Supergau

Bei Thionville/Diedenhofen, Département 57: Moselle (Lothringen), Frankreich, 26. April 2006, 8:48 MEZ, Kontrollraum des Atomkraftwerkes Cattenom:

„Mince alors!“ entfährt es Michel Kattenberg. Entsetzt starrt der Ingenieur auf den Bildschirm. Das kann nicht wahr sein! „Hier stimmt etwas nicht!“. „Was denn?“ Kattenbergs Kollege Dupont denkt, dass es das Übliche ist. Spätestens bis zur Mittagspause würde alles wieder im Lot sein. „Sieh hier!“ Kattenbergs Gesicht ist aschfahl. Der Schweiß tropft ihm von der Stirn. Seine Hände fangen an zu zittern. Ein Ausdruck der Überraschung blitzt im Gesicht des eher phlegmatischen Dupont auf, der in Gedanken eigentlich schon im Wochenende war. Schließlich hat sein Sohn ein wichtiges Fußballmatch, dass er sich auf keinen Fall entgehen lassen will …

Trier, Rheinland-Pfalz, Bundesrepublik Deutschland, 26. April 2006, 9:24 Uhr MEZ:

Tony frühstückt Bier, wie immer. Kim schämt sich manchmal für ihn, für sich, ihren fetten Körper, den fehlenden Schulabschluss, den Putzjob in der Schule in der Innenstadt, einfach alles. Dann hat sie wieder ein schlechtes Gewissen: Tony, der nichts dafür kann, dass er wegen der Bandscheiben nicht mehr Touren fahren kann. Tony, der lacht und mit ihren Kindern Max und Samantha Späße macht, der von seinen Abenteuern erzählt: Terminfracht nach Rumänien und Slowenien, Geschichten aus weit entfernten Ländern. Max und Samantha sind in der Schule. Max ist in der „Doofenschule“. Aber nur, weil er schlecht hört. Das weiß Kim genau. Ihr Max ist ein ganz Schlauer. Der wird’s mal besser haben. „Lass mal nach Wasserbillig fahren, Kippen kaufen.“ sagt Tony. Kim nickt. Eine halbe Stunde später stehen sie an der Bushaltestelle, warten auf den Bus, der sie nach Wasserbilligerbrück bringen soll. Dann werden sie, wie alle paar Wochen, über die Brücke nach Wasserbillig in Luxemburg laufen und sich den Rucksack voll mit Zigaretten und Tabak stopfen, weil das da sehr viel billiger ist. Vielleicht will Tony noch Whisky haben. Dann kaufen sie den eben auch. Geld ist nicht mehr so knapp, seit Kim den Job in der Schule hat …

Forbach, Département 57: Moselle, Frankreich, Grenze zu Saarbrücken, 26. April 2006, 9:51 Uhr MEZ:

Janis fragt, ob man hier „Wen oder was“ oder „Wem oder was?“ fragen muss. Akkusativ oder Dativ? Mehrere kleine Hände schießen in die Höhe. Da geht plötzlich die Tür auf. Josianne Schuster, die Rektorin der kleinen Grundschule stürmt brüsk und ohne Entschuldigung herein, wie das sonst gar nicht ihre Art ist. Janis guckt verwirrt. „Macht die Fenster zu, Janis!“ stammelt Josiane. „Drüben in Cattenom hat’s ein Problem gegeben …“ „Oh Gott! Schlimm?“ entfährt es Janis. „Nein, du weißt, die machen doch so Übungen!“ antwortet Josianne und fährt leiser, zu Janis gebeugt fort: „Nicht vor den Kindern! Man weiß nichts genaues, aber ich sage dir: Es ist ganz bestimmt keine Übung. Mein Mann hat schließlich jahrelang im Werk gearbeitet!“ Janis guckt betroffen. Josiannes Mann ist im letzten Herbst gestorben. Der Krebs. Allerdings war Jean-Claude Schuster Kettenraucher.

