Die AfD – eine Partei für Hipster?

Die AfD überlegt, mit dem französischen Front National zusammenzuarbeiten. Das stand in der FAZ. Auch, dass man sich nicht ganz einig ist. Dass der Front National bei den Régionales im letzten Dezember erschreckend gute Ergebnisse eingefahren hat, ist noch in unguter Erinnerung. Marine Le Pen, die resolute Frontfrau des FN hat die Partei auf Vordermann gebracht. Ihr Erfolsgrezept wurde verschiedentlich in den Medien besprochen: Der Rausschmiss von Vater Jean-Marie, der das unschöne Bild des rechtsextremen Rambos verkörperte, eine Identfikationsfigur für den unterbelichteten Unterschichtsschläger, den kleinen Mann aus der „France profonde“, dem provinziellen Frankreich oder auch für den tapferen Kämpfer der „Légion étrangère“, der „Fremdenlegion“, der Soldat, der die Ehre der „Grande Nation“ in Algerien und anderswo verteidigt hat. Einiges davon war Le Pen selbst, wie man auf Wikipedia nachlesen kann. Ohne ihn ist der Front National moderner geworden, weniger antisemitisch, wählbar für eine zu Wohlstand gelangte, durchaus akademisch gebildete Mittelschicht: Menschen, die national denken und denen Einwanderung ein Dorn im Auge ist, die sich aber nicht mit jedem faschistischen Rüpel gemein machen wollen, der lieber Ausländer „klatschen“ geht, als sich eine Arbeit zu suchen …

In Deutschland sieht man die AfD – noch – als die Partei zu kurz gekommener Kleinbürger und frustrierter Hartz-IV-Empfänger. Gern wird darauf verwiesen, dass solche Leute doch nicht mithalten könnten – Globalisierungsverlierer eben – und sich deshalb vor Flüchtlingen und anderen „Andersartigen“ fürchteten, an ihnen ihren Zorn auf eine Welt, die sie nicht begünstigt hat, auslassen wollen. Dass das falsch ist, ein Konstrukt, das vor allem den Menschen eine Identität geben soll, die selbst nicht die frustrierten Kleinbürger sein wollen, ist nur allzu durchsichtig. Einst als „Professorenpartei“ gegründet, besteht die AfD vor allem aus Erfolgsmenschen: Frauke Petry, promovierte Chemikerin und Unternehmerin, Alexander Gauland, Jurist, langjähriges CDU-Mitglied, Herausgeber der Märkischen Allgemeinen und Kolumnist beim Berliner Tagesspiegel, wie man u. a. auf Wikipedia nachlesen kann. Nein, das sind nicht die Biographien dumpfer Proleten, die ihren Hass an wehrlosen Minderheiten rauslassen wollen. Selbst rechts von der AfD wird man diesen Stereoptyp nicht unbedingt bestätigt sehen: Lutz Bachmann von Pegida ist – mehr oder weniger – ein Kollege von mir. Na ja, er hatte eine Werbeagentur. Dass er auch im Rotlichtmilieu aktiv war und mehrere Straftaten begangen hat – von Körperverletzung über Diebstahl und Einbruch bis hin zu Drogenhandel ist so ziemlich alles dabei – auch das kann man auf Wikipedia nachlesen – dürfte nicht jeden, der sich für etwas Besseres hält, stören. Bachmann ist erfolgreich. Er hat Geld. Kein „Verlierertyp“ also. Oder nehmen wir – ganz rechts – den NPDler Udo Pastörs, der im Goldhandel tätig war und in Kontakt mit der Colonia Dignidad in Chile stand, wie einen Wikipedia informiert. Auch er ist kein armer Schlucker, der Angst vor der großen weiten Welt hat.

