Lieber nicht lesbisch?

Freiwillig sei wohl keine Frau lesbisch – schreibt Tania Witte, der lesbische Shootingstar und literarische Liebling der Berliner Szene in ihrer jüngsten Kolumne auf Zeit Online. Immerhin – führt Witte an – werden Homosexuelle in den USA immer noch den gefährlichen Konversionstherapien unterzogen, um sie heterosexuell zu „machen“ und damit auf den „Pfad der Tugend“ zurückzubringen.

Wo Witte recht hat, hat sie recht. Und auch in Deutschland quälen sich Teenager damit, „perverse“ Gefühle gegenüber dem eigenen Geschlecht zu empfinden. „Normal“ zu sein, wie alle anderen, ist wohl immer noch das Erstrebenswerteste, v. a. dann, wenn man bzw. frau noch auf die Unterstützung der Eltern angewiesen ist (die sich vielleicht etwas anderes für ihren Sohn oder ihre Tochter gewünscht hätten) und gleichzeitig Akzeptanz unter Gleichaltrigen – in der Peer-Group – wichtig ist (wo es eben doch darum geht, wer schon mal „hat“, wie süß dieser oder jener Teenie-Star ist, usw.).

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ALPHAFRAUEN & ERSSSTÖRUNGEN

Allerdings – nicht alles, was als „Queer“ verkauft wird, ist auch Queer. Die britische Feministin Laurie Penny, eine der Ikonen des Pop-Feminismus – etwa hat sich – wie ich mich erinnere – im Interview mit L-Mag dafür ausgesprochen, dass Frauen ruhig auch mal in die „männliche“ Rolle schlüpfen sollten. Das sei hilfreich, auch um z. B. Essstörungen zu überwinden. Penny selbst gab an, wegen Essstörungen in der Psychiatrie gelandet zu sein. Man habe sie dort zunächst auch für lesbisch gehalten, da sie sich als Teenager die Brüste abgebunden habe.

Vermutlich wird jede Generation junger Frauen aufs Neue damit hadern, in der Pubertät einen weiblichen Körper zu entwickeln. Und vielleicht ist es wirklich schwierig, sich mit den eigenen Rundungen anzufreunden, wenn einem Frauen, wie die AfD-Internetunternehmerin Alice Weidel als Vorbilder für die moderne Frau vor die Nase gehalten werden: erfolgsgewohnt, Doktortitel, Mutter, perfekt geschminkt und gestylt – und sehr, sehr schlank. So präsentierte sich die AfD-Frontfrau in der Talkshow „Menschen bei Maischberger“ und so wurde sie auch in den Medien, u. a. in der Welt dargestellt.

Man könnte statt der rechten, wirtschaftsliberalen AfD-Politikerin auch andere Frauen als Beispiel anführen: Etwa die Welt-Kolumnistin Ronja von Rönne, die nicht nur noch sehr jung ist und trotzdem bereits für überregionale Zeitungen schreibt und kürzlich sogar ein eigenes Buch herausgebracht hat, sondern auch – wen wundert’s – als Teenie auf dem Laufsteg zu sehen war. Das kann man u. a. auf der „Jugendseite“ der Süddeutschen Zeitung, in der Frankfurter Rundschau und auch woanders nachlesen.

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ALLES EINE FRAGE DES STYLINGS?

In der Berliner Siegessäule und anderswo werden immer wieder Workshops beworben, die das „Körpergefühl“ von Frauen stärken sollen und es fällt auf, dass viele Frauen in der Berliner queeren Szene sichtlich mit Gewichtsproblemen zu kämpfen haben, während andere wiederrum dem Ideal „Alice Weidel“ oder „Ronja von Rönne“ nachzueifern scheinen. Sicher – es gibt korpulente Lesben und sehr feminin auftretende Frauen, die trotzdem genauso homosexuell sind wie alle anderen, aber dass v. a. das „Queer“ sein soll? Nein. Sicher nicht.

Der popkulturelle Aspekt scheint auch Tania Witte nicht ganz unwichtig zu sein. In einer ihrer Zeit Online-Kolumnen, die dem berühmt-berüchtigten „Gaydar“ gewidmet ist, also dem „siebten Sinn“, mit dem Homosexuelle andere Homosexuelle erkennen, hebt Witte u. a. auf Styling-Fragen ab: Die „Butch“, die maskuline Lesbe als Rockerbitch. Witte kokettiert mit der Heavy-Metal-Band „Slayer“ – scheinbar ein Inbegriff testosterongeladener Aggressivität – ein Detail und der Grund, warum es mich ein bisschen wütend gemacht hat, ist vielleicht, dass ich die Metal-Combo mal im Gespräch mit einer Freundin in einer Kreuzberger Kneipe erwähnt hatte – ohne übrigens selbst explizit Fan zu sein. Zu der Zeit wollten mir die queeren Szenefrauen allerdings weißmachen, dass „Hodenrock“ „homophob“ und „frauenfeindlich“ sei. Elektro war nämlich angesagt. Immerhin betätigten sich mehrere queere Berliner It-Girls als D-Janes und die Idee mit dem Computer quasi „basisdemokratisch“ „Musik zu machen“ begeisterte auch die linke Szene.

