Die graue Masse und der Junge im blauen Anorak

Deutschland spaltet sich. Die Flüchtlingsfrage. Die einen versprechen „blühende Landschaften“, so wie einst Altbundeskanzler Helmut Kohl versuchte, den Deutschen die Wiedervereinigung schmackhaft zu machen. Unneholfen wird die Rhetorik linker AntiRas-Aktivisten nachgeahmt, jeder Zweifel wird barsch mit einem „Das ist ja fast schon Pegida!“ abgebügelt. Die anderen – nun ja – das konnte man in dem Video sehen, das am Freitag in den sozialen Netzwerken umging (u. a. auf Spiegel Online als Tweet von Jan Böhmermann zitiert): ein gröhlender Mob, der einen Reisebus mit Flüchtlingen umzingelt, ein kleiner Junge im blauen Anorak, angsterfüllt und entsetzt, im Hintergrund Frauen mit Kopftuch, Menschen, die in die Falle geraten zu sein scheinen. Natürlich lässt einen so etwas nicht kalt. Nein, es macht schier sprachlos! Aber als ich das Video auf Twitter sah, war mein zweiter Gedanke: „Mensch, hoffentlich ist das echt und nicht wieder so ein Hoax!“ Später am Abend ging ich noch einmal in ein Internetcafé. Mehrere Medien, die ich für seriös halte, hatten in der Zwischenzeit die Authetizität des Videos bestätigt. Horror! Fast ein Kriegszenario! Nicht, dass ich je einen Krieg miterlebt hätte, aber so stelle ich mir das vor.

Man reagiert nur erst einmal ein bisschen zögerlich, nachdem man die aufwallenden Emotionen halbwegs in den Griff gekriegt hat, weil da auch die Sache mit dem toten Flüchtling war. Ein kranker junger Mann aus Syrien soll auf dem Gelände des Berliner Landesamtes für Gesundheit und Soziales (LaGeSo) nach einer Art Schlangesteh-Marathon schließlich entkräftet gestorben sein. Natürlich sorgt auch so etwas erst einmal für Empörung und man schämt sich: Wie kann das in einem wohlhabenden, doch eigentlich relativ gut organisiertem Land wie Deutschland passieren? und dann kommt heraus, dass alles nur gelogen war, u. a. die linke Berliner Tageszeitung berichtete darüber. Man fühlt sich irgendwie gelinkt, als wäre einem ein Stück Mitgefühl aberpresst worden und dann heißt es frech: „April! April!“

„Lügenpresse“ – will man sich mit solchen Begriffen wirklich gemein machen? Nein, natürlich nicht. Aber man fühlt sich trotzdem ein bisschen verschaukelt. Hochqualifizierte Fachkräfte seien diese Flüchtlinge aus Syrien, ließ man uns im Herbst letzten Jahres wissen, dann wieder waren es alles Analphabeten, deren Integration in den deutschen Arbeitsmarkt Jahre dauern und recht kostspielig werden würde. Nein, unter den Flüchtlingen seien keine Terroristen, wurde immer wieder betont, das sei ganz komisch, aber gerade diese Leute hätten ganz und gar nichts damit zu tun. Obwohl man wusste, dass nicht alle vor dem Islamischen Staat fliehen, sondern auch vor Assad und den Kurden. Und man wusste auch, dass der IS eventuell versuchen könnte, Terroristen mit einzuschleusen. Noch nach den Attentaten von Paris im November überschlugen sich Politiker und Medienleute damit, den Leuten klarzumachen, dass die Attentäter doch „Europäer“ seien. Es klang fast wie „Critical Whiteness“ – die Gewalt ist ein Ding der „ersten Welt“ – oder wie das Gegenteil von „Critical Whiteness“, der (rassistische!) Mythos vom „edlen Wilden“, der unschuldig in seinem Busch hockt, bis er von den Versuchungen der „Zivilisation“ bzw, der westlichen Welt heimgesucht und dadurch verdorben wird. Wir wissen heute, dass unter den Attentätern welche waren, die als Flüchtlinge nach Europa gekommen sind. Wir wissen auch, dass nicht alle Flüchtlinge Terroristen sind – die meisten sind es nicht – dass nicht alle Flüchtlinge Frauen sexuell belästigen – die meisten tun es nicht – dass manche arm und ungebildet sind und andere in ihrer Heimat zur Oberschicht gehörten. Für all das braucht man keine Medien. Eigentlich sagt einem das der gesunde Menschenverstand.

Vielleicht ist „Critical Whiteness“ das Stichwort. Das haben die Leute an der Uni gelernt, die mittlerweile das Sagen haben, z. T. in der Politik, v. a. aber in den Medien. Es klingt wie eine emsig studierte, sorgsam durch einen wohlwollenden Professor angeleitete „Flüchtlingsarbeit“. Es kommt auf die Sprache an, sagen solche Leute. Die Macht der Worte. Und es ist ein Problem, dass diese Leute die anderen für dumm halten. Die Hochnäsigkeit der wohlstandsaturierten Bürgerkinder, die selbst immer an die Hand genommen und durchs Leben geleitet worden sind. Rassismus bekämpft man aber nicht, indem man Leute belauert, dass ihnen auch nur ja kein falsches Wort herausrutscht. Und diese Leute tragen auch keine Schuld ihrer Vorväter ab, indem sie sich mit den Flüchtlingen, den „anderen“, den „People of Color“ identifizieren und das Böse in ihren weniger gebildeten Landsleuten suchen (NB: für Laila Phunk sind Araber Weiße, was nicht bedeutet, dass ihnen keine Diskriminierung entgegenschlägt. Aber auch Italiener und Spanier leiden in Deutschland gelegentlich unter Ausländerfeindlichkeit. Und Italien und Spanien waren Kolonialländer. Na gut, bei Italien war es nur ein Versuch. … Übrigens: China, Indien oder z. B. Ghana, Peru, also Orte, wo traditionell echte „People of Color“ leben, waren Hochkulturen, also „Zivilisation“, der arabische Raum übrigens auch). Vielleicht erklärt das, dieser studierte, eher literarische Antirassismus, den etwas „gelenkten Journalismus“.

„Lügenpresse“ ist es trotzdem nicht. Ich erinnere mich auch, dass ab dem Herbst nichts mehr über Brandanschläge auf Flüchtlingsunterkünfte zu hören war. Als hätte das plötzlich aufgehört, kraft des wunderbaren „Sommermärchens“. Es hatte nicht aufgehört. Und zurück bleibt das ungute Gefühl, nur die Hälfte mitzukriegen, das, was man einen wissen lassen will. Das Vertrauen ist nicht mehr da, die Sicherheit, zu wissen, was da auf einen zukommt und wie man gedenkt, es zu handhaben. Man hat den Eindruck, nicht mehr so recht mitreden zu können …

Das Gefühl der Sicherheit dürfte aber auch den Flüchtlingen im Bus in Claußnitz gefehlt haben, denn eigentlich darf man doch annehmen, dass Asyl bedeutet, in Sicherheit gebracht zu werden, nicht dass Leute einen einkesseln und einem ein Hass entgegenschlägt, der sich wie wütendes Hundegekläff anhört. Eigentlich darf es so etwas nicht geben. Und man muss noch nicht einmal für die Flüchtlinge sein – Man könnte sogar finden, dass nicht alle bleiben sollten (Nicht, dass ich das fände, es ist rein hypothetisch!) – aber dass man Frauen und Kinder, Menschen, die man gar nicht kennt und die einem nichts getan haben, zu ihrer Unterkunft gehen lässt – Das sollte nun wirklich selbstverständlich sein.

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