#MakeGermanyGreatAgain Oder: Gibt es die Querfront wirklich? (II)

Gestern, spät abends schaue ich noch kurz in einem Internetcafé vorbei, in dem ich öfters bin. „Compact“, das Magazin der neuen Rechten liegt demonstrativ auf der Verkaufstheke. Ich wusste, dass „Compact“ hier verkauft wird. Aber bislang lag es schüchtern im Zeitschriftenregal, zwischen „Gala“, „People“, „Petra“ und „Hörzu“. Gewundert hat es mich schon ein bisschen, immerhin arbeiten in dem Internetcafé hauptsächlich Araber, einer spricht Türkisch. Was bringt solche Leute dazu, die Werbetrommel für ein rechtes deutsches Magazin rühren? Genauer gesagt, wird „Compact“ der sog. „Querfront“ zugerechnet. Ehemals linke Positionen sollen sich hier – so der Anspruch – mit einer selbstbewussten, zeitgemäßen Rechten verbinden. In meinem Kopf rattern Begriffe wie „Identitäre Bewegung“ und „Antiimperialismus“ – und, richtig, auf Wikipedia werde ich fündig: Bei „Compact“ geht es in die Richtung, auch um Israelkritik. Einer der Gründer, Andreas Abu Bakr Rieger, soll sogar zum Islam konvertiert sein. Andererseits ist man voll des Lobes für die AfD und Pegida. Auch islamophobe Positionen findet offenbar Gehör. Wissen diese Leute eigentlich, was sie wollen?

„Compact“-Chefredakteur Jürgen Elsässer war – wie einen Wikipedia informiert – offenbar mal einer der ganz radikalen „Antideutschen“. Deutsch = bäh! Diese ganze Schuldfrage mit dem Holocaust. Obwohl Schuldgefühle da durchaus angebracht sind! Vielleicht ist es das Maß. Elsässer war früher bei „konkret“. Bis 2002 hat er noch für die „junge Welt“ geschrieben – linke Zeitungen, teilweise linksextrem – die „junge Welt“ war mal Zentralorgan der FDJ. Jetzt gibt es für Elsässers journalistische Arbeit Beifall von der rechtsextremen „Jungen Freiheit“. Kann man so einfach von ganz weit links nach ganz weit rechts schlittern? Und wie einflussreich sind solche Leute? Ein paar Spinner, die niemand für voll nimmt? Oder eine neue, düstere Macht, ein Phänomen, das immer mehr Leute anzieht und rechtspopulistischen Parteien wie der AfD ungeahnte Wahlerfolge beschehrt?

Dunkel erinnere ich mich an ein paar Leute, mit denen ich in meiner Anfangszeit hier in Berlin Kontakt hatte. Der Sarrazin habe schon Recht, hieß es. Man müsse einfach mal der Wahrheit ins Gesicht sehen. „Mut zur Wahrheit“ – Ja, der AfD-Slogan, mit dem, wie es auf Wikipedia heißt, auch „Compact“ wirbt. Obwohl ich die Leute nicht pauschal in die Ecke drängen will. So genau kannte ich sie nicht und nicht alle waren dafür. Alle sahen aber irgendwie „links“ aus – dieser Öko-Esoterik-Stil. Den Schwachen sollte man helfen, den Menschen als solchen wahrnehmen. Wider die Leistungsgesellschaft! Ich hörte damals vor allem auf diesem Ohr, weil ich ja irgendwie „die Leistungsgesellschaft“ war, der man mal das Genick brechen musste. Einer kam irgendwann mit Ken Jebsen an. Der heißt eigentlich – laut Wikipedia – Moustafa Kashefi. Er stammt aus der iranischen Oberschicht – ein ehemaliger Waldorfschüler, Fernsehreporter bei der Deutschen Welle, hipper Jungmoderator mit Migrationshintergrund bei Radio Fritz und außerdem glühender Israelkritiker.*

*Alle Informationen zu Ken Jebsen, Jürgen Elsässer,  der Zeitschrift „Compact“, usw. beziehen sich auf das, was über sie auf Wikipedia steht! Da bei der Debatte um Jebsen aber auch der – nicht eben für seine Zaghaftigkeit bekannte – Henryk M. Broder eine gewisse Rolle gespielt hat, sei der Vollständigkeit halber auch auf eine Darstellung der Zeit (Art.: „Krudes Geblubber“ v. Anna Marohn, v. 01. 12. 2011) verwiesen. Laila Phunk kann weder mit der „Querfront“ noch mit der sog. „Achse des Guten“ etwas anfangen. LeserInnen, die sich mit dem einen oder anderen identifizieren, werden sich politisch auf meinem Blog nicht wiederfinden.

Das Image der freakigen Randfigur und des dumpfen Dunkeldeutschen passt nicht zu einem wie Ken Jebsen. Muss man die Leute nicht vielleicht doch ernst nehmen? Mir macht das alles eigentlich nur noch Angst! Im Moment trendet in den sozialen Netzwerken ein Video des ZDF Neo Magazin Royale – „Be deutsch!“. In einer – ironisch gemeinten! – „Stahlgewitter“-Athmosphäre à la Ernst Jünger und Rammstein, irgendwo zwischen Dark Wave und German Aggro feiert sich das „neue Deutschland“, das stolz darauf ist, nicht stolz auf sich zu sein. Menschen, die sich für rechtsextreme Übergriffe wie erst kürzlich in Clausnitz schämen. Die Burkaträgerin, die Tunte, der orthodoxe Jude und der deutsche Otto-Normalbürger umarmen einander aufs Herzlichste. Na ja, wenn es so einfach wäre! Nicht, dass ich es nicht gut fände, wenn Leute klar Zeichen gegen Rechts setzen. Aber es erklärt mir nicht die Brüche. Warum in meinem Internetcafé „Compact“ ausliegt – Antisemitismus, Islamophobie, die Burka, das Klischee und die Verkitschung von Minderheiten, die Angst vor Terror und dass es eine heile Welt nicht gibt …

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