Eine Lesbe für die AfD

Es scheint DAS Outing des noch jungen Jahres zu sein: Ausgerechnet eine von der AfD ist mit einer Frau zusammen. Nachdem die TV-Moderatorin Sandra Maischberger AfD-Politikerin Alice Weidel in ihrer Talkshow (Sendung vom 16. März 2016) mit dem Thema Homosexualität konfrontierte, war es raus.

Der Twitter-Account @BlondJedi frohlockt: „Haha sehr cool! Die hübsche @AliceWeidelAfD ist offen lesbisch, Kieler AfD-Chef Afrikaner, aber links-grün sieht nur „Nazi““ (Tweet vom 16. März 2016)

Aber – mal ehrlich – kommt das so überraschend? Sicher, die Weidel entspricht nicht unbedingt dem Klischee der Müslilesbe: Statt Birkenstocks trägt die große, sehr schlanke Business-Frau lieber edle Slipper. Das blondierte Haar – halblang, nicht burschikos kurz – ist straff zurückgebunden. Wenn Alice Weidel spricht, hören sich die Sätze an wie ein Peitschenknallen. Dumm ist die Frau sicher nicht, nur sehr – sagen wir mal – „businessorientiert“. Das spiegelt sich in ihrem Sprachduktus wieder – gut für Verhandlungen mit Geschäftspartnern, aber für eine Talkrunde passt es nicht so.

„Bei Maischberger“ und in diversen Online-Artikeln, u. a. bei der konservativen Welt erfährt man, dass Weidel außerdem Mutter ist und bereits „mehrere Start-Ups“ in aller Welt hochgezogen habe. Eine Erfolgsfrau also, ähnlich wie Frauke Petry.
Es ist nicht so, dass Weidel es an die große Glocke gehängt hätte, dass sie lesbisch ist. Vermutlich widerspräche das nicht nur den harschen Statements, mit denen etwa Parteikollegin Beatrix von Storch gegen abweichende sexuelle Orientierungen zu Felde zieht – teils krude Befürchtungen, etwa Grundschüler würden zum Analsex verführt, wie ein Zeit Online-Artikel ausführt, teils schlichte Ablehnung. Nein, es würde auch eine Menge Stammwähler verstören, jenes rechtskonservative Segment, das in der Partei nicht nur die professorale „Anti-Euro-Partei“ sieht, sondern auch zurück will,  was die Werte betrifft – am liebsten um Jahrzehnte.

Dennoch: Es gibt gar nicht mal so wenig Homosexuelle in der AfD. Der griechischstämmige Bremer Alexander Tassis etwa ist einer von ihnen. Mirko Welsch aus dem beschaulichen Saarland ist Bundessprecher der „Bundesinteressengemeinschaft Homosexuelle in der AfD“, wie man auf Spiegel Online nachlesen kann. Vermutlich lebt ein Teil der homosexuellen AfD-Anhänger ungeoutet. Andere gehen, wie Alexander Tassis, der sich mal im Interview mit Vice dazu geäußert hatte, eher diskret damit um. Man legt augenscheinlich keinen Wert auf „Diversity“. Verboten ist sie aber auch nicht unbedingt.

Und @BlondJedi, das Twitterprofil, das parteiisch auf seiten der AfD twittert und mir schon öfters durch rechtslastige Kommentare aufgefallen ist, hat in diesem Fall leider recht: Es gibt sogar Schwarze und andere Menschen mit Migrationshintergrund, die sich für die politische Rechte begeistern. Wie kommt’s? Man könnte meinen, dass das schön blöd ist und die Leute sich damit eigentlich nur selbst ein Bein stellen, weil es ja bekanntlich die Linken sind, die sich für sie einsetzen. Nur machen einen eine abweichende homosexuelle Orientierung oder eine andere Hautfarbe oder Nationalität leider nicht zum „besseren Menschen“ bzw. sie legen eigentlich überhaupt keine Charaktereigenschaften fest. Das vergessen Linke oft, dass auch jemand wie der ugandische Diktator Idi Amin ein „Man of Color“ war – und sein Land ruiniert, ja sogar grausam gefoltert hat, ohne dass irgendeine „weiße Schuld“ dahintergestanden hätte. Und SA-Chef Ernst Röhm war schwul. Jeder wusste davon. Man tolerierte es stillschweigend, was die Nationalsozialisten allerdings nicht daran hinderte, andere Homosexuelle mitleidlos in Konzentrations- und Vernichtungslagern umzubringen. Der linke Liedermacher Rio Reiser war übrigens ebenfalls homosexuell. Wer irgendeine Gemeinsamkeit zwischen Röhm und Reiser ausmachen will, wird vermutlich nicht viel finden. Aber Asthmatiker oder Menschen, die gut singen können, haben auch nicht alle die gleichen Wesenszüge und/oder politischen Ansichten.

Vermutlich wird man – nicht zuletzt vor dem Hintergrund der Flüchtlingskrise – das Koordinatensystem von Toleranz und Gleichberechtigung neu abstecken müssen. Immerhin – die Menschen als Menschen zu sehen, wäre nicht das Schlechteste …

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