Luxemburg-Stadt, Großherzogtum Luxemburg, 26. April 2006, 9:55 Uhr MEZ:

Sébastien schließt pünktlich wie immer die Ladentüren auf. Zufrieden checkt er alles mit einem letzten, prüfenden Blick: Die Schuhe, edle italienische Herrenschuhe, stehen alle sauber aufgereiht im Regal, die Wolldecke über dem kleinen Clubsessel, auf dem die Kunden zum Schuhe Anprobieren Platz nehmen sollen, ist appetitlich zurecht gelegt, so wie es sein Chef Jean-Marc haben will. Sébastien wird noch ein bisschen Staub wischen, so lange noch nicht so viele Kunden da sind und sich dann wieder Friedrich Nietzsche widmen. Das Studium der Theaterwissenschaften in Metz hat ihm zwar nichts gebracht, aber immerhin: Jetzt, wo er jeden Tag von Metz nach Luxemburg-Stadt pendelt, um Schuhe zu verkaufen, hat er wenigstens die Gelegenheit, ein bisschen von dem Flair zu schnuppern, in dem Nietzsche seine Schriften verfasst hat. Ist ja fast schon Deutschland hier, denkt sich Sebastien, der bei seiner Bewerbung damit Punkte gemacht hat, dass er – obwohl ursprünglich aus der Auvergne stammend – aus der Schule recht passable Deutschkenntnisse mitgebracht hat …

Saarbrücken, Saarland, Bundesrepublik Deutschland, 26. April 2006, 10:20 Uhr MEZ:

Genervt zerrt Sandra ihre kleine Tochter Lea weiter. Lea war heute wieder so unleidlich, dass der Einkaufsbummel die reinste Hölle werden würde. Sandra braucht neue Schuhe für Lea, ein paar Sommersachen und sie wollte außerdem bei Saturn nach einem preiswerten Labtop gucken. Im Sommer, wenn Lea in die Schule kommen würde, hätte Sandra endlich wieder ein bisschen Zeit für sich. Dann würde sie ihren ersten Roman schreiben, hat sie sich fest vorgenommen. Im Kopf hat sie sich bereits ein Handlungsgerüst zurecht gelegt. Mit einem eigenen Labtop könnte sie bequem in der Küche oder im Wohnzimmer schreiben und alles wieder zusammenklappen und wegräumen, wenn Martin von der Arbeit käme. „Lass uns kurz zu Saturn rein!“ umschmeichelt Sandra ihre Tochter. „Dann gehen wir ein Eis essen und dann kaufen wir dir die süßesten Sandalen der Stadt! Deine Freundinnen werden Augen machen!“ „Au ja! Richtige Prinzessinnensandalen!“ kiekst Lea begeistert. Liebevoll sieht Sandra ihre Tochter an …

Trier-Innenstadt, Rheinland-Pfalz, Bundesrepublik Deutschland, 26. April 2006, 10:37 Uhr MEZ:

Lou sitzt in Jogginghose und ausgeleiertem Sweater am Küchentisch und schafft es, zwischen Brötchenkrümeln, Apfelgripschen und offenen Marmeladengläsern irgendetwas zu tun, was wie Arbeit an ihrer Diplomarbeit aussieht. Zumindest, wenn man genauer hinschaut. Ihr Mitbewohner Chris ist sich sicher, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis Kaffee auf den Bücherstapel kippt. „Na, die kriegt Ärger, wenn sie das wieder in der Bibliothek abgibt!“ denkt sich Chris. Im Radio, das leise läuft, leiert eine monoton Stimme: „Wie uns soeben mitgeteilt wurde, hat sich in dem französischen Atomkraftwerk Cattenom ein Unfall ereignet. Die Einwohner der Ortschaften Perl, Nennig und Umgebung werden gebeten, die Fenster zu schließen und auf weitere Anweisungen zu warten. Es besteht keine akute Gefahr für die Bevölkerung! Ich wiederhole: Es besteht keine akute Gefahr …“ „Oh!“ Lous Mund formt ein O, die Augen sind schreckgeweitet. „Ach, das passiert doch alle nasenlang!“ wiegelt Christ ab. „Jaaa …“ sagt Lou, die sich ehrenamtlich in einer Umweltinitiative engagiert, gedehnt. „Das mit Nennig ist aber neu.“. „Ich glaube, die wollten irgendwie eine Übung machen.“ gibt Chris zu bedenken. „Hey, ich muss jetzt aber los, zur Uni.“ …

