Profilneurosen im Internet. Oder: Nach wie vielen Klicks bist du draußen?

Tja, das Internet ist schon manchmal unheimlich. Man wird ständig getrackt, schon jeder hat es wahrscheinlich schon mal bemerkt: Der Freemail-Account spuckt einem Werbung zu Themen aus, über die man in seinen E-Mails geschrieben hatte. Auf Youtube werden Video-„Vorschläge“ von Songs geliefert, die man ein paar Tage vorher ein paar Mal abgedudelt hatte. Da fragt man sich schon, wird man eigentlich Schritt auf Tritt verfolgt? Und wie sichtbar sind die Spuren, die man selbst so hinterlässt?

Ein anderes Phänomen habe ich bei Google beobachtet. Wenn man z. B. meinen Blog googelt, lässt einen die Suchmaschine immer ganz komische Dinge sehen. Schon klar, dass, was oft angeklickt wird, ist ganz oben plaziert. Soweit verstehe ich das Internet auch, auch wenn mein Wissen sicher noch ausbaufähig ist. Merkwürdig ist nur, dass unter den Links oft einzelne Sätze mitten aus den Beiträgen (und – ein interessantes Detail – auch mitten aus dem Zusammenhang gerissen) zu sehen sind.

LailaScreenshot

*Screenshot vom 17. März 2016: Wenn man bei Google nach „Laila Phunk“ sucht. Der Description-Text (siehe roter Rahmen) weicht stark vom Code ab. Als „Teaser“ wird unter dem Link ein Textfetzen mitten aus dem Text gezeigt. Hier ist der Link zu dem entsprechenden Blogbeitrag, dessen Titel hier als Link auch nicht angezeigt wird.

Da ich WordPress.com nutze, sind meine Möglichkeiten, Suchmaschinen-Optimierung zu betreiben, begrenzt. Dennoch, der im Beispiel (siehe Screenshot) gezeigte Text weicht stark vom Description-Text aus dem HTML-Code der Seite ab. Normalerweise wird der als „Auszug“ oder „Teaser“ für die Suchmaschine angezeigt.

Yap, mir ist das auch schon bei meinen sozialen Netzwerken aufgefallen – zumindest denen, die ich für die Öffentlichkeit freigeschaltet habe. Oft wird eine „Auswahl“ gezeigt, die kein ausgewogenes Bild der Einträge abgibt. Eher sind es lang zurückliegende Post, thematisch meist stark eingeschränkt, oft Queer, oder etwas, das mit Rassismus zu tun hat.

Natürlich beschäftige ich mich mit beiden Themen. Und es ist nicht abwegig, dass Leute sich v. a. dafür interessieren, was ich zu diesen Themengebieten zu sagen habe. Allerdings geben mir meine „Follower“ kein Feedback dazu. Ich weiß, dass es v. a. Leute, sind, die irgendwie mit Queer zu tun haben oder sich damit identifizieren. Das liegt einerseits in der Natur der Sache, andererseits sind es – soweit ich es abschätzen kann – Profile, die auch in anderen Online-Communities aktiv sind. Inhaltlich machen sie manchmal den Eindruck, zur Berliner queeren Szene zu gehören oder mit ihr in irgendeiner Weise zu tun zu haben. Gut, ich wurde von den Leuten gemobbt (bzw. werde es immer noch), also von denen aus der Berliner queeren Szene. Bei Internetprofilen weiß man selten, wer dahinter steckt. Es kann also so oder so sein.

In einem sozialen Netzwerk allerdings hatte ich irgendwann die Sicherheit, dass mich ein Account in die Mangel genommen hatte, den die queere Szene auf mich „zugeschnitten“ hatte. Da ich u. a. offenbar als „linksextrem“ dargestellt worden war (Ich vertrete eher gemäßigt link-liberale Thesen und – nebenbei – galt ich auch als „neoliberal“ und „rechts“. Die Leute überzeugen nicht unbedingt durch stringente Argumentation), also, das Profil in dem sozialen Netzwerk war jedenfalls eine „sehr linke“ Bisexuelle, die angeblich in einer anderen Stadt lebte und sich sehr dafür interessierte, was ich beruflich mache. Das Profil kam mehrfach darauf zurück. Man konnte fast meinen, das es eigentlich nur darum ging. Als ich einmal einen queeren Stammtisch in Berlin besuchte (einmal und nie wieder!) ließ man mich wissen, dass das Profil sie informiert hatte. Grins. Na ja.

Andere Profile, die in sozialen Netzwerken auftreten, wirken ebenfalls sehr künstlich, als sollten bestimmte Prototypen präsentiert werden. Aber man weiß natürlich nicht, ob es den Leuten nicht vielleicht eher darum geht, einem gefragten Menschentyp so gut wie möglich zu entsprechen. Immerhin heißt es, soziale Netzwerke seien zum „netzwerken“ da – auch in beruflicher Hinsicht. Oder die Leute sind halt wirklich so. Keine Ahnung.

Selbst neige ich manchmal dazu, mir online Luft zu machen. Immerhin bin ich offline – auf Veranstaltungen oder auf der Straße – genug angegriffen worden. Ich tue es unter Klarnamen. Eigentlich ist es ja auch ziemlich hinterfotzig, als „Batman122“ oder „Mr. Missetat“ aufzutreten und Quatsch zu schwallen. Oder Aggros rauszulassen. Mir persönlich geht es eher darum, legitime (und notwendige!) Forderungen nach Minderheitenschutz und Toleranz, die z. T. auch mich selbst betreffen, von Schwachsinn abzugrenzen, der bestimmten Menschen Privilegien einräumen soll und – wie ich es selbst erlebt habe – gelegentlich soweit pervertiert wird, dass es schon wieder auf Ausgrenzung und Diskriminierung hinausläuft.

Ob das aber eine so gute Idee ist, weiß ich nicht. Neulich habe ich mir einen Online-Kommentar durchgelesen – professioneller Journalismus. Besonders interessant waren die Kommentare: Ein etwas nerviges, auf „ausländisch“ (selbsbewusster „refugee“ mit akademischem Hintergrund) getrimmtes Profil, das – so sah es aus – außerdem suggerieren wollte, auch noch homosexuell zu sein und einige rechtslastige Beiträge. Manches wirkte auch einfach nur wirr. Schade! Wirkliche Diskussionen kommen so wohl nicht zustande. Ich selbst halte mich diesbezüglich auch lieber zurück. Man weiß – wie gesagt – nie, wer eigentlich dahintersteckt. Am Ende ist es jemand, der gerade neben einem im Internetcafé sitzt und leider zu denen gehört, die einen nicht so mögen. Wer weiß, welche Auswirkungen das offline dann wieder hat. Und wie oft man dann angeklickt wird, damit die Suchmaschine ein bestimmtes Bild von einem abgibt. Und wer einem als vermeintliche sexy linksautonome Punklesbe im nächsten sozialen Netzwerk, in das man sich einloggt, um den Hals fällt. Nur damit dann alle wissen: Dein Profil ist nicht so der Bringer. Soll man sich doch lieber mal die anderen angucken. Klick. Logout.

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