Queer à la Bohème – total crazy!

Vor über hundert Jahren, am 9. September 1901, verstarb in einem Schloss in Südfrankreich ein noch junger Mann. Der Maler und Graphiker Henri de Toulouse-Lautrec wurde nicht älter als 36 Jahre, wie einen Wikipedia informiert. Ohne ihn wäre der Geist des Pariser Künstlerviertels Montmartre nicht zu weltweiter Berühmtheit gelangt. In unzähligen Zeichnungen, Plakaten und Lithographien hat Toulouse-Lautrec das wilde Leben von Künstlern, Lebemännern und Freigeistern festgehalten. Aber auch Prostituierte und Trinker bevölkern seine Bilder. Der junge Adlige portraitierte schonungslos, was oder besser gesagt wen er sah. Auch die Schattenseiten der Pariser Bohème: gescheiterte Existenzen, Armut und Elend am Rande der Eskapaden wohlhabender Dandys. Toulouse-Lautrec selbst wusste, wie es ist, ein Außenseiter zu sein: kleinwüchsig aufgrund einer Erbkrankheit, verfiel der begnadete Künstler auf dem Höhepunkt seiner Schaffenskraft dem Alkohol. Anders als für viele andere im Montmartre gab es für ihn zwar einen Rückzugsort im sonnigen Süden und der Reichtum seiner Eltern dürfte ihn vor existentiellen Sorgen bewahrt haben, aber niemand konnte ihn vor der Verzweiflung einer Außenseiterexistenz schützen. Das Leben zwischen Künstlertum und Halbwelt, zwischen Lebenswut und langen Partynächten auf der einen Seite und dem Kater am Morgen danach, der Depression, auf der anderen, ist hart. An kaum jemandem geht das spurlos vorbei.

Fast genau hundert Jahre später tobt ein anderer junger Mann durch die Subkultur, London diesmal. Der spätere Politiker Adrian Hyyrylainen-Trett schildert in einem ausführlichen Interview mit Patrick Strudwick, das am 30. Mai 2015 auf Buzzfeed veröffentlicht wurde, wie er in einen Strudel aus Drogen, Pornographie und harten Sexparties geriet und sich schließlich mit HIV infizierte. Trotz dieser bitteren Erfahrung scheint sich Hyyrylainen-Tretts Leben irgendwann zum Besseren gewendet zu haben, wie er in dem Interview berichtet. Allerdings, es war wohl, so wie es sich anhört, ein langer Weg für den in der Schule gehänselten Jungen und den von Depressionen und Einsamkeit gequälten jungen Mann. Adrian Hyyrylainen-Trett ist ein Außenseiter, weil er homosexuell ist.

Wer das Interview mit Hyyrylainen-Trett liest, ist erschüttert von der Gewalt, der menschlichen Kälte und dem Zerstörerischen, das der Londoner queeren Szene offenbar anhaftet. Man denkt vielleicht – oberflächlich besehen – eher an lustige Einhörner, viel glitzerndes Pink und nette schwule Modedesigner. Und liegt damit vollkommen falsch. Warum aber sind Menschen, die doch eigentlich im Denken vieler für Kreativität und Lebensfreude stehen, so hart?

Berlin, zwischen 00er und 10er Jahren: Auch hier geht es um Partys, Drogen und – mit einem leicht pädagogisch-therapeutischen Touch – um Selbsterfahrung. Dicke Frauen, Frauen, die sich selbst als sexuell attraktiv erleben wollen. Macho-Frauen, Frauen, die die herkömmlichen Geschlechterrollen sprengen wollen und Transgender. Frauen, die sich verführerisch und leicht bekleidet auf Plakaten und in Performances räkelten. Etwas widersprüchlich – im Zuge von Fat Empowerment und Selbstakzeptanz – ist, dass diese Frauen eher nach Fitnessstudio, Yoga und makrobiotischer Ernährung aussehen, nicht nach „anders“. Außer vielleicht, dass sie nicht gerade atemberaubend schön sind. Eher Typ „Mädchen von nebenan“, Do-it-yourself, eine Art Beauty-Glamour, wie man ihn sonst nur von internationalen Laufstegen kennt, aber eben für Normalo-Frauen. Egal. Was nicht ins Bild passt und mir von Anfang an auffällt, sind die ständigen dummen Anmachen, die Belästigungen und Beleidigungen. Einmal pirscht sich in einer queeren Kneipe eine Frau an mich heran und schnüffelt an mir wie ein Hund, nur um dann laut auszurufen „Uah! Sie stinkt!“. Die Frau ist um die 30. Eine 13Jährige hätte man vielleicht zurechtgewiesen und es mit Unreife abgetan. Aber so? Kann man das wirklich als ein besonders properes Selbstbewusstsein bezeichnen, das, was engagierte Queer-AktivistInnen und Feministinnen als „nachahmenswert“ empfehlen würden? Ist es ein Ausdruck der vielbeschworenen Unbekümmertheit und Lebensfreude der Frauen, die sich ihren Bahn bricht, sofern sie sich nicht mit den Normen der Mehrheitsgesellschaft belasten müssen? Oder eher drogig und ziemlich durchgeknallt?

