Ein Interview mit Folgen oder wieviel kulturelle Diversität geht?

Gerade trendet ein Interview der deutschen Welle – in englischer Sprache – mit AfD-Frontfrau Frauke Petry. Bejubelt wird vor allem, wie der Interviewer – Tim Sebastian – Petry vorgeführt habe. Und tatsächlich – immer wenn Petry versucht, sich mit den üblichen Floskeln, rauszureden, bleibt Sebsatian hart, hakt nach, zwingt die Frau, endlich Farbe zu bekennen. Petry bekennt nichts. Ihre übliche Masche zieht nicht: Man habe sie missverstanden, sich ja auch gar nicht genau mit dem auseinandergesetzt, was die AfD denn wirklich will oder aber, es sei einem schlicht die Hand auf der Maus ausgerutscht, wie Petrys Parteikollegin Beatrix von Storch versuchte, sich zurechtfertigen – das ist u. a. im Stern nachzulesen.

Nein, eigentlich ist die AfD nicht das missverstandene Opfer einer Öffentlichkeit, die ihnen keine Chance geben will, als das sie sich gern geriert. Auch wenn der SWR die Partei bei einem politischen TV-Duell im Vorfeld der Wahlen in -Württemberg und Rheinland-Pfalz ausgeladen hat, wie u. a. n-tv berichtete. Ansonsten aber waren die Rechtspopulisten recht regelmäßig in Talkshows präsent. Fast überall konnten sie ihren Senf dazu geben und man hat auch den größten Schwachsinn nicht abgewürgt. Ein trauriger Höhepunkt der bizarren Selbstinszenierung der Partei war z. B. Björn Höckes Showeinlage mit der Deutschlandflagge bei Günter Jauch – die Sendung wurde u. a. auf Spiegel Online besprochen. Erst kürzlich ließ sich Petry herself mehrfach zum Gespräch ins ZDF-Morgenmagazin bitten, sagte aber immer wieder unter fadenscheidigen Begründungen ab – Dunja Hayali, die das Morgenmagazin moderiert, hat dies auf Facebook dokumentiert. Letztendlich warf die AfD-Politikerin Hayali politische Befangenheit vor – Näheres dazu erfährt man u. a. auf Zeit Online. Aber – muss man dann jemanden erst einmal mehrfach versetzen? Spricht das nicht eher dafür, einfach nur irgendwie lästig fallen zu wollen?

Und – sicherlich ist es so, dass sich viele Medienvertreter derzeit bemühen, um Verständnis für die Flüchtlinge zu werben. Ich möchte das nicht werten. Auch ich engagiere mich gegen Rassismus, teile aber nicht jede Ansicht, die derzeit in den Medien vertreten wird. Dennoch kann ein Interview auch ein Streitgespräch sein. Vielleicht sollte es das sogar. Wer sich gut vorbereitet und die Öffentlichkeit für sich gewinnen will, wartet mit möglichst stichhaltigen Argumenten auf, versucht, Verständnis, besser noch Sympathien für die eigenen Anliegen zu gewinnen. Petry hat das nicht getan. Mein Eindruck war eher, dass es darum ging, mit den Ängsten der Leute – vor einem radikalen Islam, vor Terrorismus, vielleicht auch davor, sozial an den Rand gedrängt zu werden – Stimmen zu machen, radikale Lösungen in den Raum zu stellen, dann aber zu behaupten, man habe das so – bei näherer Betrachtung – ja eigentlich gar nicht gemeint, vielleicht um Protestwähler nicht zu sehr zu verschrecken, Menschen die eigentlich mit rechtem Gedankengut gar nichts anfangen können.

Tim Sebastian von der Deutschen Welle hat ihr das kaputt gemacht und damit ein Signal gesetzt, dass die AfD zukünftig mit ihren Kapriolen nicht mehr durchkommen wird. Allerdings war auch Sebastian parteiisch, brachte die Burka ins Spiel. Damit hat er – vermutlich ungewollt – das Vakuum deutlich werden lassen, dass in der deutschen Medienwelt im Moment existiert und dass den Rechtspopulisten in die Hände spielt. Es geht zu sehr um Deutsche, vielleicht – offensichtlich – auch Engländer, die sich stark für Cultural Diversity machen wollen, ohne dabei aber den Kern der Sache zu treffen. Ich sage das. Mein Vater ist Muslim. Die Burka steht nicht für den Islam als solchen, den man damit verteidigen würde, sondern für eine rechtskonservative, auch frauenverachtende Variante des Islam. Vielleicht könnte man das mit dem evangelikalen Christentum in den USA vergleichen. Und vermutlich stehen solche Leute Frauke Petry ideologisch näher als Tim Sebastian. Warum hält er bei den einen hoch, was er bei den anderen ablehnt?

