einen Anspruch nach Basisnähe und lässig-links-alternativem Flair hinzu – die RedakteurInnen wohnen in WGs, die Türen stehen immer offen, vermutlich, so könnte man annehmen, kann über alles geredet werden (diese Atmosphäre beschreibt taz-Redakteur Jan Feddersen in einem Artikel zu tazgate) – etwas, das im knallharten Medienbusiness, wo es auf Schnelligkeit, optimale Selbstvermarktung und hohe Professionalität ankommt, nicht immer leicht zu realisieren sein dürfte – und voilà, das Setting für eine Intrige, wie man sie eigentlich eher im Politbereich oder in der Chefetage eines Großkonzerns erwarten würde, ist da.

Vielleicht liegt es an den neuen technischen Möglichkeiten oder einer dadurch bedingten neuen Einstellung zu den Dingen. Heiser, so liest man, habe auf Transparenz gesetzt. Wenn Whistleblower die Datenbanken dubioser Rechtsanwaltskanzleien leaken und man so – wie etwas im Falle der „PanamaPapers“ – „Briefkastenfirmen“ in Steueroasen auf die Spur zu kommt, ist das mit einem Erkenntnisgewinn für die Öffentlichkeit verbunden. Und es übt Druck aus. Wer sich in den obersten Etagen der Finanzwelt in zwielichtige Machenschaften verwickeln lässt, muss mehr denn je damit rechnen, aufzufliegen. Das ist nicht nur eine Fundgrube für investigative Journalisten, deren Job es ist, Skandale ans Licht zu bringen, es ist auch eine neue, harte Konkurrenz für sie. „Geheimnisträger“ und Computerfreaks drängen jetzt – wenn auch eher indirekt, als anonyme „Hintermänner“ (und „-frauen“) – in den Medienbereich. Sie können mit Informationen aufwarten, an die man mit „journalistischem Handwerkszeug“ allein nicht herankommt. Und sie können sie der Öffentlichkeit auf entsprechenden Plattformen, wie zu. B. WikiLeaks, im Internet zur Verfügung stellen, damit u. U. sehr schnell weltweit ein Publikum erreichen.

Der Keylogger, der bei der taz für Aufruhr gesorgt hat, erfordert allerdings kein Spezialwissen in Sachen IT. Es handelt sich, wie man z. B. auf Wikipedia nachlesen kann, um ein kleines Gerät, das wie ein USB-Stick aussieht und alle Anschläge auf der Tastatur des Rechners, an dem er steckt, aufzeichnet. Mit einem Keylogger kann man also nachvollziehen, was jemand getippt hat. Passwörter lassen sich so herausfinden. Damit kann sich – logisch! – wer auch immer das Gerät auswertet, Zugang zu geschützten Benutzerkonten verschaffen.

So etwas ist ideal, um in Erfahrung zu bringen, an welcher Story hochkarätige Kollegen gerade arbeiten oder welche Strategien die Chefredaktion plant, um das Blatt am Markt zu halten – und die Infos dann gegen ein hübsches Sümmchen an die Konkurrenz zu verkaufen. Ein klarer Fall von Industriespionage. Auch der Mediensektor ist ja eine Industrie.

In Richtung „Spionage“ liefen auch die ersten Spekulationen über tazgate, damals, als alles noch ganz frisch war. U. a. könnte man als Beispiel dafür einen Artikel von Robin Alexander in der „Welt“ heranziehen. In ihrer aktuellen Nachbetrachtung, die in der taz von diesem Wochenende erschienen ist, legt die taz allerdings einen anderen Schluss nahe: Es seien v. a. Frauen, in erster Linie sogar Praktikantinnen betroffen gewesen, heißt es: vielversprechende Nachwuchstalente, aber keine Geheimnisträgerinnen, die auszuspionieren sich in finanzieller Hinsicht gelohnt hätte. Davon abgesehen sei es um Personen gegangen, mit denen Heiser in der Vergangenheit Differenzen gehabt habe, resümiert die taz.

War tazgate also ein persönlicher Racheakt? Kann man das daraus schließen? Im ersten Absatz des taz-Artikels von diesem Wochenende steht auch, dass man die Möglichkeit in Erwägung gezogen habe, Heiser sei vielleicht gar nicht der Urheber der Spionageaffaire gewesen, sondern habe eventuell seinerseits diskreditiert werden sollen. Das liest sich wie ein paranoider Psychothriller, aber ganz abwegig ist es in einer Welt, in der Teams Haifischbecken sind und sich jeder etwas davon verspricht, dem anderen ans Bein zu pinkeln, nicht. Ging es also darum, zukünftige Talente, die in ein paar Jahren zu einer ernsthaften Konkurrenz für etablierte Kollegen hätten werden können, gleich im Vorfeld „abzuschießen“? Wollte man ihre Konten missbrauchen oder eher ihre Gutgläubigkeit? Man bzw. ich weiß es nicht. All das sind Spekulationen. Vielleicht ist da überhaupt nichts dran. Und außerdem: hätte es den Aufwand gelohnt? Wie steht es mit der Kosten-Nutzenrechnung? Und was ist mit der moralischen Seite, dem Berufsethos? Darf Journalismus auch kriminell sein? Ist eine gute Story das wert? Oder eine private „Abrechnung“? Ein unfairer Konkurrenzkampf? Immerhin war das persönliche Risiko nicht ganz unerheblich und es ist ja auch schiefgegangen.

Sebastian Heiser, schreibt die taz, soll mittlerweile „in einem fernen Land“ leben, „das kein Auslieferungsabkommen mit Deutschland hat“, irgendwo in einer „Großstadt in Südostasien“. Er soll als Suchmaschinen-Optimierer arbeiten. „Finanzielle Sorgen“ habe er wohl keine, da kurz vor seinem Weggang „in der Familie Erbschaftsangelegenheiten geregelt worden“ seien, wie die taz berichtet.

Das Ganze ist nach wie vor obskur und auch der aktuelle „long read“ – so spannend er sich auch liest – bringt kein Licht in die Sache. Für Außenstehende zumindest nicht. Zurück bleibt nur das wage Gefühl, das die Medienwelt eine sehr merkwürdige ist.

Quellen:

Alle wesentlichen Informationen & Zitate, sind, soweit nicht anders angegeben, aus dem eingangs genannten „long read“ in der taz von diesem Wochenende: Martin Kaul, Sebastian Erb, Art.: „Dateiname Log.txt“, taz v. 04./05. Juni 2016.

Zudem beziehe ich mich auf:

Robin Alexander, Art.:““tazgate“ – und worum es eigentlich geht“, Welt, v. 26. 02. 2015.

Jan Feddersen, Art.: „Der Vertrauensbruch“, taz v. 27. 02. 2015.

Sowie den deutschsprachigen Wikipedia-Eintrag „Keylogger“

Laila Phunk weist darauf hin, dass sie die taz ausschließlich von Veranstaltungen kennt.

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