Homo- und besonders auch Transsexualität hat man lange genug als psychische Krankheiten oder zumindest als Symptome psychischer Krankheiten betrachtet. Es war ein langer Prozess, dass das heute medizinisch nicht mehr vertreten wird. Glücklicherweise! Andererseits, manchmal fragt man sich, ob es nicht auch Leute gibt, die das Bild des „Krankhaften“ von LGBT bestätigen. Was soll man denn denken, wenn Frauen z. B. darauf bestehen, als Männer wahrgenommen zu werden – mit allem Drum und Dran! – und dann doch Kinder kriegen wollen, wie z. B. der us-amerikanische Transmann Thomas Beatie. Über ihn gibt es u. a. einen Artikel auf Wikipedia. Oder was ist, wenn eine junge Frau sich sicher ist, dass sie nicht als Frau leben kann, sondern nur als Mann, aber trotzdem weiter Röcke tragen will, wie es in einem – unter Pseudonym veröffentlichten – Leserartikel in der Zeit beschrieben wird? Und wenn ein als Junge geborener Australier sich zur Frau umoperieren lässt, versucht, das Ganze rückgängig zu machen und sich letztendlich – übrigens mit Erfolg – durch alle Instanzen klagt, weil er/sie/es fortan als Neutram betrachtet werden will – auch offiziell? Der Fall „Norrie“ ist ausführlich u. a. in der taz besprochen worden. Man fragt sich schon: Handelt es sich hier um einen Fortschritt? Um sexuelle Befreiung, auch von den Fesseln der Biologie? Oder ist es Schrei nach Aufmerksamkeit? Eine Masche, um Geld zu verdienen? Eine Identitätsverwirrung? Steckt am Ende vielleicht doch eine psychische Problematik dahinter?

Im Moment ist Transsexualität in aller Munde. Pop-Magazine berichten darüber. Stars wie Caitlyn Jenner outen sich als transsexuell. Transsexuelle erobern das Fashion-Biz. Es scheint absolut en vogue zu sein. Allerdings – und das ist vielleicht ein Dämpfer – ist das schwierige Verhältnis der Generation Y zu ihrem Körper ein mindestens ebenso wichtiges Thema: Essstörungen, sich Ritzen und Borderline. Das hippe Online-Magazin Vice hat der Borderline-Störung gleich mehrere Artikel gewidmet, die ein verstörendes Bild zeichnen: Junge Frauen, die völlig aus der Bahn geworfen werden, sich mit Alkohol, Drogen und Autoaggressionen zu Grunde richten, fressen, kotzen, hungern und dabei aber trotzdem eigentlich ganz appetitlich anzusehen sind. Ein Bericht von Harriet Williamson auf Vice – „How Borderline Personality Disorder Put an End to My Party Days“ – liefert einen eindrucksvollen Einblick. Ein paar Fotos, die dem Artikel beigefügt sind, zeigen eine hübsche junge Frau, die geradezu ein Model sein könnte. Sie hat das Äußere, für das viele Frauen, auch in der queeren Szene, so einiges einsetzen würden. Akademikerin ist sie auch. Und Journalistin. Eigentlich ein Rundum-Perfekt-Leben. Aber was ist, wenn es vielleicht gerade darum geht?

