Röhrende Hirsche on Speed – Oder wieviel gibt ein Grüner mit Tina her?

Grünen-Politiker mit Crystal Meth erwischt, ausgerechnet Berlin – Nollendorf-Platz -, also mitten im schwulen Partybezirk, passenderweiser Volker Beck. Auf Twitter wurde es gestern zum „Trend“, heute Schlagzeile Nummer 1 bei allen Boulevard-Blättern. Beck ist offenbar klug genug, einfach mal den Mund zu halten. Andere dagegen überschlagen sich, nachzuweisen, dass so ein bisschen Plastik-Kokain einem grünen Vorzeigepolitiker doch nichts anhaben könne – ganz im Gegenteil: Margarete Stokowski fragt sich auf Spiegel Online, warum Drogen in einer modernen, aufgeklärten Zeit unbedingt ein politisches Todesurteil bedeuten müssen und kommt zu dem Schluss, dass Beck einer ist, der – egal wie totgesagt – von den Toten noch einmal zurückkehren wird. Den Vogel aber schießt Deniz Yücel ab. Er verweist in der Welt auf Milton Friedmann, um Volker Beck zu rehabilitieren. Der US-Wirtschaftswissenschaftler war in Punkto Drogenpolitik in der Tat zeitlebens ausgesprochen liberal. Allerdings war er auch der Lehrmeister der sog. „Chicago-Boys“, die ihren aggressiven wirtschaftlichen Liberalismus unter der Ägide des Diktators Augusto Pinochet im Chile der 1970er Jahre ohne lästige Gewerkschafter und andere Sozialisten in die Tat umsetzen konnten. Wer’s nicht glaubt, kann’s ja auf Wikipedia nachlesen oder sonstwie im Internet googlen.

Vielleicht ist es ein Zufall, dass sowohl Stokowski als auch Yücel aus dem Stall der Berliner Tageszeitung stammen. Aber trotzdem ist es schon irgendwie kurios, den Bogen von Militärdikatur und Folter zu ökonomischer Extrem-„Schocktherapie“ und dem Label „links“ zu schlagen. „Liberal“ ist halt nicht immer gleich „liberal“. Und wenn jeder koksen darf, wie er will, macht das die Welt nicht unbedingt zu einer besseren.

Andererseits, natürlich traten links-alternative Politiker (fast) immer für eine liberale Drogenpolitik ein. Zum Teil ist das vielleicht ein bisschen ein Erbe von ’68 und eine Reminiszenz an die Blumenkinderzeit. So ein bisschen Kiffen für den Frieden eben. Crystal Meth ist allerdings eine Leistungsträgerdroge, mehr noch Nazi-Kram. Es sollte ursprünglich die Soldaten der Wehrmacht zu Herrenmenschen-Kämpfern machen. In jüngerer Zeit geriet die Droge jedoch eher dadurch in die Schlagzeilen, dass sie Menschen physisch binnen kürzester Zeit zu wahren Wracks macht. Auch das kann man auf Wikipedia nachlesen, wenn man will.

Mag ja sein, das Koksen zu Politik und Medienwelt gehört, wie die Beichte zur katholischen Kirche. Mag sein, dass Workaholics und Möchtegern-Überflieger sich damit zum „immer mehr“ motivieren. Dass Drogen aus dem schwulen Partymilieu harter Großstadtszenen wie Berlin und London nicht wegzudenken sind, ist auch nicht neu. Aber hat das alles wirklich so sehr mit der Person Volker Beck zu tun? Warum spricht man nicht, statt über Beck, über die Gefährlichkeit von Crystal Meth, dass das nicht „funky“ ist, wenn man nicht zu den oberen Zehntausend gehört, dass man dann ganz schnell untergeht, genau, wie Heroin auch nur bei steinreichen „Pop-Stars“ „nur eine Phase im Leben“ ist. Otto-Normalbürger landen auf dem Straßenstrich. Warum spricht man nicht über Chemsex-Partys im Schwulenmilieu? Dass das nicht ganz ohne ist? Nicht, dass ich das alles Volker Beck andichten wollte. Ganz im Gegenteil: Ich finde, solche Diskurse sind für sich genommen wichtig. Das muss man nicht an seiner Person festmachen.

Und nicht zuletzt ist es ja richtig, dass Beck kein strammer CSU-Politiker ist, der sich, umgeben von röhrenden Hirschen und anderen Insignien spießbürgerlicher Behaglichkeit, einen Namen als „Saubermann“ gemacht hätte, am besten noch mit Kernfamilie und Christenheit als Maß aller Dinge. Nein, da kann man also nicht lachen und sich an der Bigotterie hochziehen. Beck ist nur einer von vielen, der mal einen Ausflug ins Halbweltmilieu gewagt hat. So what?

Advertisements