Brust raus gegen Rechts!

Um ein Haar hätte ich es retweetet. Auf Twitter landete vor ein paar Tagen ein Tweet in meiner Timeline, der sich über’s Brüstezeigen lustig machte. Genauer gesagt: über eine neue Form der Bigotterie: unter dem Hashtag #nippelstatthetze kursierte – wohl schon vor längerer Zeit, aber offenbar wieder hochgekocht – ein Foto im Netz, das einen angeranzten Tennissockenträger und eine nackte Schönheit mit XXL-Brüsten zeigt. Der Tennissockenträger, die Sorte Typ, die man bzw. frau normalerweise mit Begriffen wie „Mantafahrer“ und „Unterschichtenfernsehen“ assoziiert, hält ein Stück Pappkarton hoch, auf dem in ungelenker Schrift steht: „Kauft nicht bei Kanaken“. Rechts oben ist das Kleingedruckte zu lesen, in diesem Fall die Essenz der Botschaft: „Eine dieser Personen verstößt gegen die Regeln von Facebook“. #nippelstatthetze also, Hipsterhumor, alles ironisch gemeint. Warum darf man keine Brüste zeigen, dafür aber fremdenfeindliche Hetze posten? Ganz abgesehen davon, dass Brüste, zumal richtig schön große, ja auch ein echter Hingucker sind und in diesem Fall nur der Sache dienen: dem Engegament gegen Rechts.

Der Tweet, den ich fast retweetet hätte, spottete – sinngemäß und soweit ich mich erinnere – dass die gleichen Leute, die sexistische Werbung im öffentlichen Raum verbieten wollen, jetzt offenbar begeistert sind, einen Frauenkörper, der einem Pornostar alle Ehre gemacht hätte, bis auf einen knappen schwarzen Slip unzensiert und für alle öffentlich zugänglich im Netz zirkulieren zu sehen. Ich hatte den Tweet als Retweet in meiner Timeline. Und – wie gesagt – meine spontane Reaktion war eigentlich: retweet, klack, Herzchen, Zustimmung, finish. Selten war ich mir so sicher. Genauso intuitiv habe ich es dann allerdings doch nicht getan. Und das hatte seine Gründe.

Ein paar Tage später stolperte ich per Zufall über einen Tweet der Netzfeministin Anne Wizorek, die über den anderen Tweet förmlich herfiel: „kann’s sein, dass hier jemand den unterschied subjekt vs. objekt nicht kennt?“ ätzte Wizorek am 11. April. Ich sah, dass der Ursprungstweet bereits gelöscht war. Wäre ich eine Comicfigur, hätte über meinem Kopf wohl eine Gedankenblase mit drei dicken Fragezeigen geschwebt. So schlimm war das doch wohl nicht?! Oder doch?!

Unter der Headline „Eine nackte Frau zum Rasenmäher“ macht sich Heide Oestreich am 12. April in der taz Sorgen um Esstörungen. Das Verbot von sexistischer Werbung sei eher eine Art „Jugendschutz“ und keinesfalls „Zensur“, schreibt Oestreich. Junge Mädchen müssten begreifen, dass es nicht nur darum ginge, „Männern“ zu „gefallen“. Die weibliche Jugend kotzt sich also die Seele aus dem Leib, um mit dem sexy Busenwunder aus der Werbung mithalten zu können? Ist es wirklich so einfach? Sind junge Frauen so dumm und so sehr darauf fixiert, Nabelschau mit dem eigenen Körper zu betreiben, dass man (bzw. frau) sie gewissermaßen vor sich selbst schützen muss?