Die Berliner Journalistin Margarete Stokowski hat auf Spiegel Online in einer gestern erschienen Kolumne mit dem Titel „Körperhass will früh gelernt sein“ scharf kritisiert, dass es in unserer Gesellschaft zwischen Schönheitsindustrie, Selbstoptimierungswahn und frühkindlichem Drill kaum noch möglich ist, ein entspanntes Verhältnis zu seinem Körper zu entwickeln. Sind die Kinder der sog „Helikopter-Eltern“ eine Art „Generation körperfeindlich“?. Verwöhnte Bälger, die mit Chinesisch bilingual im Kindergarten und Baby-Yoga aufgewachsen sind, und die in ihren jungen Erwachsenenjahren in einem mehrere Jahre andauernden Wutanfall versuchen, den Leistungsdruck, den ihre Eltern aufgebaut haben, abzuschütteln? Ist das ein Grund für Borderline? Und hat Transsexualität – zumindest in einigen Fällen – vielleicht doch mit Borderline zu tun, wie man früher angenommen hat? Als „Gender dysphoria“, eine Verwirrung, was die Geschlechtsidentität betrifft?

In dem Internetforum reddit wird das Thema eingehend besprochen*. Nutzer versuchen, beides gegeneinander abzugrenzen, liefern Anhaltspunkte, Beispiele. Gleich zu Anfang der Diskussion wird geraten, sich im Zweifel therapeutischen Rat zu holen, am besten einen in der Genderthematik erfahrenen Spezialisten zu konsultieren. Und es wird auch die Frage aufgeworfen, was eigentlich zuerst da war, das Huhn oder das Ei? Die psychische Störung oder das in Frage stellen der eigenen Geschlechtsidentität. In einem Explainer vom 21. September 2015 widmet sich der Journalist German Lopez auf Vox.com dem Thema Transsexualität. Dort steht auch, dass Transsexuelle meistens schon als Kleinkinder sicher wissen, dass sie transsexuell sind. Das klingt nicht so sehr nach Identitätsstörung. Oder kann, wie auf reddit angesprochen, beides der Fall sein? Entwickelt jemand, der sich von Kindesbeinen an als Exot fühlt und dauernd gemobbt und ausgegrenzt wird, irgendwann psychische Stressymptome? Oder eben eine Borderline-Störung? Ich bin keine Psychiaterin oder Psychologin. Ich weiß es nicht. Patrick Cash hat sich auf Vice gefragt: „LGBT Mental Health: Are we doing enough?“ – Tun wir genug, wenn es um die psychische Gesundheit von LGBT-Menschen geht? Vielleicht könnte man mehr machen. Sicherlich, denke ich. Und vielleicht wäre das besser, als handfeste Probleme mit ein paar Glitzerbildern zu Bohème, Lifestyle und Modeerscheinungen zu verklären. Da war Henri de Toulouse-Lautrec, der Portraitist der Pariser Künstlerszene und Demi-Monde uns heute vielleicht schon vor über hundert Jahren einen Schritt voraus ….

*Achtung! Auf diesem Blog kann kein psychologischer Rat erteilt werden. Wenn du psychisch labil bist, z. B. an Essstörungen oder Depressionen leidest, dir nicht sicher über deine Geschlechtsidentität bist und/oder Selbsmordgedanken hast, solltest du unbedingt fachlichen Rat einholen, sprich: zum Psychologen oder Psychiater (zur Psychologin oder Psychiaterin) gehen. Internetforen und -plattformen zum Thema bitte nur aufsuchen, wenn du dir sicher bist, dass sie von vertrauenswürdigen Leuten moderiert werden, wo also niemand posten kann, der z. B. versucht, Essstörungen als Lifestyle zu verkaufen oder Menschen zu autodestruktiven Handlungen oder sogar zum Selbstmord anzustacheln. In dem reddit-Thread, den ich besprochen habe, schienen v. a. Leute gepostet zu haben, die sich mit dem Thema auskannten und wirklich helfen wollten. Das kann man natürlich nicht für alles, was auf reddit veröffentlicht wird, garantieren. Also, Vorsicht im Internet!

 

 

 

 

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