Dann aber kam Ruby Rose – Schauspielerin und Top-Model, wie Cara Delevingne, die Witte in ihrem Text auch erwähnt – und der rockige Charme des sich als „genderqueer“ definierenden Star war plötzlich en vogue. Eine Fotostrecke auf BuzzFeed zeigt, dass Rose sich darauf versteht, das Image so zu inszenieren, dass es ein breites, auch heterosexuelles Publikum anspricht. Nichts ist schlimm daran, offen und sexy – auch für Männer sexy – zu sein, nur lässt sich damit schwer ein Ausschließlichkeitsanspruch formulieren, wie es manche Frauen aus der Berliner queeren Szene gern tun.

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DER FLIRT MIT DER ANDERSARTIGKEIT

Das „In-Between“-Image, ob „genderqueer“, „bi-“ oder „lesbian chic“, lässt sich mittlerweile sehr gut vermarkten. Magazine wie „Straight“ oder „Libertine“ wenden sich an ein kaufkräftiges weibliches Publikum, das mit dem Anderssein flirten möchte, ohne dabei aber gleich in eine Ecke gestellt zu werden. Dabei wird das Thema abweichende Sexualität bewusst niedrigschwellig angegangen. So ist z. B. „50 Shades of Grey“ einer der ersten Aufmacher von Straight gewesen. In dem Softporno geht es quasi um die „Arztroman“-Variante des Sadomasochismus – ein Konzept von Dominanz und Unterwerfung, das bei erfolgsgewohnten „Anführerinnen“, „Butches“ oder „genderqueeren“ Frauen, durchaus auf Gegenliebe stoßen dürfte.

Die Psychologin Lydia Benecke hat „50 Shades of Grey“ in ihrem Buch „Sadisten. Eine tödliche Liebe – Geschichten aus dem wahren Leben“ (erschienen 2015) scharf kritisiert. Die Darstellung von Sadomasochismus sei realitätsfern, entsprechend sexuell orientierten Menschen ginge es nicht um soziale Unterdrückung und psychische Abhängigkeitsverhältnisse sondern einzig und allein um den sexuellen Thrill eines Rollenspiels, das nur im Bett stattfindet. Ähnlich, könnte man hinzufügen, sind „Butches“ keine dominierenden Alphafrauen sondern lediglich burschikose Frauen, die auf andere Frauen stehen – seien diese nun feminin oder ebenfalls eher der „sportlich-jungenhafte Typ“

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KÄMPFENDE WEIBCHEN – ALLES EINE FRAGE DER BIOLOGIE?

Beim Durchblättern einer dieser Zeitschriften – ich glaube es war „Straight“ – stach mir ein Artikel über den „Gaydar“ ins Auge. Ich erinnerte mich an das, was Tania Witte dazu geschrieben hatte. Der „Straight“-Artikel zog das Thema eher von der psychologischen Seite her auf: Bei heterosexuellen Frauen würde z. B. die Stimme heller, sobald ein Mann auftaucht, Lesben dagegen veränderten ihr Verhalten nicht. Unbewusstes Flirt- und Lockverhalten als Automatismus also? Jeder Mann unweigerlich ein eventuell in Frage kommender Paarungspartner? Seit ich den Artikel gelesen habe, beobachte ich das Verhalten tatsächlich öfters bei Frauen. Allerdings habe ich es auch schon bei sich als lesbisch definierenden Frauen beobachtet. Und andererseits wird nicht jede Hetera sofort zum Opfer ihrer Hormone, sobald ein Vertreter des anderen Geschlechtes auftaucht. Oder sind solche Frauen dann doch verkappt lesbisch?

Vielleicht ist jede „normale“ Frau wie die beiden Zicken – Tania und Nicole – die sich in dem alten australischen Film „Muriels Wedding“ (Australien 1994, Regie: P. J. Hogan) um Tanias Mann prügeln – ein höhensonnengebräuntes Minipli-Männchen, das nicht nur die frisch angetraute Ehefrau Tania mit deren Freundin Nicole, sondern auch Nicole mit anderen Frauen betrogen hat. Ein Haufen überschminkter, eingebildeter Ziegen also, denen es nur um eins geht: Die andere zu düpieren und ihr die Augen auszukratzen, sobald sich eine Gelegenheit dazu bietet.

