Das hast du falsch gesehen! Oder: Warum man sich manchmal irrt

Ein Bild, wie aus einem anderen Zeitalter: Eine Familie – so könnte man es nennen – die zu Mittag in einem netten, kleinen Restaurant essen will. Sie sind die einzigen Gäste. Die Kellner – es sind gleich mehrere, Personalmangel herrscht hier nicht – halten sich vornehm zurück. Erwartungsvolle Blicke bewegen keinen, sich dem Tisch zu nähern und die Karte zu bringen. Die Zeit verstreicht. Langsam. Die Kellner scheinen zu Statuen versteinert zu sein. Bis jemand am Tisch wütend wird, aufspringt und lauthals fordert, bedient zu werden. Dann geht alles seinen geregelten Gang. Na bitte. Am Tisch wird zwischen zwei Sprachen hin- und hergewechselt (keine ist übrigens Arabisch, eine aber Deutsch, die andere kann man nicht klar zuordnen: Russisch? Rumänisch? Romanes? Etwas ganz anderes? „Etwas ganz anderes“ ist – nur so nebenbei – die richtige Antwort.). Hätte man die Leute aufgefordert, ihre Pässe vorzulegen, wären einige die bekannten roten mit dem stilisierten Bundesadler gewesen. Deutsche. Von Xenophobie kann man dann sicherlich nicht sprechen. Oder doch?

TOURI ODER TERRORIST?

Szenenwechsel: Berlin im Herbst 2015, U-Bahnhof Alexanderplatz. Eine Gruppe finster aussehender junger Männer steht auf dem U-Bahnsteig herum – mediterraner Teint, schwarze Haare, lange, leicht filzige Bärte. Eine Frau beobachtet das Ganze mit einem mulmigen Gefühl. Man weiß ja nie. Hat der IS nicht gedroht, mit den Flüchtlingen auch Terroristen einzuschleusen? Davon hatte sie einige Monate zuvor auf Zeit Online gelesen. Plötzlich sieht sie, dass einer der Männer einen Stadtplan in der Hand hält. Erbost zetert er in einer Sprache, die die Frau als Portugiesisch identifiziert. Sie ist sich sogar ziemlich sicher. Und wenn es Arabisch gewesen wäre? Die Frau hätte das Gleiche gedacht: Nämlich, wie schnell man doch seinen eigenen Vorurteilen auf den Leim gehen kann. Und was Angst aus Menschen macht. Die Frau schämt sich. Denn ihr ist klar, dass es nichts bringt, sich vor einer Gruppe junger Araber (oder anderer Leute, die „so aussehen“) zu fürchten, die im gleichen U-Bahnwaggon wie sie sitzt. Wer weiß – vielleicht ist der mit dem Sprengstoffgürtel am Ende der blonde junge Hipster, der gerade mit seinem Smartphone spielt? Oder die elegant gekleidete junge Frau, die ihr edles Handtäschchen eng an sich gepresst hält? Oder eine rechtsterroristische Gruppierung wie der NSU steigt irgendwo zu, um wild um sich zu schießen und ein Blutbad anzurichten? Hoffentlich passiert all das nie!

WIE MAN SICH DOCH IRREN KANN

In der Zeit fragt sich Yassin Musharbash, der einen arabischen Vater und eine deutsche Mutter hat, was einen zum Araber macht. Und bezeichnet sich selbst als „Undercover-Araber“. Weil Musharbash so blond und blauäugig wie Björn Höcke von der AfD ist, meinte offenbar auch schon der eine oder andere Berliner Taxifahrer, sich ruhig rassistisch über Araber auslassen zu können. Wie man sich doch irren kann …

Manchmal läuft es auch anders herum: An der Uni, wo ich studiert habe, war ein Nazi mit Migrationshintergrund aktiv. Der Typ war richtiger, waschechter Migrant (streng genommen sogar „Flüchtling“) und überzeugter Nazi. Nicht nur konservativ oder rechtspopulistisch. Soll’s geben. Leider sah er einem anderen Studierenden (ohne Migrationshintergrund) sehr ähnlich. Weil es nun einmal hirnverbrannte Assis auf dieser Welt gibt und das nicht von der Nationalität abhängt, hatte der Studierende immer wieder (blonde und blauäugige) Hipster am Hals, die „dem Nazi“ mal die Meinung geigen wollten. Allerdings hatte dieser Mann absolut nichts mit Rechtsextremismus zu tun. Im Gegenteil. Ein Opfer des Übereifers anderer? Oder kann das schon mal passieren?

Und außerdem, was soll man nun mit einem solchen Kuriositätenkabinett anfangen? Eine Familie, die man ethnisch nicht zuordnen kann, eine Frau, die sich vor portugiesischen Touristen fürchtet, ein blonder Araber, dem von der falschen Seite auf die Schultern geklopft wird, ein ausländischer Nazi und ein Deutscher, der für dessen Missetaten bestraft wird?

IST ES WICHTIG, WO MAN DARF UND WO NICHT?

Da kann man doch nur eines draus ziehen: Es geht gar nicht so sehr darum, wem gegenüber man sich was erlauben kann und wo man vorsichtig und „nett“ sein muss. Es ist das Diskriminieren an sich, das falsch ist, das Ausgrenzen, Anfeinden, Unterdrücken und an den Rand drängen. Was ist schon so cool daran? Klar, manche meinen, wenn sie irgendwas finden, mit dem sie sich als „diskriminiert“ darstellen können, können sie auch die Prinzessin auf der Erbse geben und gefallen sich darin, andere hin- und herzuschubsen. Gerade das ist aber nicht gemeint. Niemand muss sich von wem auch immer tyrannisieren lassen und/oder ein(e) Musterschüler(in) in Sachen Toleranz sein.

Und es kommt auch gar nicht so sehr darauf an, dass man vollkommen vorurteilsfrei ist. Wer das von sich behauptet, hat – das ist eine alte Faustregel – oft sogar die meisten Klischees im Kopf. Viel wichtiger ist eigentlich, dass man bereit ist, seine eigenen Vorurteile und Gewissheiten im Zweifelsfall noch mal zu überprüfen. Vielleicht holt man einfach gelegentlich mal jemanden wieder aus der Schublade raus, in die man ihn oder sie gesteckt hat. Und hält sich ansonsten mit Aggressionen und Feindseligkeiten zurück. Auch, wenn man meint, hier oder da mache es doch nichts. Genau das ist nämlich – ähem, ja! – diskriminierend.

 

 

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