Echt anders. Echt jetzt?

Tja, so ein Gaydar kann schon mal versagen. Gaydar? Der Radar, mit dem sich Homosexuelle gegenseitig erkennen. Tania Witte, einer der Berliner queeren Shootingstars, hat ihn, sogar ziemlich ausgeprägt, wie sie selbst sagt bzw. in ihrer Kolumne auf Zeit-Online schreibt. Aber manchmal irrt sie sich dann doch. Da war so eine junge Rockerlady, mit Undercut und Slayer-T-Shirt und Witte hatte sofort das Gefühl, es mit einer Baby-Butch zu tun zu haben, also einer jungen, „maskulin“ auftretende Lesbe. Leider war die Frau hetero.

Ein Beispiel für „Butch Acting“ – heterosexuelle Frauen, die den Style von Lesben nachahmen – wie die queere Schriftstellerin und Kolumnistin schreibt. Und – lässt Witte locker-flockig einfließen – kurioserweise sind dann so richtig hübsche, langhaarige Frauen wie Top-Model Cara Delevingne in Wirklichkeit lesbisch, auch wenn man es ihnen nicht so richtig abnimmt.

TYPISCH LESBISCH, TYPISCH HETERO?

Allerdings, der kleine Schönheitsfehler beim „Butch“ und „Straight Acting“ ist, dass heterosexuelle Frauen schon seit mindestens 40 Jahren kurze Haare, Hosen und flache Absätze tragen. Und außerdem steht die Rockerbraut doch auch gar nicht so sehr für das lesbische Klischee. War das nicht sogar umgekehrt immer eher ein Frauentyp, der eigentlich das Gegenteil repräsentiert: die so genannte „Müslilesbe“? Eine Akademikerin mit „praktischem“ Kurzhaarschnitt, die die Umwelt schützt, Birkenstocks trägt und ansonsten emsig an ihrer Doktorarbeit feilt? Für die Müslilesbe wäre Slayer allenfalls Lärmbelästigung. Klar, es gibt auch lesbische Frauen, die Motorrad fahren und härtere Musik hören. Eine ziemlich prominente lesbische Rockröhre ist ja z. B. Melissa Etheridge. Dumm nur, dass die Frauen aus der Berliner queeren Szene mir weißmachen wollten, dass Rock – „Hodenrock“ – frauenfeindlich und homophob sei. Außerdem, „lesbische Musik“, das sei Elektro. Das was sie selbst gut fanden eben.

DER FRAUENFREUNDLICHE PORNO

Außer dem „richtigen“ Styling und Musikgeschmack ist Queer ja auch eine Art Feminismus. Auf einer feministischen Website – keine Ahnung mehr, welche – stolperte ich mal über einen „frauenfreundlichen Porno“, wie es hieß. Neugierig war ich irgendwie schon. Na ja: Zwei schlanke, langhaarige Frauen, vom Aussehen her so wie die Frauen aus „The L-Word“ oder „Germany’s next Topmodel“. Erinnerte auch ein bisschen an „Hanni & Nanni“ – diese alte Jugendbuchserie um ein Zwillingspärchen in einem englischen Internat. Die zwei lagen auf edlem Satin und knutschten miteinander, als gäbe es einen Wettbewerb zu gewinnen. Immer nur Gesicht und Hals. Etwa 20 Minuten lang monotones Schmatzen und nichts anderes. Ein bisschen hölzern wirkte das schon. Nicht gerade leidenschaftlich. Eher so: zwei Mädchen trauen sich mal was. Ist das wirklich, so ganz echt, eine sexuelle Orientierung? Und wenn man sich damit nicht identifiziert, ist das dann „homophob“? Oder „frauenfeindlich“? Oder ein Beweis für irgendwas?