Aber zurück zur AfD, die sicherlich ein anderes Publikum ansprechen möchte als die NPD. Was macht den Rechtspopulismus so attraktiv, dass man „aus Protest“ eine Partei wählt, die auch auf Frauen und Kinder schießen lassen würde. Auch wenn man angeblich nur mit der Maustaste ausgerutscht ist und das alles nicht so gemeint gewesen ist. Allein das dumm-freche Verhalten würde mich abhalten. Ehrlich. Egal, wie frustriert ich wäre. Ich glaube aber, dass die AfD vor allem von den Fehlern der anderen profitiert. Und an deren Wählermilieu heranwill.

Fangen wir mit einem der linken Parade-Themen an: Queer. Queer ist in Mode. Immer mehr Frauen, vor allem jüngere Frauen aus den höheren Gesellschaftsschichten, bezeichnen sich als „lesbisch“, „bisexuell“, „genderqueer“, „genderfluid“, „transgender“ oder einfach nur „queer“: Eine ganze Reihe an Begriffen, einige davon sind eher Blasen. Worthülsen. Man weiß nicht so recht, was sich dahinter verbirgt. Und manchmal hat man den Eindruck, dass das auch gar nicht so festgelegt sein soll. Die Frauen pochen darauf, dass sie sich das aussuchen können. Manchmal geht es um „Minderheitenförderung“. Aber kann man noch von „Minderheit“ sprechen, wenn man sich das aussuchen kann? Wenn es vor allem um junge Frauen aus „besserem Hause“ geht, die ohnehin in dieser Gesellschaft einen Wettbewerbsvorteil haben? Dann geht es oft um Essstörungen. Und darum, dass viele junge Fauen sich die Arme aufritzen. Borderline. Psychische Krankheiten. Die junge britische Feministin Laurie Penny hat sich u. a. im Interview mit L-Mag dazu geäußert. Natürlich ist es richtig, offen mit diesen Dingen umzugehen. Sie zu thematisieren. Andererseits hat man jahrelang versucht, ein Bewusstsein dafür zu schaffen, dass Homosexualität keine psychische Krankheit ist. Jetzt bringt man es genau damit wieder in Verbindung. Wasser auf die Mühlen der AfD. „Genderismus“. Das hätte man besser trennen müssen.

Dann Feminismus: In den späten 90er Jahren, als ich studiert habe, wollte man vor allem Frauen fördern, die dem weiblichen Rollenklischee entsprachen. Diese Frauen – so war das Argument – hätten es besonders schwer, sich in einer männlich dominierten Welt durchzusetzen. Also zuerst denen helfen, die Hilfe am meisten brauchen. Gut. Leider hat man damit aber auch gesagt, dass es von Vorteil ist, dem weiblichen Rollenklischee zu entsprechen. Dann wird man ja besonders gefördert und am Ende winken einem tolle Jobs. Eine Belohung also für traditionelles Rollenverhalten. Zwar ist es legitim, zu fordern, dass lange Haare, ein ansehnliches Äußeres und Pumps nicht länger mit „dumm“ gleichgesetzt werden sollten, aber es ist eben doch eine Absage an die Frauenbewegung – die leider von ihr selbst kam. Frauen sind feminin, Männer maskulin. Ein Schubladendenken in rosa und hellblau, das von der AfD so weit nicht entfernt ist. Die – politische – Transbewegung (damit meine ich nicht Transsexuelle grundsätzlich) hat das übrigens aufgegriffen, zwar unter der Prämisse, dass man das (biologische) Geschlecht und damit auch die (soziale) Geschlechtsrolle wechseln könne – aber das macht es nicht wirklich wett. Das Denken, das dahintersteht, ist ja das gleiche.