Anne Wizorek, die wohl mehr oder weniger eine Generation jünger ist als Heide Oestreich, hebt eher darauf ab, ob Frauen SELBST entscheiden, sich nackt zu zeigen oder nicht. Das erinnert an einen Feminismus à la Femen, wo junge Frauen vor ein paar Jahren damit Furore machten, öffentlich, zu wichtigen politischen Anlässen ihren Busen entblößten und damit eine Menge mediale Aufmerksamkeit einkassierten. Inhaltlich – politisch – genutzt hat es wohl eher wenig. Irgendwo habe ich damals außerdem mal gelesen, dass es seinen Sinn gehabt hätte, dass die Femen-Frauen alle jung und überaus attraktiv waren. Mit hässlichen Frauen wäre man weitaus brutaler umgesprungen …

Wenn man bedenkt, dass Femen in der Ukraine gegründet wurde (wie auch auf Wikipedia nachzulesen ist) ist es noch irgendwie nachvollziehbar, dass dieser Feminismus so sehr auf die Zurschaustellung nackter junger Frauenkörper abzielte. Man könnte darin eine Provokation sehen, gegen das Wiedererstarken der Kirchen und einer konservativen Sexualmoral, die das Heimchen am Herd, die Familie als Keimzelle der Gesellschaft und Gegenentwurf zu einem Sozialismus propagiert, der sich seinerseits durch falsche Heilsversprechungen und Doppelmoral diskreditiert hatte. Man könnte auch an eine Persiflage auf das Bild, das man in den Nullerjahren von osteuropäischen Frauen hatte, denken. All das ist aber im Sande verlaufen. Die Kirche ist in vielen osteuropäischen Ländern heute stärker denn je, ein kaum erträglicher Nationalismus, der teilweise bereits in faschistische Allüren übergegangen ist, hat sich fast überall breit gemacht und die Ukraine ist mehr denn je ein von Korruption, Krieg und Gewalt zerrüttetes Land ….

So viel bringt das Busen zeigen politisch also wohl nicht. Ist es letzten Endes doch nur ein modern gewordener weiblicher Narzissmus, ein krankhaft übersteigerter Drang danach, dass der eigene Körper gesehen – und möglichst auch bewundert – werden soll? Dazu darf er keine Makel haben, denn, wie auch bei Femen gilt: Es ist nicht so süß, wenn sich eine, die nicht mehr Anfang 20 ist, nicht gertenschlank und wohlgeformt, als Nacktstar in der Öffentlichkeit produziert. Dann wirkt es eher arm, als hätte es eine nötig, verzweifelt um die Aufmerksamkeit von Männern zu buhlen. So eine will keine sein. Dann doch lieber hungern und kotzen.

Es passt, dass die jungen Möchtegern-Barbies schnell dabei sind, wenn es darum geht, andere Frauen zu verhöhnen und runterzuputzen – Germany’s next Topmodel lässt grüßen! Und es passt, dass Frauen, die dem allgemeinen Schönheitsideal nicht so sehr entsprechen, noch viel aggressiver sind – Es ist wie die Reise nach Jerusalem, das alte Spiel, bei dem keiner derjenige sein will, der, wenn die Musik aufhört, keinen Stuhl zum Sitzen hat. Keine will die frustrierte, spaßfeindliche Zicke sein, die kein Mann will. Alle wollen begehrliche – gern auch neidische – Blicke auf sich spüren. Es passt, dass viele auch glauben, auch etwas mit Frauen anfangen zu können – eine neue Bühne, auf der der eigene Körper beklatscht werden kann. Obwohl das jetzt gemein ist, das so zu schreiben. Es sind ja auch nicht alle Frauen gemeint, die sich für Feminismus engagieren und es trifft auch nicht auf alle mit gleicher Härte zu. Klar. Trotzdem: wer meint, sich selbst enblößen zu müssen – und sei es nur unter dem Vorwand des „guten Zweckes“ – darf nicht jammern, wenn es andere auch tun – und wenn auch nur gegen Geld. That’s the Game. Ob Euro oder Aufmerksamkeit macht sich letztendlich nicht viel. Und gegen Esstörungen hilft letztendlich nur die Erkenntnis, auch dann gut, liebens- und begehrenswert zu sein, wenn die andere den schöneren Busen hat. Davon hat man bzw. frau dann auch noch etwas, wenn die ersten Fältchen kommen. Vielleicht hätte ich doch schneller auf das Retweet-Icon drücken sollen ….

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