Dass lesbischer Sex ein heikles, oftmals hart umkämpftes Thema ist, ist nicht neu. Man bzw. frau erinnere sich nur an die Debatte um den Film „Blau ist eine warme Farbe“ (Frankreich 2013). Nicht nur Julie Maroh, die Autorin der gleichnamigen Graphic Novel, die als Vorlage für den Film diente, reagierte mit harter Kritik auf die Darstellung lesbischer Sexualität im Film. Das sei – sinngemäß – total „unlesbisch“, wie Maroh in einer Kritik auf Salon.com zitiert wird. Sicher, lesbischer Sex gilt oft als besonderes Schmankerl für ein männliches, heterosexuelles Publikum und es gibt ja mittlerweile auch entsprechende Sparten im Pornobiz. Aber – abgesehen davon, dass das vielleicht auch damit zusammenhängt, dass Queer so sehr als Popkultur in aller Munde ist – Unter lesbischen und bisexuellen Frauen gibt es genauso viele unterschiedliche Vorstellungen von Sexualität wie unter heterosexuellen auch.

EIN SCHÖNES BEISPIEL FÜR DEN ERFOLG VON MINDERHEITEN

Wahrscheinlich kann man bzw. frau lange darüber streiten, was „typisch lesbisch“ ist und was nicht. ZDF-Moderatorin Dunja Hayali, die Tania Witte als rolemodel anführt, sagte z. B. im Interview mit der feministischen Zeitschrift „Emma“: „Ich liebe Menschen“. Das klingt lässig. Und eher offen.

Auch Youtube-Star Melina Sophie hat sich kürzlich in einem Video als lesbisch geoutet. Überraschend vielleicht. Nur sind die Vloggerin und ihre Kolleginnen damit auch ein schönes Beispiel für den Erfolg von Minderheiten. Die anderen beiden haben nämlich einen Migrationshintergrund: Dagi Bee ist die Tochter von Einwanderern aus Polen, wie sie auf Youtube berichtet, und auch die aus Italien stammende Paola Maria hat ihrer Biographie eine Online-Sequenz gewidmet.

…  ABER WER IST HIER EIGENTLICH „DIE MINDERHEIT“?

Irgendwie hängt das wie eine schwere, pinke Wolke über all diesen Frauen aus dem Medien-, Polit- und Kulturbereich. Das, was es manchmal eher unangenehm als vorbildlich macht, ist wenn dann so eifersüchtig darüber gewacht wird, welcher jetzt die Minderheitenrechte am ehesten zustehen und welcher man es einfach absprechen kann. Dieses Kampfmoment. Nicht, dass alle so wären. Ich denke bloß an das geklaute Tagebuch, in dem es um Bisexualität ging, an das ständige Auflauern und Aushorchen – sogar im Internet hatte ich mal ein „queeres“ Profil am Hals, das (wer hätte das gedacht?!) sich v. a. dafür interessierte, was ich beruflich mache. Die ganzen Verhöhnungen und Belästigungen. Das permanente Vorführen. Klar, das hat jetzt nichts mit Witte zu tun und ist auch nicht auf sonstwen speziell gemünzt. Ich wusste ja nicht einmal, wie die Frauen heißen. Aber es ist irgendwie eine Folge dieses Hauens und Stechens darum, wer hier die Minderheit ist.

POPKULTUR. GUT GEMACHT.

Wenn es so gehandhabt wird, stellt sich die Frage eben schon – Was ist denn das „wahre gay“ im „Gaydar“, von dem Tania Witte schreibt? Auch die queere Schriftstellerin, die ursprünglich aus dem beschaulichen Trier stammt und sich auch in der Drag-King- und Crossdresserszene engagiert, war nicht immer lesbisch. In Trier jedenfalls nicht. Und dazu – das darf hier fairerweise nicht unterschlagen werden – steht die Gender-Aktivistin ja auch. In einer ihrer Kolumnen und auch in einem Interview mit dem BR (online nicht mehr verfügbar) hatte sie sich dazu geäußert. Andere sind gewiss nicht besser oder „echter“. Da gibt es kein Abo drauf. Und Witte schreibt ja wirklich amüsant und kurzweilig darüber. Pop at its best! Slayer nicht so sehr. (NB: Im Heavy Metal hat das übrigens Tradition, dass Männer die Haare lang tragen!)

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