Die taz-Feminismusredakteurin Heide Oestreich hat 2014 auf Facebook gepostete Wahlplakate der „jungen Alternative“, der Jugendporganisation der AfD besprochen und kam zu dem Ergebnis, dass sie – natürlich! – antifeministisch seien. Dem kann man sich nur anschließen. Allerdings fiel mir auch auf, dass die AfD ästhetisch mit dem sexuell Abweichenden arbeitet: Neben dem Slogan „Kriminalität härter angehen!“ sieht man den Oberkörper einer jungen Frau im knallengen SM-Suit, die Haare streng zu einem Pferdeschwanz zurückgebunden, die Lippen blutrot geschminkt, in der Hand ein paar Handschellen. Man wird geradezu dazu gedrängt, zu denken: „Jau, die AfD ist sexy!“. Das Raubkätzchen, das wild ist und gebändigt werden muss, aber auch ganz sanft schnurren kann. Man fragt sich, wie groß der Unterschied zu einem Hipsterhumor à la #nippelstatthetze ist. Auch wenn es da darum ging, ein Zeichen gegen rassistische Postings auf Facebook zu setzen. Aber trotzdem.

Noch ein Ausflug an den rechten Rand, weit rechts von der AfD: In einem Fernsehbeitrag des WDR über rechtsextreme Frauen – „Weiblich, sexy rechtsextrem“ erfahre ich etwas über Sigrid Schüßler, NPD, Akademikerin übrigens auch sie, vierfache Mutter und Sexbombe. Das hätte man in Nazikreisen nicht erwartet, wo doch die Frau vor allem die Gebärerin „erbgesunder“ Kinder sein soll. So kennt man es zumindest aus dem Geschichtsunterricht. Im Fernsehen räkelt sich Schüssler, die nicht mehr ganz junge Frau, stark geschminkt im SM-Dress auf einem Bett. Aufnahmen für einen Kalender. Porno für’s Vaterland, so wie’s aussieht. Queer kommt offenbar auch hier gut an, als der besondere Thrill. Mehr über Schüssler kann man, wenn man will, in einem Portrait mit dem Titel „Weiblich, selbstbewusst, rechtsextrem“ von Charlotte Theile, das am 28. September 2013 in der Süddeutschen erschienen ist, lesen.

Sexy und selbstbewusst. Sexuelle Selbsterfahrung. Auch ein Thema für Frauen aus der queeren Szene, oft mit ähnlichen weiblichen Stereotypen besetzt. Natürlich ist es trotzdem unzulässig, hier ideologische Parallelen zu ziehen. Aber es fällt auf, dass es ein Zeitgeistthema ist, das auch die Rechten und Rechtsextremen für sich nutzen.

Last but not least: Drogenpolitik: Die AfD will, so ein Entwurf für ein Parteiprogramm, den der Rechercheverbund Correctiv! geleakt hatte, Drogen legalisieren, „um den Schwarzmarkt auszutrocken“, wie das geleakte Dokument u. a. in der Zeit zitiert wird. Mehr oder weniger wortwörtlich hatte ich das gleiche Argument auch von Hipstern in Kreuzberg gehört. Na ja, wird ja auch von den Grünen vertreten. Andererseits: hat jemand ernsthafte Probleme mit Drogen oder Alkohol, sieht es – so will es die AfD – düster aus. Auch für psychisch Kranke will man Verwahrung statt Therapie. Sicher, nur wenn sie gefährlich werden. Allerdings könnte man viele psychische Probleme gut behandeln und damit auch eventuellen Straftaten durch aggressive oder leicht beeinflussbare psychisch Kranke vorbeugen. Aber das wäre aufwendig. Und teuer.

Ich denke an den jungen Mann, der mir in Kreuzberg „Na, die ist doch nun wirklich unwertes Leben!“ hinterhergerufen hat. Es ging um Sarrazin und mir wurde klar zu verstehen gegeben, dass er nichts gegen Türken hat. Nur gegen Menschen wie mich. Die gleiche Doppelmoral. Ein Mix aus einer aufgesetzten Liberalität und Grausamkeit gegenüber Menschen, die nicht mithalten können. Eine Politik für die Jungen und Starken. Eine Frau, die sich ritzt, aber hippe Klamotten trägt, eher als eine, die arm ist und unter Mobbing und Depressionen leidet. Nein, nicht mit mir. Egal, unter welcher Maske ihr auftretet!

 

 

 

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