Luxemburg-Stadt, Großherzogtum Luxemburg, 26. April 2006, 10:40 Uhr MEZ:

Gellend schrillt der Alarm. Immer auf und ab. „Das muss irgendwas bedeuten.“ denkt Sébastien, der immer noch im Schuhladen sitzt, Nietzsche liest und auf Kundschaft wartet. Jean-Marc Wiltz, sein Chef ist zu einem Außentermin in Belgien. Plötzlich steht ein Gendarm in der Ladentür: „Mach die Tür zu, Junge!“ ranzt er in breitem Luxemburgisch. „Tür zu! Radio!“ setzt er auf Französisch hinzu und fragt dann noch „Portugues?“. Sebastien schüttelt verdattert den Kopf. Nein, er ist keiner der vielen portugiesischen Immigranten. Manchmal neigen die Luxemburger dazu, sich ein bisschen wichtig zu machen, denkt sich Sébastien. Er schließt aber die Tür, wie ihm geheißen wurde und schaltet brav das Radio ein, dreht gleich weiter, bis er einen lothringischen Sender drin hat. Das Blut gefriert ihm in den Adern ….

Ein kleiner Hof bei Schengen, Großherzogtum Luxemburg, Dreiländereck Deutschland-Frankreich-Luxemburg, 26. April 2006, 11:17 Uhr MEZ:

Claudine seufzt. Bügeln hat ihr noch nie Spaß gemacht. Die zwei Ziegen, die ihr Mann Jean-Marc und sie sich im letzten Sommer angeschafft haben, grasen friedlich auf der Weide. Wenn sie mit dem Bügeln fertig ist, würde sie ein bisschen im Garten arbeiten. Bei einem so strahlend schönen Frühlingstag bietet sich das einfach an. Donnernde Schläge an der Tür reißen Claudine aus ihren Überlegungen. „Oh Nein! Einbrecher! Und das am helligten Tag!“ denkt sie erschreckt. „Einfach so tun, als sei niemand da!“. Da brüllt es: „Gendarmerie! Aufmachen!“ „Ob das ein Trick ist?“ fragt sich Claudine, geht aber doch zögernd zur Tür. Sie schiebt die Kette vor und öffnet halb. Draußen stehen zwei Gendarmen mit Atemmasken. „Evakuierungsbefehl! Holen sie sofort ihre Ausweispapiere und kommen sie dann mit! Los, los, wir haben keine Zeit zu verlieren!“ Claudine ist verwirrt und wie starr vor Schock. Dann geht alles plötzlich wie im Zeitraffer: Claudine schlüpft in ihre Latschen, das erste Paar Schuhe, das sie vor Augen hat, streift sich einen Mantel über. Mist, sie hat den Wintermantel erwischt. Und greift nach ihrer Handtasche. „In Cattenom ist etwas schief gegangen …“ murmelt der andere Gendarm. „Meine Kinder!“ kreischt Claudine. Pier und Tess sind in der Schule. „Alle Schulen und Vorschulen in den betroffenen Gebieten im Großherzogtum sind bereits evakuiert worden. Sie sehen sie dann in den Sammelstellen. Da haben ihre Kinder auch bereits Jodtabletten erhalten. Jetzt aber los!“ sagt der erste Gendarm förmlich. Claudine laufen die Tränen über’s Gesicht. „Jean-Marc ist heute in Belgien, nicht im Laden in Luxemburg-Stadt.“ grübelt sie für sich. „Nur noch die Ziegen in den Stall!“ bettelt Claudine die Gendarmen an. „Nein.“ antwortet der erste Gendarm barsch. „Haben sie denn nicht die Broschüre für den Notfall im Haus?“ fragt der andere sanft. „Da steht, dass sie das Vieh vor der Evakuierung in den Stall hätten bringen müssen. Jetzt können wir nichts mehr für sie tun.“ Claudine schluchzt laut auf. Die Gendarmen packen sie unter den Schultern und schleifen sie zu dem Reisebus, der an der Straße steht. „Wie eine Verbrecherin werde ich hier abgeführt!“ jammert Claudine für sich. Im Bus warten verschreckte Gestalten. Claudine erkennt schemenhaft einige Nachbarn. Der alte Mertert hat nur eine Strickjacke über dem Pyjama an. Der Bus setzt sich in Bewegung …

