Das gute Deutschland und das böse Deutschland. Oder: ist es so einfach?

„Ich glaube, es ist momentan einfach für manche Menschen schwierig, sich in eine Denke oder Grundhaltung hineinzuversetzen, in der jeder Mensch ein Recht auf ein Leben in Frieden hat. Stattdessen diskreditiert man diejenigen schnell als Gutmenschen und Blödiane.“ schreibt die Berliner Bloggerin Anja Urbschat*. „Gutmenschen“ gegen Menschenfeinde – ist es so simpel?

Urbschat bezieht sich auf die Flüchtlingskrise, genauer auf eine Kolumne des israelisch-amerikanischen Autors und Theatermachers Tuvia Tenenbom. Letzterer ist ein Provokateur aus Leidenschaft – so scheint es – aber auch einer, der die Deutschen durch seine Sticheleien zum Lachen bringen will. Und zum Nachdenken. „In Deutschland sagt keiner „Migranten“, man sagt „Flüchtlinge“, und einige würden für sie ihre Ehe beenden.“ konstatiert Tenenbom auf Zeit Online unter dem Titel: „Meine Deutschen brauchen die Flüchtlinge mehr als die Flüchtlinge sie“*. Harte Worte. Es gibt – das ist offensichtlich – Leute, die das nicht komisch finden.

Aber – ist die Debatte so sehr aufgeheizt, ist unser Land durch die Flüchtlingskrise wieder so sehr auf sich selbst zurückgeworfen, dass man aufpassen muss, was man sagt? Zumindest wenn man nicht als „Wutbürger“ und Flüchtlingsfeind dastehen will, als Pegida-Sympathisierer und AfD-Wähler, als ängstliches, vom Leben frustriertes Arschloch und deutscher Unmensch par Exzellence? Das alles in den Augen anderer Deutscher. Das gute Deutschland und das böse Deutschland? Oder auch der deutsche Standpunkt und die Außensicht?

Nein, so einfach ist es leider nicht. Mich entsetzte auch ein bisschen, wie selbstverständlich mittlerweile die Burka als Zeichen einer neuen deutschen Toleranz hochgehalten wird. Es ist noch nicht lange her, da wurde hierzulande hitzig darüber debattiert, ob eine Lehrerin Kopftuch tragen darf. Sicher, auch das Kopftuch ist ein religiöses Statement. Aber es ist doch ein Unterschied, ob eine Frau ihr Haar bedeckt oder ob sie ohne Ganzkörperschleier, womöglich noch mit Augengitter, gar nicht erst aus dem Haus gehen darf.

Ja, man möchte nett sein. „Diversity“ ist in aller Munde. Aber im Grunde redet man einem rechtskonservativen Islam das Wort. Als ob die Taliban die einzig wahren Vertreter der islamischen Kultur wären. Man übertreibt damit nicht nur. Man liegt auch falsch. Und es ist widersprüchlich, parteiisch auf der Seite der Flüchtlinge sein zu wollen und gleichzeitig in ihrem Namen etwas zu verteidigen, vor dem zumindest einige von ihnen fliehen. Das tun sie wirklich. Aber man könnte manchmal fast den Eindruck haben, dass niemand so recht daran glaubt.

Vielleicht übertreibe ich und es ist klar, dass die Angst vor Terrorismus das Thema „Flüchtlinge“ wie ein düsterer, unheilbringender Nebel umwabert. Die Anschläge von Paris und Brüssel haben gezeigt, dass diese Angst nicht aus der Luft gegriffen ist. Allerdings darf man sich auch nicht wundern, wenn sich Menschen aus islamisch geprägten Ländern, die Terrorismus und religiösen Fanatismus in ihrer Heimat bekämpfen, irgendwie in den Arsch getreten fühlen. So ähnlich beschreibt es Melik Kaylan in seinem Artikel „Europe empowers Muslim reactionaries“ auf Politico Europe*.

