#cutesolidarity oder: Wie braun darf Schokolade sein?

Eigentlich eine harmlose Idee, ein Marketingkonzept, das nicht einmal ungewöhnlich ist: Kinderbildchen von Fußballstars aus der Nationalelf auf der guten alten Kinderschokolade. Eine Pegida-Gruppe vom Bodensee störte sich offenbar daran, wie heute nachmittag unter dem Hashtag #Kinderschokolade auf Twitter zu lesen war. Stein des Anstoßes war, das auch die Gesichter von Spielern mit ausländischen Wurzeln abgebildet waren. Gündogan und Boateng sind also nicht süß genug, weil zu dunkel für deutsche Schokolade? Man glaubt es kaum, dass Leute so bescheuert sind.

Das fanden auch viele Twitter-User. Unter dem Hashtag #cutesolidarity, den der Journalist Mohamed Amjahid von der „Zeit“ ins Leben gerufen hatte, wurde gepostet, was das Zeug hielt: Kinderbildchen, so die Idee, ob nur von Leuten mit Migrationshintergrund, von Deutschen mit entfernterem Migrationshintergrund, von Deutschen mit sehr, sehr entferntem Migrationshintergrund oder von Deutschen ohne jeden familiären Bezug ins Ausland, war mir nicht ganz klar. Niedlich ist die Aktion – die im Moment noch andauert – allemal und die rege Beteiligung spricht dafür, dass das Konzept die Internet-Community erreicht hat.

Als Amjahid „Hahahaha auch die arische Familie macht mit bei #cutesolidarity“ postete, war das allerdings ein echter Dämpfer. Es sollte ein Foto mit einer blonden Familienidylle kommentieren, das ein User mit demonstrativ jüdisch klingendem Namen und einer ziemlich merkwürdigen Timeline gepostet hatte. Manchmal gelingt es mir nicht, auseinanderzuhalten, was „witzig“ sein soll und was vollkommen durchgeknallt ist. Das mit der „arische(n) Familie“ fand ich aber auch nicht so gut bzw. hätte Amjahid es wenigstens in Anführungszeichen gesetzt, wäre ich mir sicher gewesen, dass er so denkt wie ich. Zumindest in diesem einen Punkt: Antirassismus. Nicht Gegenrassismus.

Bei derartigen „historischen“ Anleihen muss ich unweigerlich an den Typen denken, der mir in Kreuzberg hinterhergerufen hat: „Na, die ist doch nun wirklich unwertes Leben!“. Das war nach einer Lesung gewesen, wo man sich kritisch mit Thilo Sarrazins „Deutschland schafft sich ab“ auseinandergesetzt hatte. Unglaublich! Denn es waren alles Leute, die nichts gegen Türken hatten.

Oder waren es vielleicht eher die so genannten „Türkenfreunde“? Menschen, die sich sicher sind, dass sie die Interessen ihrer ausländischen Mitbürger bestmöglich verteidigen müssen gegen alles, was deren Wohl im Wege steht? Deutsche „Musterschüler“ in Sachen Antifaschismus sozusagen, die sich im Grunde sogar selbst als Ausländer „ehrenhalber“ sehen?

Der mit dem „unwerten Leben“ war jedenfalls so blond, dass er schon hätte Albino sein müssen, um als „Südländer“ durchzugehen. Eine ebenso flachsblonde Freundin oder Bekannte von ihm hatte ich mal auf einer Veranstaltung der taz gesehen, später auch bei der Heinrich-Böll-Stiftung. Keine Nazis also, keine Querfront, sondern Linke, „Gutmenschen“.

Hätte es etwas gebracht, wenn der Blonde einen türkische Freund vorgeschickt hätte, einen „Südländer“, der auch so aussieht? Oder besser noch jemanden aus Israel? Wäre „unwertes Leben“ dann okay gewesen?

Eine Türkin – eine richtige, waschechte – hatte ich zu der Zeit sogar auch am Hals. Die Frau schien bei der Heinrich-Böll-Stiftung nicht unbekannt zu sein. Zumindest sah es auf einer ihrer Veranstaltungen so aus. Sie, wohl, wie man annehmen darf, eines dieser lebenden Mahnmale gegen Rassismus und Ausländerfeindlichkeit, hatte sich eine Weile darin gefallen, mich als „Krüppel“, „Hinkebein“ und „Klumpfuß“ zu hänseln.

Zugegeben – ich habe leichte Plattfüße mit hohem Spann – eine etwas absurde Laune der Natur. Wenn ich in zu weit geschnittenen Schuhen gehen muss, sieht es nicht so elegant aus. Mit der Zeit sind die Füße dann auch ziemlich überlastet. Es geht auf die Hüftgelenke, auf die Knie, und so weiter. Schmale, aber eben auch nicht allzu flach geschnittene Schuhe sind rar und teuer. Pech, dass ich eine Weile so gut wie gar kein Geld hatte. Nicht einmal mit eisern Sparen wären „gute“ Schuhe drin gewesen und bei „Deichmann“ hätte ich wohl auf Pumps zurückgreifen müssen, aber selbst die wären in der Ferse extra-weit – eben (für andere Frauen) „tragbar“ – gewesen. Mittlerweile habe ich die „guten“ Schuhe an den Füßen und kann wieder ganz normal gehen.

