Arendt reloaded

Komme gerade von der Arbeit. Relax. Ein bisschen auf Twitter nach Nachrichten geguckt. Einen Text über Hannah Arendt gefunden. Auf Vice. Eigentlich geht’s da um einen Film der israelischen Filmemacherin Ada Ushpiz. Kenne ich nicht. Da auch von „Islamophobie“ in Israel heute die Rede ist und das Ganze unter der Headline: „… a Warning about the Fascist within us all“ firmiert, halte ich mich ein bisschen zurück. Nahost-Konflikt – da kann man schnell zwischen die Fronten geraten. Aber vielleicht wird die Diskusssion auch nur in Deutschland so leidenschaflich geführt: „Waaas?! Ja, ja, das ist ja schon fast wie damals, was du hier äußerst. Sag mal, hast du denn gar nichts aus der Geschichte gelernt?“ oder aber: „Waaaas?! Ja, sag mal und mit den palästinensischen Kindern hast du gar kein Mitleid? Sag mal, hast du denn gar nichts aus dem Nationalsozialismus gelernt?“. Immer entweder oder. Immer Bio-Deutsche. Beim Nahost-Konflikt halte ich mich deshalb lieber zurück. Ich lebe nicht in Israel. Ich weiß nicht, wie es den israelischen Kindern geht. Ich lebe auch nicht in einem palästinensischen Flüchtlingslager. Ich weiß also auch nicht, wie es den Leuten da geht. So aus dem Bauchgefühl heraus würde ich sagen, dass sich wohl niemand gut damit fühlt, auf einem permanenten Pulverfass zu leben. Diffus habe ich in Erinnerung, dass der Nationalsozialismus etwas damit zu tun hat, dass so viele Juden in den Nahen Osten fliehen mussten. Aber wie gesagt – ich halte mich da ‚raus …

Das mit dem Faschismus hat mich interessiert. Chloé Cooper Jones, die Autorin des Textes, hebt auf Arendts These von der „Banalität des Bösen“ ab. SS-Obersturmbahnführer Adolf Eichmann, der die Deportation der europäischen Juden im Zweiten Weltkrieg organisiert hat und über den man mehr auf Wikipedia erfährt, war – Hannah Arendt zufolge – kein gestörter Psychopath, keine Bestie in Menschengestalt und kein bösartiger Dämon, sondern ein Otto-Normalbürger. Das erklärt, warum so manch ein Nazi-Widerling im KZ kaltblütig Menschen zum Frühstück erschießen konnten und trotzdem ein treusorgender Familienvater war, vielleicht auch ein tierlieber Mensch, alles, nur ganz sicher kein Menschenfeind. Außerdem ist damit auch gesagt, dass Hass und Gewalt keine spezifisch deutschen Eigenschaften sind. Auch wenn man nicht den Fehler machen darf, Arendts These von der „Banalität des Bösen“ zur den Holocaust in seiner Gesamtheit erklärenden Zauberformel zu machen – Das war schon komplexer – Auch liegt es mir fern, die Singularität der Grausameit des Holocaustes in Frage stellen. Ganz sicher nicht. Aber – eben ohne relativieren zu wollen – unvorstellbare Grausamkeit, Töten, Massenmorde aus an den Haaren herbeigezogenen „Gründen“, Genozide, das gab es auch woanders: Armenien, Ruanda, Bosnien, um nur einiges aufzuzählen …

Eigentlich interessierte mich an dem Artikel, was man aus ihm für die Jetzt-Zeit ziehen könnte, für Deutschland: AfD, Pegida, brennende Flüchtlingsheime, für die USA – Donald Trump, oder für die Slowakei – Marian Kotleba. Nur Kotleba ist wirklich ein Rechstextremist, der vermutlich mit der Bezeichnung „Faschist“ kein Problem hätte. Alle anderen – sieht man mal von denen ab, die Flüchtlingsheime anzünden – sind allenfalls Rechtspopulisten. „Genozid“ passt hier nicht. Darum geht es auch nicht. Arendts These von der „Banalität des Bösen“ ist so beunruhigend, weil es theoretisch jeder getan haben könnte. Weil jeder zur psychopathischen Bestie werden könnte, problemlos fähig, massenweise Menschen umzubringen, ohne ein schlechtes Gewissen dabei zu haben. Arendt – so führt Chloé Cooper Jones aus – hat herausgestellt, dass das Böse möglich sei, wenn Menschen sich nicht die Mühe machten, die Dinge auch mal aus der Perspektive des anderen zu sehen. Dann seien sie anfällig für Dämonisierungen und Pauschalurteile. Man kann dabei – auf heutige Probleme übertragen – an die Flüchtlinge und den Islamischen Staat denken, an die Angst vor Terrorakten und an Menschen, die vor Krieg und Gewalt fliehen – immer mit dem Bewusstsein, dass man nicht sehen kann, wer wer ist und dass eine Person auch beides sein kann. Diese Perspektive liegt nahe. Man kann auch an Selbstgefälligkeit und Empatielosigkeit denken, an Maximalforderungen, an das in die rechte Ecke abdrängen, sobald Leute sich kritisch zur Flüchtlingskrise äußern, dass Angst vor Anschlägen oder vor dem Verlust des Arbeitsplatzes, der Wohnung, vielleicht auch Angst vor einem radikalen, frauenverachtendem Islam, „Wutbürgerei“ ist, Ängste, die man nicht ernst nehmen muss, fast schon Pegida. Und wieder der Perspektivenwechsel auf das zu recht schlechte Gewissen Europas, Kolonialismus, der Hunger und das Elend, mit dem unser Wohlstand – zumindest zum Teil – erkauft wurde. Die Wut der „anderen“ darauf. Was wären sie bereit, einzusetzen, um auch daran teilhaben zu können? Und wie fühlen sich Menschen, die mit Hassgebrüll empfangen werden? Schon von vornherein, obwohl sie noch gar niemandem etwas getan haben können. Man könnte sehr viele Perspektiven einnehmen. Vieleicht sollte man das auch. Vielleicht sind die Gedanken Hannah Arendts heute aktueller denn je. Nicht so sehr, um rechtsextremistische Auschreitungen zu erklären – ich fürchte, wie gesagt, dass das sehr viel komplexer ist – sondern um sie zu VERHINDERN. Ein offener Diskurs muss her. Ansonsten geht die Rechnung des IS, Angst zu schüren und Chaos zu produzieren, vielleicht eines Tages auf. Fragt sich nur, wer seine eifrigsten Helfershelfer sind. Wirklich nur fanatische Muslime?

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