Saarbrücken, Saarland, Bundesrepublik Deutschland, 26. April 2006, 11:23 MEZ:

Auch „Bei Beppe“, wo Sandra mit ihrer Tochter Lea sitzt, läuft jetzt Radio. Lea hat einen Schlumpfeisbecher mit giftig-fluoreszidierend hellblauen Eiskugeln und einem farblich passenden kleinen Papierschirmchen vor sich. Statt der üblichen Smash-Hits „des neuen Jahrtausends“ bringt der Südwestfunk non-stop Redebeiträge. Beppe hat die Türen verrammelt. Die Stimmung liegt irgendwo zwischen gespannt und gedrückt. „Die Bewohner des Landkreises Merzig-Wadern und der Gemeinde Perl werden gebeten, alle Fenster und Türen zu schließen, sich in den Keller zu begeben und ihre Radiogeräte eingeschaltet zu lassen. Sie werden in den kommenden Minuten geschlossen evakuiert. Bitte halten Sie sich nicht im Freien auf und versuchen Sie nicht mehr, im eigenen PKW zu fliehen. Staus behindern die Evakuierungsmaßnahmen des Katastrophenschutzes bereits erheblich. Der Zugverkehr ist bis auf weiteres eingestellt. Die Grenzübergänge nach Frankreich und Luxemburg sind geschlossen. Bitte leisten Sie den Anweisungen des Evakuierungspersonals unbedingt Folge.“ Sandra glaubt, einen Hubschrauber flappen zu hören. Oskar Lafontaine, der Ex-Ministerpräsident des Saarlandes, gibt im Radio eine erste Stellungsnahme. Dann wird das kleine Städtchen Saarlouis genannt. Sandra horcht auf. Da wohnen sie. „Die Bewohner der Gemeinde Rehlingen-Siersburg werden gebeten, sich für die Evakuierung zu folgenden Sammelstellen zu begeben … Für die Bevölkerung von Saarlouis besteht keine akute Gefahr! Ich wiederhole: Es besteht keine …“ Sandra schaltet innerlich ab. Saarlouis wird nicht evakuiert. Keine akute Gefahr! Ob sie noch nach Hause kommt? Wäre sie doch heute nur nicht mit Lea nach Saarbrücken gefahren! Giftig-blau schmilzen die Eiskugeln in Leas Becher vor sich hin …

Wasserbillig, Grenze zwischen Luxemburg und Deutschland, auf der Brücke über dem Grenzflüsschen Sauer, 26. April 2006, 11:50 Uhr MEZ:

Tony torkelt ein bisschen. Kim hat den Tabak und die Zigarettenstangen sicher in ihrem abgewetzten Army-Rucksack verstaut. Bald müsste der Bus nach Trier kommen. Erst als es fast zu spät ist, bemerken sie die Mündungen der Maschinengewehre, die auf sie gerichtet sind. „Halt!“ brüllt einer der beiden Gendarmen. Kim schielt über seine Schulter in Richtung Deutschland und sieht statt des Busses nach Trier einen Bundeswehrlaster …

Konz bei Trier, Rheinland-Pfalz, Bundesrepublik Deutschland, 26. April 2006, 13:10 Uhr MEZ:

Tanja Schmitz drückt ihren Sohn Liam an sich. Der lacht und freut sich. Wegen des Unfalls in Cattenom haben die Kinder morgen schulfrei. Auch Tanjas Freundin Karolin hat ihre Zwillinge Paula und Marie eingesammelt. Paula tritt unruhig auf der Stelle hin- und her. „Mama, ich muss mal!“ „Still!“ herrscht Karolin sie an. „Du gehst jetzt nicht in die Schule zurück. Da sind doch die Verstrahlten!“ Aus einem Reisebus klettern Gestalten, die ziemlich mitgenommen aussehen. Leute aus Nennig und den umliegenden Dörfern, die direkt an der luxemburgischen Grenze liegen. „Mama, was ist „verstrahlt“?“ will Liam wissen. „Das sind gefährliche Strahlen, die aus dem Atomkraftwerk in Frankreich kommen. Weil das doch jetzt kaputt ist.“ bemüht sich Tanja um eine kindgerechte Erklärung. „Kann man davon sterben?“ fragt Marie. „Ja.“ antwortet Tanja knapp. „Geil, sowas will ich auch für mein Lichtschwert! Dann bin ich der Superkämpfer!“ freut sich der kleine Liam. „Bist du doof!“ mault Paula, die jetzt wirklich nötig auf die Toilette muss. „Mama, lass uns endlich nach Hause gehen!“ „Meinst du, dass das auch für uns gefährlich ist?“ fragt Karolin Tanja. „Ich weiß nicht.“ Tanja Schmitz zögert. Ganz wohl ist ihr bei dem Ganzen nicht. „Aber sonst hätten sie was gesagt, denke ich. Passiert ist passiert und Angst haben hilft jetzt auch nicht.“ ringt sie sich zu einer Meinung durch …

