Sich Ritzen oder einfach nicht mehr das Opfer sein?

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„Hass. Gefällt mir.“ Der Titel passt gut in unsere Zeit. Eigentlich richtet sich das Buch von Johanna Nilsson an Jugendliche, aber ich wollte etwas über Mädchen wie Gloria lernen. Solche Mädchen kenne ich – als Frauen – nicht wenige. Man bzw. frau fühlt sich manchmal machtlos gegen sie, aber es stimmt, dass sie eigentlich Mitleid verdienen. Soweit meine persönlichen Gefühle. Gloria – die aus dem Buch – ist ein bisschen dick, betreibt einen Beauty-Blog und lebt irgendwo in einem wohlhabende-Leute-Viertel im kalten Schweden. Gloria ritzt sich die Arme auf. Berlin ist voller Glorias. Nach hiesigem Verständnis wäre sie queer, kann ich nicht umhin, zu denken, ein bisschen grimmig. Aber das sind jetzt meine eigenen, unangenehmen Erfahrungen, die sich hier als Hintergrundfolie in den Vordergrund drängeln. Gloria ist nämlich – wie gesagt – auch ein Opfer. Irgendwie. Die auf Mode und Lifestyle versessene Mutter promoted Glorias jüngere Schwestern, die etwas schlanker sind und daher Kindermodels sein können, nein, sein sollen. Außer auf äußerlichen Erfolg scheint es auf nichts anzukommen. Daher erfährt man auch nur am Rande, dass Gloria in der Schule, wo sie vorher war, entsetzlich gemobbt worden ist. Jetzt hat sie Jonna, das Mädchen aus dem Problem-Elternhaus, als Freundin. Jonna ist ein Nobody, eine Streberin, die auch Fußball spielt und deren Mutter am Fließband steht und mit dem arbeitslosen Freund so etwas wie ein Familienleben aufrecht zu erhalten versucht.

Wenn man bzw. frau dabei ist, erwachsen zu werden, reicht eine Jonna aber nicht. Gloria will mehr: Robin zum Beispiel, den gut aussehenden Fußballstar der Schule. Dafür, dass er ihre Freundschaftsanfrage auf Facebook annimmt, schickt Gloria ihm gern ein Nacktfoto. Nach dem Lucia-Fest entgleitet ihr dann die Kontrolle: Rummachen mit Robin, ja, das ist gut. Als nach dem Kater am nächsten Morgen ein Video auf Facebook kursiert, auf dem Gloria Robin einen bläst, ist es nicht mehr nur ein harmloser Spaß unter Jugendlichen, ein bisschen zu viel Alkohol und Herumgefummele, das zu weit gegangen ist. Gloria schafft es nicht mal, sauer zu sein, obwohl die gehässigen Kommentare der Mitschüler nicht auf sich warten lassen. Dafür ist Jonna sauer. Man bzw. frau darf sich nicht alles bieten lassen! Egal, wie gut Robin aussieht, egal, wie beliebt er ist. Da kann man als Leser(in) eigentlich nur zustimmen.

Dann jedoch eskaliert die Sache. Plötzlich ist es Robin, der gemobbt wird. Zuerst denkt man noch: „Recht so! So ein Schwein soll es ruhig mal zurück kriegen!“ Nur steigert sich Gloria, die – da muss man nicht lange raten – hinter der ganzen Sache steckt, immer mehr in ihre neue Rolle hinein. Es scheint, als hätte sie Blut geleckt. „Gloria und Robin. Robin und Gloria“ summt es beim Lesen wie ein Mantra in meinem Kopf. Sind die beiden einander nicht ähnlich? Eitle Menschen, die um jeden Preis im Mittelpunkt stehen und alle Felder für sich besetzen wollen, Bullies, Mobber, die nicht von ihrem Opfer ablassen können, auch dann, wenn es längst am Boden liegt und mehr als genug Denkzettel verpasst gekriegt hat. „Robin und Gloria“ sind aber auch verletzte, innerlich zutiefst verstörte Menschen. Erik, Robins bester Kumpel, soll – so will es Gloria – sagen, dass Robin ihn in der Umkleide immer so komisch anguckt. Das ist der Moment, wo ich unmerklich auf Robins Seite rutsche, auch wenn er als echtes Arschloch dargestellt wird. Trotzdem – der „Homo“ soll seine Abreibung kriegen – von allen. Die kriegt er dann auch. Unerbittlich. Eigentlich ist Robin nicht homosexuell, auch wenn er wirklich mit „abweichender“ Sexualität zu tun hat. Vielleicht trifft es daher um so mehr. Nicht zuletzt auch, weil Robins Familie streng christlich ist.

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Gloria jedenfalls berauscht sich an ihrer Macht: Die Puppen tanzen zu lassen, alle Schüler der Schule vor ihren Karren zu spannen. Die vielen, die bislang willig mitgemacht haben, erpresst sie. Anstatt die Outsiderin mit Herablassung zu behandeln, begegnet man ihr jetzt mit Respekt. Nein, es ist eher Angst. Und vielleicht liegt es daran, dass Gloria sich immer mehr und heftiger die Arme aufritzt. Nur die blasse Jonna hat schließlich den Mut, Gloria zu stoppen. Sie stellt sie vor ein Ultimatum. Vergeben und ein Neuanfang mit echter Freundschaft oder …. Das „oder“, Zuneigung zu verlieren, die nicht davon abhängig ist, die Stärkere zu sein, ist eine Alternative, die für das dickliche, ungeliebte Mädchen eigentlich nicht in Frage kommt ….

Vielleicht ist Johanna Nilssons Buch keine Hochliteratur und kein neuartiges literarisches Experiment, aber es hat alles, was ein gutes Jugendbuch ausmacht: Es liest sich gut und inhaltlich fand ich persönlich es sehr berührend und hochaktuell. Ich weiß, wie sich Demütigung anfühlt und welche Gefühle eine immense, über einen langen Zeitraum angestaute Wut auslösen kann. Aufgrund meiner Erfahrungen aus der queeren Szene weiß ich auch, dass „Gloria“ und „Robin“ heutzutage keine Einzelfälle sind. Mir kommt es manchmal eher so vor, als ob eine (oder vielleicht auch mehrere) Generationen von Frauen (oder jüngeren Leuten) einem Kreislauf aus Leistungsdruck, Ego-Shooting und Hass – auf sich selbst und andere – anheim fallen. Wie gut, dass es auch immer noch die Jonnas gibt. Möge jede von uns die Schlichterin in sich entdecken, die, die im letzten Moment noch anhält, bevor es zu spät ist.

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