Eine tödliche Liebe

Melina lebt nicht mehr, steht in der Zeitung*. Gerade mal 17 Jahre alt ist sie geworden – getreten, gewürgt und schließlich mit 49 Messerstichen getötet von ihrer Ex-Freundin Megi. Bilder im Internet zeigen einen hübschen Teenager: langes, in seidigen Wellen fallendes Blondhaar, große braune Augen, ein gewinnendes Lächeln. Von der anderen sieht man immer nur eine Silhouette. Aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes, denn Megi ist ja noch am Leben. Eigentlich kann man nur erkennen, dass sie ungewöhnlich dick ist. Auf 150 Kilo soll sie es bringen, bei einer Größe von über 1,70 Meter, schreibt Spiegel Online. Eine große, massige Frau. Mit ihren 18 Jahren ist aber vielleicht auch sie eher noch ein Mädchen.

Man könnte an den us-amerikanischen Spielfilm „Fatal Attraction“ („Eine verhängnisvolle Affäre“) aus dem Jahr 1987 denken, wo aus einer flüchtigen Affäre ein Drama wird, das seinen fatalen Lauf nimmt mit allem, was aus einer Beziehung etwas Krankes, Zerstörerisches macht: Besessenheit, Stalking, emotionale Erpessung und physische Gewalt. Es endet schließlich tödlich.

So wie bei Megi und Melina. Ihre Story habe ich zuerst in der „Zeit“ gelesen. Dabei fiel mir auf, dass Worte wie „Lesben“ und „Homosexualität“ den ganzen Artikel hindurch sorgfältig vermieden wurden. Stattdessen wurde eher von „Liebe“, „Beziehung“ und „Paar“ gesprochen. Es hängt so in der Schwebe. Man weiß es nicht so genau, d. h. eigentlich kann man sich denken, dass vermutlich keins der beiden Mädchen lesbisch ist bzw. war. Eine intensive Mädchenfreundschaft vielleicht, eine rein romantische Liebe oder ein etwas hysterisches Aneinander-Klammern quasi als Probelauf für die Männerwelt – Ja, aber darf ich das hier so schreiben? Sicher sein kann ich mir da natürlich nicht. Aus der Ferne kann man das ja auch schlecht beurteilen.

Megis Leben muss jedenfalls vom ersten Atemzug an ein einziges Fiasko gewesen sein, demnach, was man so liest*. Auf Spiegel Online* heißt es, der Vater sei „Trinker“ gewesen und gewalttätig. Die Mutter soll dafür einen Liebhaber nach dem anderen gehabt haben. „Trennungen“ und „Versöhnungen“ der Eltern im Wechsel, ein Intermezzo im Kinderheim, Hänseleien in der Schule, Depressionen und „seelische Abartigkeit“ resümiert Spiegel Online* das kurze Leben der Mörderin. Megi habe durch Melina das erste Mal in ihrem Leben Liebe erfahren, zitiert das Magazin* den Richter vom Landgericht Münster, wo der Fall verhandelt wurde. Melina jedoch soll die Beziehung beendet haben, weil sie ihre Zukunft eher mit Mann und Kindern sah, sich ein Leben in traditionellen Bahnen wünschte. Megi habe den Gedanken daran, ihre Freundin zu verlieren, nicht ertragen können, ihre Liebe sei schließlich in Hass umgeschlagen, wird weiter berichtet*.

Solche Horror-Taten gab es schon immer. Und – so schockierend das Ganze auch ist – es wird sie wahrscheinlich auch immer geben. Einfach, weil es Menschen gibt, denen das Gefühl für die Grenze fehlt, dafür, wann etwas nicht mehr „nur allzu menschlich“ sondern „einfach nur monströs“ ist. Nicht jeder negative Impuls muss ja ausgelebt werden und es wäre fatal, wenn Ressentiments in der Vernichtung des anderen enden würden. Aber Antisoziale oder auch Psychopathen haben keine Scheu davor, ihrem Hass freien Lauf zu lassen. Bequemerweise sind ihnen Schuld- und Reuegefühle sowieso fremd. Ihre Egozentrik soll maßlos sein. Und es ist nicht einmal unbedingt böse gemeint, denn der andere ist in einer solchen Logik eben einfach kein Mensch wie man selbst.

Ob Megi so ist, weiß ich nicht. Ich hoffe, dass sie es nicht ist. Vermutlich würde das die Dinge aber nicht leichter machen und im Grunde ist es ja auch müßig, über zwei junge Frauen zu spekulieren, die man nicht kennt und nie gekannt hat. Dass eine von beiden jetzt tot ist, ist schlimm genug.