Ich möchte mich nicht in die politischen Debatten nah- und mittelöstlicher Länder einmischen – u. a. weil ich zu wenig davon verstehe und ideologische Fronten evtl. nicht erkennen kann. Mir ist auch bewusst, dass Politico ein eher konservatives Online-Magazin ist. Trotzdem ist es schon fast peinlich oder sollte zumindest auffallen, dass Diskussionen in den Herkunftsländern vieler Migranten und teilweise auch in migrantischen Communities viel differenzierter geführt werden als im Moment bei uns – jedenfalls sofern der politische Rahmen dafür gegeben ist.

Allerdings – auch Tuvia Tenenbom steht mit seiner Meinung nicht allein da. Matern Boeselager kritisiert in der deutschsprachigen Ausgabe des Online-Magazins Vice in seinem Artikel „Sorry, aber Böhmermanns „Be deutsch“ ist echt nicht die Lösung“ den „Kuschelnationalismus“, der derzeit gegen den wüsten Wutbürger-Rassismus aufgefahren werde*.

Klar, man kann stolz darauf sein, dass man kein Flüchtlingsunterkünfte anzündet. Oder sich sagen, dass das sowieso selbstverständlich ist. Immerhin – halten wir uns vor Augen – es ist noch gar nicht so lange her, dass eine rechtsextremistische Terrororganisation wie der NSU ungehindert morden konnte. Und vor ein paar Jahren wurde im Zusammenhang mit dem Buch „Deutschland schafft sich ab“ des ehemaligen Berliner Finanzsenators Thilo Sarrazin sogar noch über höher- und minderwertige Gene debattiert. Leider ging es dabei nicht nur, aber auch um Migranten, insbesondere um Migranten mit muslimischen Hintergrund.

Jetzt muss man nicht ins Gegenteil abkippen. Es macht nichts wieder gut, wenn man sich an der Burka festklammert. Auch wenn verfassungsmäßig garantiert ist, dass man sie tragen darf, heißt das ja noch lange nicht, dass man das auch gut finden muss. Wie so oft kommt es auf das richtige Maß an. Die griechischstämmige Polizistin Tania Kambouri schreibt in ihrem Buch „Deutschland im Blaulicht: Notruf einer Polizistin“, dass Menschen mit Migrationshintergrund ruhig stolz auf ihre Herkunft sein dürften, ja sogar sollten. Niemand muss seine Wurzeln verleugnen, das sehe ich auch so. Das ist etwas anderes als „Parallelgesellschaften“ zu bilden oder einen „Hass auf den Westen“ zu kultivieren, wie ihn der niederländische Schriftsteller Leon de Winter in seinem Artikel „Europe’s Muslims hate the West“ auf Politico Europe beschreibt*.

Nicht alle Muslime hassen uns. Nicht jeder Muslim ist ein Terrorist, genauso wenig wie jeder Deutsche ein Nazi ist. Und natürlich kann man Menschen nicht einfach im Mittelmeer ertrinken lassen. Da hat Anja Urbschat, die Berliner Bloggerin, zweifelsohne recht. Ein reiches Land wie Deutschland kann es sich sicherlich leisten, Menschen in Not ein Dach über dem Kopf zu geben, genug zu essen und einen Arzt, wenn sie ihn brauchen. Nicht bis ins Unermessliche, aber sicher noch sehr viel mehr als bisher. Ein Einwanderungsland kann Deutschland aber nur werden, wenn wir uns – statt nur Mitleid zu haben – den damit verbundenen drängenden Fragen stellen. Und so offen wie möglich darüber diskutieren.

*Quellen & Zitate:

Anja Urbschat: Art. „Allein unter Menschen“, Filter Bubble v. 05. 04. 2016.

Tuvia Tenenbom: Art. „Meine Deutschen brauchen die Flüchtlinge mehr als die Flüchtlinge sie“, Zeit Online v. 04. 04. 2016.

Melik Kaylan, Art. „Europe empowers Muslim reactionaries“, Politico Europe v. 01. 04. 2016.

Matern Boeselager, Art. „Sorry, aber Böhmersmanns „Be deutsch“ ist echt nicht die Lösung“, Vice (Deutschland) v. 31. 03. 2016.

Leon de Winter, Art. „Europe’s Muslims hate the West“, Politico Europe v. 29,. 03. 2016.

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