Trier Hauptbahnhof, Rheinland-Pfalz, Bundesrepublik Deutschland, 26. April 2006, 15:45 Uhr MEZ:

Busse fahren keine, deshalb musste Lou den ganzen Weg zu Fuß latschen. Und das mit dem schweren Globetrotter-Rucksack auf dem Rücken! Gegen fünf müsste ein Regionalexpress in Richtung Köln loszockeln. Lou hat vor, sich ein Super-Sonderangebot-Ticket zu kaufen und sich dann von Bummelzug zu Bummelzug zu ihren Eltern nach Schleswig-Holstein durchzuschlagen. Morgen früh müsste sie da sein. Ihr Mitbewohner Chris, der doch nicht mehr zur Uni gefahren ist, fand das hysterisch. „Guck mal, Trier liegt doch gar nicht in der Evakuierungszone!“ hatte er gesagt. „Ja klar, Evakuierungszone!“ hatte Lou zurückgepampt. „Du weißt doch, wie das damals in Tschernobyl war!“. Chris hält für einen Moment inne, ganz der Pragmatiker, der sich nicht verrückt machen lässt. „Das mit den Spätfolgen ist etwas anderes, Lou. Aber im Moment ist überall Stau auf den Straßen, weil die Leute aus dem Saarland versuchen, nach Nordosten zu kommen. Ich habe gehört, dass die jetzt sogar teilweise Bundeswehr einsetzen, um die zurückzudrängen, weil von denen einige wirklich heftig verstrahlt sind. Das ist das reinste Chaos!“ „Chris hat gut reden!“ denkt sich Lou. Er kommt ja aus Trier. Der zieht sich heute mit seinem Bruder, der als Bio-Weinbauer mit seiner Frau ein kleines Weingut in der Umgebung hat, ein Gläschen Wein rein und lässt den lieben Gott einen guten Mann sein. Als der Bahnhof in Sichtweite kommt, sieht Lou Polizei vor der Bahnhofstür. Sie will es genau wissen. „Hier fährt heute kein Zug, Fräulein!“ knarzt der Beamte. „Und morgen?“ erkundigt sich Lou. „Wissen wir nicht.“ heißt es knapp. Lou könnte heulen. Frustriert kehrt sie um …

Schwarzenbek bei Hamburg, Schleswig-Holstein, Bundesrepublik Deutschland, 26. April 2006, 20:03 Uhr MEZ:

„Jens, komm mal!“ ängstlich zeigt Heike Bohnkamp in Richtung Fernseher, wo, wie jeden Abend, die „Tagesschau“ läuft. „Ein Super-Gau in Cattenom! Dieses marode französische Atomkraftwerk in Frankreich, von dem Lou immer erzählt hat. Das ist ganz in der Nähe von Trier!“. Jens Bohnkamp gibt einen Grunzlaut von sich. Dass seine Tochter in einem Kaff in Baden-Württemberg oder wo auch immer studieren wollte, hat ihm sowieso nie gepasst. In Hamburg hätte sie viel bessere Chancen gehabt. „Sehen Sie im Anschluss auch unseren Brennpunkt.“ sagt der Tagesschausprecher. Ein gelbes Band unten im Bild wirbt auch für den ARD-Brennpunkt über das havarierte AKW Cattenom. Eine blonde Frau in Outdoor-Kleidung wird interviewt. „… haben immer wieder auf die Störanfälligkeit des AKWs hingewiesen …“ Jens Bohnkamp hört weg. Das Geschwätz interessiert ihn nicht. Was mit seiner Tochter ist, will er wissen. „Ich ruf mal an.“ sagt er. „Ja“ murmelt seine Frau Heike. Lou ist ihr einziges Kind. Heike Bohnkamp starrt weiter wie gebannt auf den Bildschirm. Bilder von einem improvisierten Lager in einer Grundschule werden gezeigt. Verhärmte, verängstigte Gestalten. „… wie etwa hier in einer Grundschule in Konz, Kreis Trier-Saarburg in Rheinland-Pfalz. Weitaus schlimmer ist die Lage im benachbarten Saarland …“ Jens Bohnkamp lauscht ins Telefon. Monotones Getute.