Trotzdem – ich denke auch an Berlin, an die Queer-Bewegung, wie sehr es in den letzten Jahren um Empowerment für Frauen wie Megi ging. Dass sie Wut und Frust nicht in sich hineinfressen sollten. Dass sie lieber mobben und auf Schwächeren herumtreten sollten. Man musste die Bully-Frauen um jeden Preis positiv wahrnehmen, stark sollten sie sich fühlen, „gut, so wie sie sind“. Essstörungen waren „queer“ nicht „krank“, Demütigungen und Frauenhass wurden als „typische“ Charakterzüge einer „Butch“ oder „Transgenderperson“ gefeiert. Alles, was einer Feministin im Normalfall die Haare hätte zu Berge stehen lassen müssen, war plötzlich hip und „geschützt“ durch die Minderheitenrechte. Das galt mehr noch als für alle anderen für die sog. „Transmänner“, eigentlich eine Microminderheit, von denen es aber plötzlich eine ganze Reihe gab: Frauen, denen reichlich spät im Leben eingefallen ist, dass sie transsexuell seien und die darauf bestanden, wie Männer wahrgenommen zu werden. Leider war damit in den meisten Fällen vor allem eine soziale Rolle gemeint, die des „starken Paschas“ oder „Partiarchen“. „Männlich“ wurde gleichgesetzt mit „dominieren“ und „beherrschen“. Oder vielleicht bedeutete es für einige dieser Frauen auch „sich besinnungslos besaufen“ und „zuschlagen“? War es das für Megi? Wie viele Mädchen und Frauen sind wie sie? Und wie viele Jungs und Männer? Kann man für die Zukunft verhindern, dass es Tote gibt? Oder auch „nur“ junge Menschen, deren Leben durch einen Mord zerstört ist?

Vermutlich kann die Queer-Bewegung keine Antwort darauf geben, denn das ist ja nicht ihr Themengebiet, aber vielleicht ist es nicht zuletzt die Gleichgültigkeit einer Gesellschaft, die glaubt, dass sie ihre Probleme in den Griff kriegt, wenn sie sie mit bunten Glitzerbildchen zuklebt, die eine Mitschuld daran trägt, dass die Dynamik der Mädchenliebe von Megi und Melina tödlich endete.

Megi jedenfalls wird in sieben Jahren wieder auf freiem Fuß sein – so steht es in dem Spiegel-Online-Artikel. Hoffen wir das Beste …

*Quelle: Benjamin Schulz: Art. „Urteil gegen 18jährige in Münster: Hass, Tod, Gleichgültigkeit“, Spiegel Online v. 25. 05. 2016.

Note: Laila Phunk glaubt nicht, dass es Zusammenhang zwischen dem Körperumfang und einer gewalttätigen, antisozialen Persönlichkeitsstruktur besteht (Klar, so etwas zu glauben, wäre ja auch ziemlicher Schwachsinn! Ich wollte das nur noch mal in aller Deutlichkeit zum Ausdruck bringen!).

Auch wäre es verfehlt, Menschen, die in schwierigen Familienverhältnissen aufgewachsen sind, per se zu unterstellen, sie seien psychisch gestört, mitunter vielleicht sogar gefährlich. Nicht nur sind nicht alle, die psychische Probleme haben, eine Gefahr für ihre Mitmenschen. Es ist auch so, dass Menschen ganz unterschiedlich auf ihr soziales Umfeld reagieren. Noch immer ist nicht bekannt – oder Laila Phunk ist es zumindest nicht bekannt – welchen Anteil vererbte Persönlichkeitsmerkmale haben und wie wichtig soziale Interaktion, frühklindliche Erfahrungen und eben die familiären Verhälntnisse sind.

Last but not least muss ich betonen, dass ich persönlich als „Transgender“, „Transmänner“ bzw. „Frau-zu-Mann-Transpersonen“ nur Menschen akzeptiere, deren biologische Geschlechtsidentität in unterschiedlichem Umfang „männlich“ geprägt ist, obwohl sie als „weiblich“ zur Welt gekommen sind. Niemand, der/die in diese Kategorie fällt, sollte sich von dem, was ich oben beschrieben habe, angesprochen fühlen. Er/sie ist schlicht nicht gemeint.

Das gilt ebenso für „Fat-Empowerment“-, „Fat positive“- und/oder Queer-Aktivistinnen, die sich darauf beschränken, für ein neues Selbstbewusstein von aus unterschiedlichen Gründen vom „Mainstream“ „abweichenden“ Menschen einzutreten und sich für eine bestimmte politische Sichtweise und Subkultur engagieren, die vielleicht nicht jede/r gut findet, an der aber auch niemand einen Schaden nimmt. Dagegen kann man/frau schließlich nichts haben.

 

 

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