Klicken fürs Volk

Die taz macht jetzt auch einen auf Polit-Psychotests. Na ja, Psychotests gibts in jeder Frauenzeitschrift. Aber das mit dem Polit hatte ich hat vor der taz. Natürlich hat das gaaar nichts damit zu tun. Reiner Zufall. Klar. Ich meine, kann sein. Wäre es der einzige „Zufall“ und wäre ich nicht auf den Veranstaltungen immer lächerlich gemacht worden, wäre da nicht das ganze Gestalke ihrer Entourage gewesen, das Auflauern, Aushorchen und Fertigmachen, hätte ich nichts gesagt.

Umso erfreuter war ich, heute zu lesen, dass auch andere kopiert werden. Der feministische Blog „Jezebel“ zum Beispiel von Buzzfeed Deutschland. Der Grantler Blog „Deux ex Machina“ der FAZ nimmt das Juliane Leopold-Projekt, das seit kurzem nicht mehr ein  Projekt von Juliane Leopold ist, auseinander. Juliane Leopold? Eine blonde, smarte Berliner Medienfrau, über die ich kürzlich schon einmal gestolpert bin: Sie schreibt auch auf dem Blog „Kleinerdrei“ mit, bei dem auch  „#Aufschrei“-Initiatorin Anne Wizorek mitmacht. Netzfeminismus. Dass Leopold und die Netzfeministinnen eng miteinander sind, ist auch dem FAZ-Grantler eine Erwähnung wert. Der fragt sich allerdings vor allem: Funktioniert der Junk-Journalismus à la Buzzfeed, der Zeitung fürs Internet, genauer für soziale Netzwerke sein will und auf Klicks, viele Bilder und viel blödes Geflacker setzt? Der FAZ-Grantler, der übrigens unter dem Pseudonym Don Alphonso schreibt, meint Nein.

Don Alphonso findet Heftig.co besser. Ein Blick: Na ja: Storys, die die Welt nicht braucht in einer Do-it-Yourself-Atmosphäre, die irgendwie Retro wirkt. Improvisiert und lieblos. Wie ein journalistischer Mülleimer. Buzzfeed Deutschland lese ich eigentlich nie. Höchstens mal die US oder die UK-Ausgabe. Da gibts auch durchaus ganz gute Artikel: länger und profilierter, nicht nur dieses Geflimmer und Geblubber, bei dem einem ganz breiig im Kopf wird. Ich glaube, dieses angelsäschsische Ding ist eher der Mix aus „dumm wie Brot“ und „Sex sells“ einerseits und Storys, denen man wirklich was abgwinnen kann. Wo man denkt: Gar nicht mal so schlecht. „Vice“ ist ja so. Zu „Bento“, dem Jugend-Magazin von Spiegel Online habe ich keine Meinung. Ich bin einfach nicht deren Zielgruppe. Daran liegt es wohl, dass ich mich da nicht wiederfinden kann. Auch wenn „Vice“ – wie gesagt – manchmal mit ganz guten Sachen aufwartet, ist es mir zu subjektiv. Alle wollen nur eine „persönliche Perspektive“ aufzeigen und am besten so sehr am einzelnen Detail orientiert, dass es schon fast wieder belanglos ist.

Ein Journalismus, für den man eigentlich den ganzen Tag Zeit haben müsste. Leider will man oft gern das Gegenteil: News, knackig präsentiert und so aufbereitet, dass man ohne große Anstrengung schnellstmöglich im Bilde ist. Alles andere ist wie ein privater Blog. Das kann man sich eigentlich auch selbst schreiben. Oder auf anderen Blogs nachlesen. Und dazu sind die Leute, von deren „Perspektiven“ wir lesen, einander zu ähnlich: Sorbonne – Paris – Oxford, Ivy League, Henri Nannen, Schweizer Internate oder die „Naturtalente“, die „ganz schlimmen Finger“, die irgendwie auf nix Bock hatten, nix zu Ende gemacht haben und dann plötzlich, weil sie halt journalistische Talente quasi „von Gottes Gnaden“ sind, als Seiteneinsteiger binnen kürzester Zeit in den Presse-Olymp aufgestiegen sind. Einige der Leute sind wirklich gut. Da etwas zu sagen, würde wirklich missgünstig wirken. Das Blöde ist, wenn Upper-Class-Kids versuchen, Journalismus für’s „Volk“ zu machen. Das endet dann, wie bei vielen der spätberufenen (und nicht ganz echten) „Transmännern“ in Berlin: so grottenschlecht geschauspielert und aufgesetzt, dass es eher eine Karikatur ist.

Ich glaube, wenn ich Juliane Leopold, Anne Wizorek und – sagen wir mal – Margarete Stokowski von der taz vor Augen hätte, könnte ich nicht unterscheiden, welche welche ist. Alles smarte junge Frauen, alle blond, alle haben sie etwas auf dem Kasten, aber sie sind halt alle irgendwie auch gleich. Bei Buzzfeed Deutschland, da hat der FAZ-Grantler Don Alphonso recht, schimmert so ein bisschen die Autorschaft der Berliner „Mädchenmannschaft“ durch: Junge und etwas jüngere Frauen, die richtig, richtig Kohle haben, „was mit Uni“ machen (oder halt mit Medien oder Kunst), in Sätzen über fünf Zeilen nachweisen, wie Rassismus, Sexismus, Homo- und vor allem Transphobie ineinander verschränkt sind und dass sie selbst alle Betroffene sind, auch wenn sie weiß, blond und hetero sind (obwohl immer eine dabei ist, die schwarz ist oder zumindest nah- oder mittelöstlichen Migrationsbackground hat). Ich glaube, das ist so sehr Elite, dass es nicht zu „dumm-blöd“ passt. Bei Buzzfeed gab es mal ’ne Strecke zu rassistischen Sprüchen von AfD, Pegida, CSU und NPD. Die Idee ist ja gut, aber es geht eben in die Richtung: „Wir die Guten“ und die schitte braunen Drecksäcke da. Nicht, dass ich inhaltlich nicht zustimmen würde, aber wer sich z. B.  mit Strukturen von latentem Rassismus beschäftigt (um mal „zielgruppenbezogen“ zu formulieren, wobei ich mit Zielgruppe jetzt „Mädchemannschaft“ und „Kleinerdrei“ meine) interessiert sich vielleicht eher dafür, warum einige Sprüche aus dem rechtskonservativen bürgerlichen Lager komischerweise richtig nach Nazi klingen.

Aber immerhin: Juliane Leopold hat für Buzzfeed Deutschland vielleicht bei „Jezebel“, dem englischssprachigen feministischen Blog, gespickt, um sexy-klickgerechten, aber nicht ganz so dumm-bräsigen Internetjournalismus zu machen. Aber sie hat „Jezebel“ bestimmt nicht an den Rand gedrängt. Ganz abgesehen davon, dass der Blog auch schon viel zu sehr eine Marke ist, als dass das möglich wäre. Irgendwie müsste ich für die taz sein, was „Jezebel“ für Juliane Leopold war. Oder hoffen, dass sie eines Tages alle sich selbst als Zielgruppe entdecken. Sind ja auch viel konsumstärker.

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