Tim Sebastian fragte Frauke Petry auch, ob die deutsche Kultur so verletzbar sei, dass sie ein paar Flüchtlinge nicht verkrafte. Nein, ist sie ganz sicher nicht. Anders herum scheint es aber große Befürchtungen und Ängste vor dem Verlust der eigenen Kultur zu geben, sofern es um Einwanderer geht. Ines Pohl – ebenfalls Deutsche Welle – hatte sich mit dem Thema Essen beschäftigt. Essen sei – schreibt Pohl (Eintrag vom 03. Februar 2016 auf einem Blog der Deutschen Welle) – ein wichtiger Identitätsstifter. Ich hatte um die gleiche Zeit zu dem Thema getwittert, habe allerdings ganz andere Ansichten zu dem Thema als Ines Pohl, die sich – so scheint es – stark mit ihrer schwäbischen Heimat und den dortigen Traditionen identifiziert. Ich gehöre – mehr oder weniger – zu den sog. „neuen Deutschen“ – auf Geo wurde mal davon berichtet – d. h. meine Familie hat Wurzel in verschiedenen Ländern Europas. Ich selbst bin aber eben Deutsche – vorausgesetzt natürlich, man sieht es nicht „puristisch“: in kultureller oder ethnischer Hinsicht oder was auch immer. Man kann das Ganze also aus verschiedenen Perspektiven sehen.

Es ist nicht gleich rechts, wenn Menschen sich nicht mit einem radikalen, erzkonservativen Islam, für den die Burka steht, identifizieren. Und ich denke, es ist auch berechtigt, Angst davor zu haben. Immerhin – die Burka ist nur ein Kleidungsstück, aber das Denken, das dahintersteckt, ist, dass Frauen nichts im öffentlichen Leben zu suchen haben. Die sexuellen Übergriffe in der Silvesternacht am Kölner Hauptbahnhof und anderswo könnte man auch als „Verteidigung“ einer solchen kulturellen „Andersartigkeit“ werten, auch wenn es eigentlich wohl eher der Frust marginalisierter junger Männer war. Will man so etwas wirklich? Und wieviel Preisgabe ihrer eigenen Kultur kann man von Einwanderern erwarten? Was wäre, wenn es eines Tages zur Debatte stünde, ob rechtskonservative, traditionelle Muslime Homosexuelle im Café bedienen müssen oder ob sie ihnen das – unter Berufung auf ihren Glauben – auch verweigern dürfen. Ein solches Szenario mag auf den ersten Blick absurd erscheinen – und es geht mir auch nicht darum, eine Minderheit gegen die andere auszuspielen. Eher im Gegenteil – aber in den USA hat es solche Probleme mit evangelikalen Christen gegeben – in einem Interview konfrontiert z. B. die kanadische Schauspielerin Ellen Page den US-Präsidentschaftskandidaten Ted Cruz mit dem Thema. Mit solchen möglichen Konfliktlinien wird man sich zukünftig auch hier auseinandersetzen müssen. Unsere Gesellschaft wird durch die Flüchtlinge nicht nur „bunter“, sie wird einfach anders werden. Dass das nicht jedem behagt, dafür muss man Verständnis haben – und auch Wege finden, wie man trotzdem allen gerecht werden kann. Vielleicht ist es daher nicht so glücklich, mit klischeehaften Bildern zu operieren, die teilweise gerade das besonders „Andersartige“ als das vermeintlich „Authentische“ hervorheben sollen – so faszinierend das vielleicht zunächst auch sein mag. Immerhin verhält sich Burka zu Islam wirklich nur so wie AfD oder vielleicht besser Pegida zu Deutschland. Ines Pohl steht für andere Meinungen als Frauke Petry. Ebenso gibt es sogar muslimische Gelehrte, etwa in Ägypten, die die Burka und den Niqab äußerst kritisch sehen. Mehr dazu findet man bei der taz. Zu fragen ist deshalb, ob das Konzept der kulturellen Diversität, wie es wahrscheinlich Ines Pohl und vielleicht auch Tim Sebastian und viele andere vertreten, in einer Welt, in der Migration normal ist, wirklich noch funktioniert. Ich hoffe, ich werde eines Tages ein Interview hören, das solchen Fragen auf den Grund geht. Mit Frauke Petry wird es wohl eher nicht zu führen sein …

Advertisements