Out of Control?

„Staatsohnmacht“ titelt der Spiegel dieser Woche. In einem Kommentar auf Spiegel Online wird die Frage gestellt: Sind die sexuellen Übergriffe von Köln ein Zeichen dafür, dass Angela Merkels Flüchtlingspolitik gescheitert ist? Nein, der Staat müsse nur seine Regeln besser durchsetzen, wird schon einleitend klargestellt. Ich möchte hier nicht über Asylrecht und die gesetzliche Regelung von Einwanderung diskutieren. Dazu gäbe es sicher viel zu sagen, aber man sollte sich vielleicht schon ein bisschen auskennen. Trotzdem, vom Grundtenor her stimme ich zu. So doof ist das alles nicht: offene Grenzen, Willkommenskultur, Hilfsbereitschaft für Menschen, die in Not geraten sind, aber auch Feminismus, der Schutz sexueller Minderheiten, ein generell liberales Denken, Hilfe für soziale Schwache. Ich finde, es ist nur eine Frage, wie man es lebt. Ob und wie man es wirklich durchsetzt. Oder ob es bloß schöne Worte sind. Na klar, es ist absolutes No-Go, die Rechte von Frauen gegen die von Migranten auszuspielen. Ätzend! 3x ätzend, wenn es dann auch noch mit Nazigeschwalle einhergeht! Es hilft aber auch nicht, medial eine heile (Schein-)Welt zu entwerfen, in der es nur „gut“ und „böse“ gibt und Migranten von Opfern brutaler Diktatoren und verblendeter religiöser Extremisten in Deutschland über Nacht zu fleißigen, wohlhabenden Musterbürgern mutieren, die sich niemals an wem auch immer vergreifen würden. Und jede(n) in die rechte Ecke zu stellen, der es wagt, irgendeine Form von Kritik auszusprechen und sei sie auch noch so differenziert und wirklich nur auf Einzelfälle bezogen. Das ist zu einseitig und es würde wohl keiner sozialen Gruppe gerecht werden. Weder den Flüchtlingen noch irgendwem sonst. Auch das thematisiert der Spiegel-Kommentar. Etwas kleinlaut. Das hat man nämlich falsch gemacht in den letzten Monaten. Ganz schön blöd, so nach dem Sandkasten-Motto: „Der da ist jetzt der Gute und du bist mal nett zu dem, auch wenn der dir die Schippe auf den Kopf knallt.“ Nicht nur dass das andere Kind vermutlich sehr schnell begreifen würde, dass „mit der Schippe kloppen“ voll okay ist und mit einem Gegenschlag nicht zu rechnen ist, es kann also härter zuschlagen und gemeiner sein, wenn es will. Es ist auch so, dass, wenn es da noch ein Kind gibt, zu dem man auch nett sein muss, das aber nicht mit der Schippe schlägt, sondern einfach nur mitspielen will, dass das Kind sich irgendwie verarscht fühlen wird. Oder, wie eine (süd-)osteuropäische Bekannte von mir – in einer anderen Situation – einmal äußerte: „Da sind so viele Kriminelle über die Adria gekommen. Glaubt bloß nicht, dass wir alles so sind!“. Nein, die Bekannte brach nämlich nicht nachts in Wohnhäuser ein oder versuchte tagsüber im Gedränge von U-Bahnen und Bussen Portemonnaies und Handys zu erbeuten. Die junge Studentin der Literaturwissenschaft war erstmals in dem Land, dessen Sprache sie so lange gelernt hatte. Nun wollte sie auf den Spuren von dessen traditionsreicher Kultur wandeln. Möglichst unbehelligt von einigen Landsleuten (oder ähnlich kriminellen Einheimischen).

Aber zurück zum Thema: Deutschland ist manchmal wie eine überforderte, ungerechte Mutter, die ihre Kinder lieblos behandelt und die einen vollkommen verzieht (ohne sie deshalb unbedingt lieber zu mögen), während die anderen ihr kaum einen Augenblick Aufmerksamkeit wert sind. Oder, wie es bei „Aschenputtel“ heißt: „Die Guten ins Töpfchen, die Schlechten ins Kröpfchen.“. Nur mit dem Unterschied, dass Menschen nicht die Linsen sind, die das arme Mädchen im Märchen aus der Asche lesen soll. Nochmal: Offenheit, Gerechtigkeit und Minderheitenschutz sind gute, wichtige Dinge. Man muss sie nur durchsetzen. Zum Wohle aller.

ToppVielfalt

Was geht: Darauf hinweisen, dass sexuelle Übergriffe nicht nur ein Problem „anderer Kulturkreise“ sind. Auch Deutsche tatschen und vergewaltigen. Klar, dass das bei denen nicht besser ist. Bei Migranten aber auch nicht. Punkt. Der Rechtsstaat gilt für alle gleichermaßen.

