Sarrazin hat wieder zugeschlagen

Oh Gott, schon wieder ist von „kognitivem Profil“ die Rede, wenn es um Migranten geht. Thilo Sarrazin hat mal wieder zugeschlagen, wie u. a. der Stern berichtet. Hört das denn eigentlich nie auf? Man kann vor vielem Angst haben: dass die Flüchtlinge einem dem Arbeitsplatz wegschnappen, dass ein radikaler, frauenverachtender Islam in ärmeren Vierteln den Ton angibt, dass in manchen Schulklassen nur noch eine Minderheit Deutsch als Muttersprache hat. Aber Gene? Kognitive Profile? Ernsthaft?

Klar, dass Arbeitsmigranten aus einer fernab gelegenen türkischen Bergregion nicht als Intellektuelle auftreten, sollte einen nicht wundern. Nur, wie wäre es, wenn man einen fairen Vergleich zieht: Deutsche aus der Unterschicht, derart perspektivlos, dass sie ein nicht gerade verlockendes Arbeitsangebot – Fließbandarbeit, die die Einheimischen nicht machen wollen – gern annehmen und bereit sind, dafür in ein tausende Kilometer entferntes Land zu ziehen, dessen Kultur so anders und so exotisch ist, dass man sie nicht einmal vom Hörensagen kennt.

Irgendwann in den 1970er Jahren kam man auf die Idee, dass ungebildete Menschen vielleicht einfach nur ungebildet sind. Oder „bildungsfern“, wie man heute sagen würde. Es liegt also nicht an den Genen. Obwohl gewisse Talente natürlich vererbt werden, aber nicht nur innerhalb einer Schicht, einer Nation oder gar einer Hautfarbe. Ganz sicher ist es nicht so, dass in jedem Unterschichtler ein Genie steckt, dass man durch die richtige Förderung zur Entfaltung bringen kann. Genauso wenig gilt das für jeden Migranten. Aber auch umgekehrt macht einen eine „höhere Geburt“ nicht automatisch zum intelligenteren, begabteren Menschen. Ich glaube nicht, damit jemandem Unrecht zu tun. Gerade wer es nicht so nötig hat, sich ständig als „überlegen“ zu feiern, wird sicherlich leichten Herzens zustimmen.

Im Nationalsozialismus griff man ein fast überall in der westlichen Welt verbreitetes Denkmuster auf, Rassetheorien, wie sie Joseph Arthur de Gobineau und Houston Steward Chamberlain entwickelt hatten. Eigentlich sollte es überflüssig sein, näher darauf einzugehen, dass das alles hahnebüchener Quatsch ist. Die Nazis verachteten u. a. die Südeuropäer – obwohl viele von ihnen, v. a. die italienischen Faschisten, ihre Verbündeten waren – als „weiche“, fröhliche Menschen, denen die Musik eher im Blut läge als das logische Denken. Wer glaubt, daran sei zumindest ein Körnchen Wahrheit, sollte sich ins Gedächtnis rufen, dass auch zu Weltruhm gelangte Wissenschaftler wie Umberto Eco „Südeuropäer“ sind. Negieren zu wollen, dass auch in der Türkei Wissenschaft und Kunst betrieben wird, wie überall, wo genügend Geld da ist, und es nicht nur darum geht, das eigene Überleben zu sichern, wäre, wie zu behaupten, dass die Banane gar nicht krumm sei. Böse Mächte wollten einem das nur suggerieren. Es ist absurd! Die Araber galten im Mittelalter als die Bewahrer und Weiterentwickler antiken Wissens, ein Schwarzer leitet die Geschicke des mächtigsten Landes der Erde, von den alten Ägyptern wird berichtet, dass sie bereits Hirnorperationen ausgeführt hätten. Ob das nun stimmt, kann ich nicht belegen, aber man kann wohl mit Sicherheit sagen, dass unser Porzellan aus China stammt und unsere Schrift im Nahen und Mittleren Osten ihren Ursprung hat. Wer behauptet, diese oder jene Kultur sei per se zu den höheren Kulturleistungen befähigt, wird also immer daneben liegen.

Anstatt über „Gene“ und „kognitive Profile“ zu diskutieren, sollte man vielleicht besser darüber reden, wie ein guter Deutschunterricht auch nicht-deutsche Kinder an Schulen sprachlich schnell auf das Niveau ihrer Altersgenossen bringt. Man muss überlegen, wie man es hinkriegen kann, dass auf dem Arbeitsmarkt nicht zu viel Druck durch Zuwanderung entsteht. Man müsste alle partizipieren lassen, nicht die einen gegen die anderen ausspielen. Und die Angst vor einer fremden Kultur kann man leicht nehmen, indem man diejenigen schützt, die unterlegen sind und niemanden dominieren lässt – egal, wer nun in welcher Position ist. Die Debatte, die wir brauchen, ist also eine ganz andere. Sarrazin lenkt nur ab.

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