Damals aber höhnte eine der ältlichen Frauen der Kreuzberger Szene, die „Naturvölker“ – so wollte man offenbar türkische und arabische Einwanderer im bio-deutschen Alternativ-Milieu sehen – lehnten „Krüppel“ nun einmal ab. Auch die dicklichen, dicken oder sich zumindest zu dick fühlenden essgestörten Frauen machten mit beim „Hinkebein“-Bashing. Vielleicht sind sie ja dick, so der Tenor, aber wenigstens „erbgesund“. Es ging, wie man mir immer wieder klar machte, um den „Stolz“ dieser Frauen „auf ihren Körper“ und vielleicht kann man bzw. frau auf so etwas auch stolz sein. Zumindest wenn man bzw. frau den geistigen Horizont einer Amöbe hat. Und außerdem fest davon überzeugt ist, dass der eigene dicke Hintern, an dem die Nazis im Übrigen nichts auszusetzen gehabt hätten, einen von der kollektiven Schuld am Holocaust befreit.

Wenn aber nicht die dicken deutschen Frauen die „Herrenrasse“ sind, sind es – so könnte man angesichts solcher Dumpfbacken denken – ja vielleicht die Türken und alles war ein historisches Missverständnis. Dann hätte Hitler sein Ding einfach ein bisschen weiter südöstlich aufziehen müssen. Ein Orthopäde würde dem – sofern es um körperliche „Überlegenheit“ geht – vermutlich eher nicht zustimmen. Aber der kennt Plattfüße jeglicher Couleur.

Auf der politischen Ebene fallen mir zu diesem „Ich bin so stolz, eine (setze das, was gerade passt, einfach ein) zu sein!“ am ehesten die „Grauen Wölfe“ ein, eine im Vergleich zu den deutschen Nationalsozialisten relativ harmlose Organisation (Allerdings: Wer wäre im Vergleich dazu nicht „harmlos“?), die auch in Deutschland vertreten ist und z. T. einen guten Draht zur CDU hat, wie u. a. die „Welt“ berichtete. Faschistisch sind die „Grauen Wölfe“ trotzdem bzw. vielleicht ein Art türkisches Pegida, nur schlagkräftiger, politisch viel einflussreicher.

Nur ist es so: Diese Rundumschläge funktionieren nicht. Nicht alle Deutschen laufen bei Pegida mit, nicht alle diffamieren andere als „unwertes Leben“ und die meisten haben auch nichts gegen Kinderbildchen von dunkelhäutigen Fußballstars auf Schokoladenpackungen. Genauso wenig sind alle Türken „Graue Wölfe“ und/oder mobben „Krüppel“. Andererseits sind Faschismus und Rechtsradikalismus aber eben auch keine Ausgeburten nord- und mitteleuropäischer Herrenmenschenphantasien. Ganz im Gegenteil: Anfällig dafür, sich anderen gnadenlos „überlegen“ zu fühlen, sind – unter entsprechenden sozialen Umständen und entsprechender Persönlichkeitsstruktur – Menschen rund um den Globus.

Ein bisschen Orient-Exotik mit faschistischem Appeal ist z. B. auch im Nahen Osten zu finden. Die deutschen Nationalsozialisten unterhielten u. a. freundschaftliche Kontakte zu palästinensischen Muslimen. Immerhin einte einen der Kampf gegen das „Weltjudentum“ – wie man es damals nannte. Das kann wer will u. a. im Internet bei Deutschlandradio nachlesen.

Zu der heuzutage des Öfteren beschworenen kulturellen Nähe zwischen Juden und Arabern passt diese historische Verbindung allerdings nicht so gut. Im Zuge der aktuellen Flüchtlingsdebatte würde man es wohl lieber so sehen, dass der Umgang miteinander von Wohlwollen und interreligiöser Solidarität geprägt ist, da beide Gruppen eher ein bisschen mit den Deutschen fremdeln. Und so berichtet es auch z. B. der taz-Journalist Daniel Bax in seinem 2015 erschienen (und insgesamt sehr informativen) Buch „Angst ums Abendland“ aus Berlin-Neukölln.

Aber auch wenn die Debatte um Einwanderung, Muslime und fremde Kulturen im Moment z. T. stark verzerrt ist und aller historischen Bezüge zum Trotz – im Endeffekt hat Bax vermutlich genauso Recht wie die Leute, die vor Antisemitismus und Frauenfeindlichkeit unter Migranten warnen. „Nobody’s perfect!“ könnte man lapidar sagen. Oder einfach daran erinnern, dass es nichts bringt, in Punkto Antirassismus über das Ziel hinauszuschießen und zu glauben, man hätte im „anderen“ den „besseren Menschen“ entdeckt.

An dieser Stelle könnte man sich eigentlich entspannt zurücklehnen – denn es ist gesagt worden, was zu sagen war. Irgendwie – so könnte man vielleicht als Schlußfolgerung ziehen – ist es doch beruhigend, dass Menschen im Grunde alle ähnlich ticken. Egal, woher sie kommen und was ihre Hautfarbe ist. Das gilt im Guten wie im Schlechten und gerade deshalb kann man ja auch ganz gut abschätzen, was auf einen zukommt.

Die Kinderbildchen der Nationalelf-Stars auf der Kinderschokolade werden ihr Ziel als Marketing- Strategie jedenfalls kaum verfehlen. Unzählige junge Fußballfans werden an der Supermarktkasse quengeln und ihre Mütter berarbeiten, damit sie eine Packung mit dem kindlichen Konterfei ihrer Lieblingsstars – Boateng oder Götze oder wer auch immer – kaufen. Lecker sind die milchschokoladebraunen Stäbchen mit der süßen, weißen Füllung ja auf alle Fälle. Das sage sogar ich, obwohl ich mich gar nicht so für Fußball interessiere.

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