Nachtrag:

  • Entfernung (Luftlinie): Cattenom – Luxemburg-Stadt (Luxemburg): 24,23 km
  • Entfernung (Luftlinie): Cattenom – Saarbrücken: 57,56 km
  • Entfernung (Luftlinie): Cattenom – Forbach (Frankreich): 53,32 km
  • Entfernung (Luftlinie): Cattenom – Metz (Frankreich): 32,56 km
  • Entfernung (Luftlinie): Cattenom – Trier: 48,8 km
  • Entfernung (Luftlinie): Cattenom – Konz: 40,87 km
  • Entfernung (Luftlinie): Cattenom – Wasserbillig (Luxemburg): 39,07 km
  • Entfernung (Luftlinie): Cattenom – Schengen (Luxemburg): 11,48 km
  • Entfernung (Luftlinie): Cattenom – Saarlouis: 37,96 km
  • Entfernung (Luftlinie): Cattenom – Nennig: 17,19 km
  • Entfernung (Luftlinie): Cattenom – Schwarzenbek: 541,67 km

Alle Angaben nach www.luftlinie.org.

Für eine Evakuierung nach einem Gau relevante Zonen: Zentralzone um das AKW herum: 2 km. Mittelzone: 10 km. Außenzone: 25 km.

Diese Geschichte ist frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden Personen sind reiner Zufall. Außerdem haben wir bereits 2016, aber – glücklicherweise – hat sich bislang noch kein schwerwiegenderer Unfall im Atomkraftwerk Cattenom ereignet. Allerdings gilt das AKW als sehr störanfällig. Erst vor wenigen Tagen hat das Großherzogtum Luxemburg der französischen Regierung Geld angeboten, damit Cattenom abgeschaltet wird, wie u. a. die Tagesschau berichtete. Immerhin würde das kleine Land im Herzen Europas bei einem möglichen Super-Gau zu den am stärksten betroffenen Regionen gehören.

Einiges, was ich beschrieben habe, würde in der Realität sicherlich so nicht ablaufen. U. a. würden zwar sehr wahrscheinlich Busse zur Evakuierung zur Verfügung gestellt, aber vermutlich würde niemand, wie z. B. Claudine in Schengen, von der Gendarmerie abgeholt. Konkret existieren diverse Notfallpläne für das Land Luxemburg (abrufbar unter: www.infocrise.lu) und für die betroffenen Regionen im Saarland (für die Gemeinde Mettlach z. B. abrufbar unter: www.mettlach.de) und in Rheinland-Pfalz (für den Landkreis Trier-Saarburg abrufbar unter: www.trier-saarburg.de).

Das bislang beste Buch zum Thema, quasi die „Urmutter“ aller Geschichten über Nuklearunfälle, ist natürlich „Die Wolke“ von Gudrun Pausewang aus dem Jahr 1987. Ein Jahr nach dem Reaktorunfall in Tschernobyl geschrieben, schildert das Buch eindrucksvoll, wie fürchterlich ein Super-Gau in Deutschland wäre. Spätestens nach Fukushima wissen wir, dass Reaktorunfälle sich nicht „nur“ in maroden Ostblockstaaten ereignen. Auch hochtechnisierte Industrienationen sind nicht sicher davor. Deshalb bleibt nur zu hoffen, dass die Bundesregierung den Atomausstieg vorantreibt und auch Cattenom eines Tages vom Netz geht. Möge diese Geschichte für immer Fiktion bleiben! Im Gedenken an die Opfer von Tschernobyl und Fukushima.

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