Was nicht geht: Von Frauen verlangen, dass sie mehr Verständnis für die „fremden Sitten“ aufbringen und gefälligst zusehen, dass sie sich in solche Situationen gar nicht erst bringen. Gut, dazu muss man schon von der Grundeinstellung her eher frauenfeindlich sein. Oder ziemlich blöd. Ich finde aber, dass es wichtig ist, missverständliche Aussagen, wie z. B. die der Kölner Oberbürgermeisterin Henriette Reker, die nach den Übergriffen am Kölner Hauptbahnhof Verhaltenstipps für Frauen in solchen Situationen gab – u. a. Spiegel Online berichtete darüber – immer klar zu präzisieren. Reker hat zwar für viel Empörung gesorgt, aber es ging ihr – soweit mir bekannt – wohl tatsächlich nicht um „Schuldzuweisungen“ oder Parteinahme für die Angreifer. Gut, wenn das medial auch klar und deutlich kommuniziert wird. Dass die Vorfälle in der Silvesternacht erst so spät ans Licht der Öffentlichkeit gelangt sind, war – und da gibt es nichts dran zu rütteln – einfach falsch. Es hat auch dem Image der Flüchtlinge nicht gut getan.

Was gar nicht geht: Sich in die Brust werfen, dass man es ja schon immer gesagt habe, dass die „deutsche Frau“ (wahlweise: „die blonde Frau“) in Gefahr sei. Negativbeispiel: Björn Höcke von der AfD bei Jauch (vgl. einer Kritik der Sendung im Berliner Tagesspiegel).

Was geht: Jede Menge finanzielle Mittel bereitstellen für Sprachkurse, Zusatzsprachförderung an Schulen, Häuserbau, Anpassungsqualifikationen für Flüchtlinge im beruflichen Bereich, betreutes Wohnen für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge, eine bessere organisatorische Abwicklung, usw..

Was nicht geht: Konkurrenzkämpfe auf dem Arbeits- und Wohnungsmarkt schüren, jammern, dass Sozialleistungen angesichts der vielen Flüchtlinge gekürzt werden müssten, verlangen, dass Integrationsarbeit v. a. ehrenamtlich geleistet werden müsste.

Was gar nicht geht: Lamentieren, dass Migranten v. a. in den Sozialstaat einwandern würden und die Gene schuld an allem seien. Ähnlich war die Debatte 2010 um das Buch „Deutschland schafft sich ab“ des SPD-Politikers Thilo Sarrazin geführt worden (vgl. u. a. eine Rezension des Buches in der FAZ). Stop! „Schuld“ daran, dass Migranten oft schlechter (oder gar nicht) ausgebildet sind und weniger Chancen auf dem Arbeitsmarkt haben, sind meistens ganz schlicht und einfach mangelhafte Deutschkenntnisse. Basta.

ToppFlopp

Was geht: Versuchen, Verständnis und Mitgefühl für die Lage von Flüchtlingen und Wirtschaftsmigranten zu wecken.

Was nicht geht: Menschen gegeneinander ausspielen (s. o.), auf die Tränendrüse drücken, um Missstände zu vertuschen bzw. Kritik daran zu unterdrücken.

Wenn man selbst Migrationshintergrund hat: Deutsche mehr oder weniger als selbstsüchtige Geldsäcke vorführen, die einfach nur zu geizig sind, etwas von ihrem Wohlstand abzugeben. Eine Kolumne von Hasnain Kazim auf Spiegel Online lief Gefahr, in die Richtung abzudriften. Auch wenn es sicherlich wütend macht, mit welch perfiden Argumenten Ausländerfeindlichkeit begründet wird, die Gleichung: hässlicher, feindseliger, reicher Deutscher gegen armer, hilfesuchender Migrant ist etwas zu billig. Und ein kräftiger Arschtritt für alle Deutschen, die nicht ausländerfeindlich sind und versuchen, Migranten bestmöglich zu unterstützen. (NB: Nicht auf Kazim gemünzt, aber so mancher Edelmigrant ist selber eine „Fluchtursache“, d. h. z. B. jemand aus der Clique irgendeines „Staatschefs“, der nicht weiß, in welche seiner vielen Luxuskarossen er seinen Hintern zuerst setzen soll, sollte mit Schuldzuweisungen lieber vorsichtig sein. Obwohl es grundsätzlich natürlich stimmt, dass deutsche Firmen die sog. „Dritte Welt“ ausbeuten, aber das sollte man differenzierter zum Ausdruck bringen. Ein Manager aus, na sagen wir mal, Libanon ist ja nicht Opfer der Geldgier eines hiesigen Hartz-IV-Empfängers, obwohl der Libanon als Land sehr viel ärmer als Deutschland ist …)

