Fuck! Endstation Armut!

„Angst vor der Parallelgesellschaft. Kann Deutschland Integration?“ hat man sich gestern in der ZDF-Talkshow „Maybritt Illner“ gefragt. Sineb Al-Masrar, die marokkanischer Abstammung ist und bereits mehrere Bücher zu Thema verfasst hat, spricht in aller Deutlichkeit aus, was sich bislang viele nicht getraut haben, zu sagen – dass schlechtes Benehmen keine Religion ist. Es ist nicht „typisch“ für den Islam. Man kann noch einen draufsetzen und darauf bestehen, dass man „schlechtes Benehmen“, sprich: Frauenfeindlichkeit, Kriminalität, all das, wovor sich viele Menschen im Moment fürchten, weder entschuldigen muss, noch aber den Islam als solchen verteufeln oder auf allen herumhacken, die irgendwie damit zu tun haben. Gäbe es keine Muslimen in Deutschland, wäre das Problem nicht aus der Welt.

Aber das Problem gibt es eben auch mit Muslimen. Darauf hat die Polizeibeamtin Tania Kambouri hingewiesen. Eine unangenehme Fußnote ist vielleicht, dass Kambouri immer wieder gezwungen war, sich von politisch rechten Positionen abzugrenzen. Es zeigt, wie schwierig es geworden ist, differenzierte Diskussionen zu führen. Aber vielleicht sind Pauschalisierungen und Stimmungsmache einfach bequemer.

Als eine Frau aus Kaiserslautern in die Talkrunde geholt wird, merke ich auf. Vom „Asternweg“, einem sozialen Brennpunkt in der pfälzischen Stadt, die wohl ansonsten eher durch ihren Fussballclub ein Begriff ist, hatte ich bereits gehört. Es gab eine zweiteilige Doku im Fernsehen, die ich aber nicht gesehen habe. Katharina Dittrich-Welsh macht einen robusten Eindruck: lange rote Haare, die Arme von oben bis unten tätowiert, kein zartes Pflänzchen, eher eine Biker-Lady. Sie erzählt aus dem Ghetto, wo Menschen in Wohnungen ausharren müssen, die keine Heizung, kein Warmwasser, nicht einmal Duschen haben. Unvorstellbar, dass es so etwas im wohlhabenden Deutschland gibt! Selbst Problemviertel, die zu bundesweiter, meist trauriger Berühmtheit gelangt sind, wie Berlin-Neukölln, sind nicht derart heruntergekommen.

Es gäbe keinen sozialen Wohnungsbau in Kaiserslautern, berichtet Katharina Dittrich-Welsh, die sich ehrenamtlich im Asternweg engagiert. Für die Flüchtlinge habe man zwei Blocks geräumt und etwas besser ausgestattet. Von Sozialneid sei aber bei den Einheimischen nichts zu spüren gewesen. Im Gegenteil, man habe sich eher solidarisch mit den Flüchtlingen gezeigt. Darüber stolpere ich etwas. Nicht, weil ich es nicht toll finde, sondern weil es ein bisschen nach „Sommermärchen“ klingt, oder so, wie gestandene Linke die Welt gern sehen würden – zu schön, um wahr zu sein. Aber – ist das vielleicht nur mein Eindruck? Dittrich-Welsh sieht schon etwas nach Ex-Antifa aus. Dass sie sich sehr gewandt – unverkennbar akademisch – ausdrückt, fällt mir richtig auf.

Eine Studierte in der Obdachlosensiedlung? Eine, die nicht mault, sondern anpackt? Ich meine, man kann tief sinken. Ich habe ja auch studiert und lebe trotzdem unter der Armutsgrenze. Würde ich irgendwann auch gezwungen sein, in einem Viertel, wie dem Asternweg zu leben? Oder ganz auf der Straße? Wäre ich dann nicht neidisch, auf die Flüchtlinge, die doch den etwas besseren Standart kriegen? Ich gebe den Namen „Katharina Dittrich-Welsh“ schnell bei Google ein, stolpere auf einem Portal, das sich „Finanznachrichten“ nennt, über das Wörtchen „Diplomatentochter“, also eine, die so richtig tief gesunken ist? Drogen? Alkohol? Nein, da steht auch, dass Dittrich-Welsh doch in einem der besseren Viertel Kaiserslauterns lebt. Ich werde richtig neugierig. Dann lese ich was von CDU Kaiserslautern-Mitte. Also doch nicht Antifa. Oder es ist eine andere. Ich beschließe, dass das mit dem googlen keine gute Idee ist. Nicht alles, was im Internet steht, muss wahr sein und die Frau hat ja recht: anstatt auf die Flüchtlinge neidisch zu sein, ist es besser, sich dafür einzusetzen, dass sich die Lebenssituation aller Menschen, die am unteren Rand der Gesellschaft leben, bessert – eine Position, der ich mich nur anschließen kann. Wenn auch mit dem Wermutstropfen, dass man natürlich auch gleich ein Sozialer Wohnungsbau-Programm hätte anleiern können. Ein schaler Beigeschmack bleibt: dass man den Leuten halt doch nicht unbedingt immer über den Weg trauen kann. „Arm“, „arm“ und „engagiert für Arme“ ist nicht das Gleiche. Schwamm drüber. Irgendwie hatte ich es ja geahnt …

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