Wenn es auf die Hautfarbe ankommt

Wie soll man mit dummen Anmachen, Grapschern und „Ts, ts!“ oder „Ficki, ficki?“-Zudringlichkeiten umgehen, wenn sie von Männern mit Migrationshintergrund kommen? Das Gunda-Werner-Institut, sozusagen die feministische Abteilung der den Grünen nahe stehenden Heinrich-Böll-Stiftung, hat sich dazu ein paar Gedanken gemacht: „Warum gelang es feministischen, antirassistischen Perspektiven nicht, die Deutungshoheit über die Ereignisse zu erlangen?“ fragt Ines Kappert. Vielleicht kann ich da weiterhelfen.

Die ersten Reaktionen, die vom netzfeministischen Lager auf Twitter gepostet wurden, als herauskam, was sich in der Silversternacht am Kölner Hauptbahnhof abgespielt hatte, verurteilten – und das war das Merkwürdige! – nicht den brachialen Sexismus, der die Täter motiviert haben dürfte, nein, es ging um“rassistische Zuschreibungen“. Das wurde auch in mehreren journalistischen Online-Kommentaren thematisiert und – in einer Art „Metakolumne“ – auf Meedia überblicksartig debattiert.

Gut, die Täter waren Flüchtlinge. Sie stammten zum größten Teil aus Nordafrika. Genau deshalb hatte man auch zunächst versucht, dass Ganze zu vertuschen. Und genau das war der Grund, weshalb die Herkunft der Täter eine so große Rolle gespielt hat.

Grundsätzlich ist die Kritik, man dürfe sexuelle Übergriffe nicht einseitig Tätern ausländischer Herkunft anlasten, ja berechtigt. Allerdings war es hier eben nicht so, dass man die jungen Männer bestraft hätte, weil sie aus Nordafrika stammen, sondern man hat – im Gegenteil – überlegt, darüber hinwegzusehen, weil sie aus Nordafrika stammen. Vermutlich wollte man rechten Kräften keine Munition liefern, die sich dann vielleicht in Aggressionen gegen Flüchtlinge entladen hätte.

Gerade mit dieser Art von „positive Discrimination“ hat man genau das allerdings getan. Nicht nur wurde suggeriert, muslimische Männer – Araber – könnten ihre Hände nun einmal nicht bei sich behalten – deshalb müsse man ihnen das erst einmal nachsehen, sie seien den Anblick halbnackter Frauen nun einmal nicht gewöhnt, undsoweiterblabla – und das ausgerechnet im Namen des Antirassismus! In der Folge der Debatte um die Ereignisse in Köln erhielten junge Araber dann auch vereinzelt Schwimmbad- oder Discoverbot, wie u. a. auf Spiegel Online berichtet wurde. Zwar hatte es auch hier in den meisten Fällen im Vorfeld konkrete Probleme mit Flüchtlingen gegeben, aber eigentlich müsste man davon ausgehen, dass dann genau diese Männer vom Schwimmbad- (oder Disco-)besuch ausgeschlossen werden und nicht alle, die irgendwie nach Araber aussehen.

Es ist also ganz sicher nicht „rassistisch“, jemanden zu bestrafen, wenn er/sie übergriffig wird und nicht einsehen kann, dass da schon längst eine Grenze überschritten war. Rassistisch ist es aber, Leuten von vornherein zu unterstellen, sie seien – in einem strafrechtlich relevanten Maße – sexuell übergriffig, nur weil sie aus Ländern stammen, in denen das Rollenverständnis von Mann und Frau deutlich altmodischer ist als hierzulande. Selbst wenn jemand in sexistischen Rastern denkt (was bei vielen Männern aus dem arabischen Raum der Fall sein dürfte), so bedeutet das ja noch lange nicht, dass diese Person dann in der Praxis auch zum Sexualstraftäter wird. Gedanken und Wertvorstellungen kann man nicht bestrafen, selbst wenn man sie ablehnt. Zumindest nicht, so lange niemand anders dadurch konkret zu Schaden kommt.

Weil aber die Herkunft der Täter für alle Beteiligten – Konservative, Rechtspopulisten, Frauenfeinde und Flüchtlinge ebenso wie Netzfeministinnen und Linke – eine so große Rolle gespielt hat, nutzt, was Fälle wie #koelnhbf betrifft, auch eine Verschärfung des Sexualstrafrechts nichts. Es kommt allein darauf an, ob solche Gesetze im Zweifelsfall dann auch angewendet werden. In der Silvestersternacht sind in Köln ja auch massenweise Handys gestohlen worden und Diebstahl ist nun einmal eine Straftat.

Um also Ines Kapperts Frage zu beantworten: Abgesehen vom rechtskonservativen Rand wird wohl niemand behaupten, sexuelle Übergriffe seien nicht so schlimm, wenn Deutsche, etwa betrunkene Oktoberfestbesucher, sie verüben. Aber es ist eben umgekehrt auch keine Frage der „interkulturellen Sensibilität“, bei Migranten diesbezüglich mal ein Auge zuzudrücken. Es ist das Denken, das Hautfarbe und Herkunft in den Mittelpunkt stellt, das bekämpft werden muss. Und zwar sowohl bei denen, denen eine „arabische Haut“ weniger „Wert“ ist als eine „deutsche“, als auch bei denen, die die Flüchtlinge als Bereicherung unserer Gesellschaft betrachten. Nur so klappt es auch mit dem Zusammenleben – aller kulturellen Differenzen zum Trotz.

Nachtrag: Ines Kappert ist ein Name, der mir irgendwie auch im Zusammenhang mit der taz ein Begriff ist. Das trifft auf sehr viele Leute zu, die für die Heinrich-Böll-Stiftung und das Gunda-Werner-Institut schreiben. Auch die Publizistin Carolin Emcke, die sich mehrfach zum Thema „Hass auf Flüchtlinge“ geäußert hat, ist mit der Heinrich-Böll-Stiftung verbandelt, wie auf deren Website zu lesen ist. Sie war außerdem häufiger Rednerin auf taz-Veranstaltungen. Ich antworte also eher diesem „Meinungsbild“ als irgendeiner Person konkret.

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