Wenn man selbst keinen Migrationshintergrund hat: Sich einzubilden, mit ein paar schlesischen „Heimatvertriebenen“ in der Ahnenreihe hätte man einen – zumindest „ehrenhalber“ – und stünde damit auf der Seite der Flüchtlinge (und nicht der der Deutschen). Damit haben im Herbst eine ganze Menge Deutsche kokettiert. Ausgangspunkt war der Text „Auch ich bin eine Flüchtlingstochter“  der Unternehmensberaterin und Politikerin Anke Domscheit-Berg. Auch wenn ich das hier etwas polemisch zugespitzt habe und Domscheit-Berg es sicherlich anders verstanden wissen wollte – Es war eine Steilvorlage für sämtliche Bio-Deutsche, die sich nur zu gern in der Rolle des bedrängten Opfers und der entrechteten Minderheit sehen würden und dazu alles Mögliche an den Haaren herbeiziehen. Nicht ganz zufällig sind es die gleichen Leute, die andere gern der Xenophobie und des Rassismus verdächtigen, auch wenn es dafür gar keine Anhaltspunkte gibt. Beispiel für Super-Anti-Deutsche Deutsche? Kino, Kreuzberg, im Film fällt das Stichwort „Grünkohl“. Auffällig? Nein, aber die Frau neben mir reflexartig: „Ich bin so wenig deutsch. Ich kenne sowas gar nicht!“ Arrgh! Übrigens: Grünkohl wird sogar in Äthiopien gegessen. Na, wenn das mal nicht ein richtiges Flüchtlingsgericht ist!

Was gar nicht geht: Versuchen, mit Falschmeldungen und/oder einer reißerischen, extrem einseitigen Darstellung ein bewusst negatives Bild von Flüchtlingen und Einwanderern zu zeichnen, die Ängste der Menschen z. B. vor terroristischen Anschlägen für eine rechtspopulistische Politik ausbeuten, im schlimmsten und menschenverachtensten Fall: glauben, man müsse die Dinge selbst in die Hand nehmen und hier und da ein „Feuerchen“ legen (Rechtsstaat, s. o., vgl. auch: terroristische Anschläge!)

ToppBunt2

Was geht: Generell eine offene Minderheitenpolitik verfolgen, Modetrends – etwa Queer – integrieren, um Sympathien z. B. für sexuelle Minderheiten zu gewinnen und die Öffentlichkeit für ihre Anliegen zu sensibilisieren, …

Was nicht geht: … habe ich oft genug beschrieben. Alles Falsche, Verlogene, wenn alles Mögliche imitiert, performt, angedichtet und abgesprochen wird, Frauen sich als eklige, Herrenwitz dreschende Bierbäusche aufspielen oder gleich den pubertierenden Blödmann geben und dafür auch noch Minderheitenschutz verlangen, wenn andere plötzlich sogar auf ihren Haarschnitt achten müssen, weil irgendjemand vielleicht plötzlich Angst kriegt, dass ihm oder ihr sein oder ihr Image streitig gemacht wird. Ganz klares Nein! Bitte nochmal nachlesen, was Feminismus genau bedeutet! Ist letztendlich ziemlich kontraproduktiv.

Was gar nicht geht: Dümmliche Hetzparolen à la Tatjana Festerling (AfD, Pegida), wie z. B.: „verkrachte Gender-Tanten, die mit ihrem überzogenen Sexualscheiß unsere Kinder traumatisieren wollen“ (zit. nach: Wikipedia) oder: „Der Terror der schwulen, lesbischen, queeren sexuellen Minderheit – willkommen in der Freiluftpsychiatrie Deutschland!“ (zit. nach: Wikipedia). So etwas kann man/frau eigentlich nur mit dem Stinkefinger beantworten. Wundert mich übrigens, dass die Frau aus dem PR-Bereich kommt. Kriegt das nicht jeder betrunkene Stammtischplatzhirsch genauso hin?

Was geht: Auf die Probleme sozial Schwacher (Arbeitsloser, Obdachloser) aufmerksam machen. Darum bitten, dass auch da geholfen wird.

Was nicht geht: Leute als „Kollateralschäden“ behandeln, weil man sich darum „jetzt nicht kümmern kann“, behaupten, man sei selbst „Arbeiterkind“, obwohl das gar nicht stimmt und man in Wirklichkeit mit allen Annehmlichkeiten eines großbürgerlichen Wohlstands aufgewachsen ist, jammern, man sei doch selbst arm, obwohl man 85oo im Monat hat und nicht 850 (Armutsgrenze) – na ja, die kleine Null -, sich über Armut lustig machen, differenzieren: manchen Armen helfe man gern, aber man fände, einige hätten schließlich selbst schuld.

Was gar nicht geht: Jammern, dass Deutsche zuerst dran seien (Frage: Wer ist ein/-e Deutsche/-r? Tipp: einfach mal in ein Geschichtsbuch gucken, was der rechte Rand über sozial schwachen Menschen sagt, also über die, die keine Arbeit finden, weil sie schwach, krank, alt, nicht gut ausgebildet, usw.. sind. Und nachlesen, welche Lösungen damals so vorgeschlagen wurden. Sich gruseln! Kehrtwende im Denken machen!)

Tolles Video gegen Schwarz-Weiß-Denken: „Für mehr Grautöne“ von Puls Radio. Dem hat Laila Phunk eigentlich nichts mehr hinzuzufügen. Feel Good für alle, die es sich nicht allzu leicht machen wollen!

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