Allerdings macht der Film sich über solche Frauen lustig. Kurz vor der Prügelszene versuchen die Frauen die dickliche, arbeitslose Muriel (gespielt von Toni Colette) loszuwerden, die sich an ihre Fersen geheftet hat, um etwas vom Glanz der angesagten It-Girls abzubekommen. „Weiß du – wir sind beliebt … und du …“ sagt eine der Frauen gedehnt. Nur dass es am Ende die unbeliebte Muriel ist, die ein Abenteuer nach dem anderen erlebt und auch noch ihrem aufgeblasenen Vater eins auswischt ….

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WENN FRAU SICH NOCHMAL UMENTSCHEIDED: SPÄTBERUFENE LESBEN

Queer gibt vor, sich um die Muriels dieser Welt zu kümmern. Dennoch bleiben – so wirkt es manchmal – Tania und Nicole Vorbilder. In dem Buch „Es fühlt sich endlich richtig an!“ von Helga Boschitz (erschienen 2010) kommt eine Frau zu Wort, die das Lesbischsein erst im fortgeschrittenen Alter, nach zwei gescheiterteren Ehen, für sich entdeckt hat. Schon als Teenager habe sie sich eigentlich im Kreise ihrer Mädchenclique am wohlsten gefühlt, berichtet die Frau. Damals hätten alle miteinander darum gewetteifert, welche als erste einen Freund hat. Die beste Freundin hatte einen, die „spätere Lesbe“ nicht. Also hat sie der Freundin den Freund ausgespannt. In dem Buch erwähnt die Frau triumphierend – und, nebenbei bemerkt, auch ohne sich weiter um die Gefühle der Freundin zu kümmern – dass sie dann ja auch endlich einen Freund gehabt habe.

Ist das eine frühe, pubertäre Homoerotik – wie es die Frau in dem Buch zu verkaufen versucht – oder eher ein knallharter Konkurrenzkampf unter Frauen? Die Antwort fällt hier wohl nicht schwer. Und es ist bezeichnend, dass sich die „spätberufene Lesbe“ im Weiteren immer wieder abfällig über Männer äußert – obwohl sie mit zweien verheiratet war – und hervorhebt, wie sehr sie dagegen das erotische „Prickeln“ unter lesbischen Frauen genieße. Dass es um ständige Eifersüchteleien und Rivalitäten geht, wie die Frau es wahrnimmt, scheint sie eher als belebend und anspornend zu empfinden, als dass es sie stören würde.

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INSZENIERT ODER KONVERTIERT? – EIN POSTMODERNES THEATRUM MUNDI?

Viele Frauen in der Berliner queeren Szene hatten ein heterosexuelles Vorleben. Tania Witte selbst erzählte in einem Interview mit dem BR, dass auch sie früher heterosexuell gelebt hat. Eine andere Queer-Aktivistin hat sich in ihren Dreißigern als „transgender“ geoutet. Sie scheint u. a. gute Beziehungen zum Theater zu haben. Bei so viel Transvestie und Rollenspiel ist das aber sicher auch nicht ungewöhnlich.

Theater – genau danach sieht es leider oft auch aus. Ich habe nichts dagegen, wenn Menschen sich neu erfinden. Jede und jeder kann sein oder ihr Leben ändern, sich für alles Mögliche interessieren und dazu auch öffentlich Position beziehen – ganz gleich, ob das anderen gefällt oder nicht.

Nur – 1.) einer Konversationstherapie, von der Witte schreibt, ist sicher keine von ihnen unterzogen worden. Im Gegenteil: alle diese Frauen (und sicher auch einige Männer) haben sich selbst so „definiert“ und die meisten sind dann auch schnurstracks dazu übergegangen, das „neue Leben“ und die „neue Identität“ gewinnbringend zu vermarkten. Die Rolle des „diskriminierten Opfers“ steht solchen Menschen deshalb eher nicht zu.

2.) Die Frage ist außerdem, wie sehr man sich auf Kosten anderer (neu) definieren und/oder inszenieren darf …

DIE SUPERREICHE UND DER UNDERDOG

Aber, gemeinerweise kann ich nicht umhin, hier zum Schluss noch hinzuzufügen: Demnach, was Carolin Emcke in ihrem Buch „Wie wir begehren“ (erschienen 2012) schreibt, scheine ich einige Gemeinsamkeiten mit ihr zu haben. Zufall? Klatsch? Egal – Eigentlich müsste die Emcke dann logischerweise eine ziemlich „widerliche“ Person sein („widerlich“ – ja, ich meine, genau das war das Wort …) … Der kleine Unterschied ist nur, dass das, was bei der einen ein unverzeihlicher Makel ist, der anderen zum Vorteil gereicht. Genau das meine ich. Das kann es nicht sein.

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