Lifestyle gegen Links – oder: Gibt es die „Querfront“ wirklich? Eine Replik auf eine Kolumne von Jakob Augstein

Sind die Rechtspopulisten die Einzigen, die noch etwas für das „Volk“ tun? Oder ist es umgekehrt so, dass Deutschland angesichts der Flüchtlingskrise ein gutes Stück nach links gerückt ist? Immerhin genießt Angela Merkel als konservative Kanzlerin wegen ihres Engagements für die Flüchtlinge sogar bei weiten Teilen der Grünen hohes Ansehen, wie u. a. die Forschungsgruppe Wahlen in ihrem „Politbarometer“ für Dezember konstatiert. Und was ist, wenn die deutsche Gesellschaft sich immer mehr spaltet: in einen wohlhabenden, „guten“ Teil , der sich für Offenheit und Toleranz einsetzt, und einen „schlechten“, muffigen, sozial abgehängten, der seiner Wut und Angst vor noch mehr sozialem Abstieg auf Pegida-Demonstrationen und im Internet laut gröhlend Luft macht?

„GERMAN ANGST“ ALS MOTOR EINER NEUEN „QUERFRONT“?

Der Freitag-Herausgeber Jakob Augstein spricht in seiner Spiegel Online-Kolumne „Links und rechts, alles eins?“ von der Rückkehr der „German Angst“: Die gesellschaftliche Mitte erodiere – wie Augstein festhält – und drifte, geplagt von ihren Zukunftsängsten, immer mehr in politische Extreme ab. Dennoch sei rechts nicht das neue links, sei es nie gewesen, auch wenn es immer wieder Versuche gab, selbst bei den Nationalsozialisten noch ein Körnchen „links“ zu entdecken, weil im Nationalsozialismus ja auch der „Sozialismus“ stecke. Buchstäblich. Ist es wirklich so einfach?

COLD-WAR-RHETORIK UND AUTONOME NATIONALISTEN

Nein. Und aller Cold-War-Rhetorik zum Trotz, die den „freien Westen“ gegen die totalitären Systeme Faschismus und (Real-)Sozialismus abgrenzen wollte, ist die „Querfront“, bei der sich Rechtspopulisten linkes Gedankengut zu eigen machen, nicht das wirkliche Problem. Sicher, es gibt sie, die sog. „autonomen Nationalisten“ z. B., die auftreten wie Antifa-Aktivisten: schwarzer Hoodie, Sonnenbrille – und gegen den „US-amerikanischen Imperialismus“ sind sie ja auch, wie auf „Netz gegen Nazis“ steht, wo das Phänomen ausführlich beschrieben wird – oder Typen wie Jürgen Elsässer (vgl. Wikipedia) und Horst Mahler (vgl. Wikipedia), die von ganz links nach rechts oder ganz weit rechts gerutscht sind. Trotzdem – solche Leute sind nicht salonfähig genug, um politisch wirklich ernsthaft Einfluss zu haben.

HUMANER ALS DIE ANDEREN?

Viel gefährlicher ist das sozialpolitische Vakuum, das die deutsche Linke hinterlässt. Es sind jetzt Parteien wie die rechtspopulistische AfD, die alle sozialen Felder besetzen und sich scheinbar der Ängste der Leute annehmen, die sich u. a. durch die Flüchtlinge wirtschaftlich in die Enge getrieben sehen. Die Linke hat dazu nicht mehr viel zu sagen. Irgendwann nach dem Mauerfall ist sie einfach in sich selbst zusammengefallen, ohne dass es jemand groß bemerkt hätte, und heute scheint es eher um einen Lifestyle und ein Lebensgefühl zu gehen, als um eine politische Richtung. Ja, es fühlt sich irgendwie gut an, für die Flüchtlinge zu sein. Cool, dass Deutschland so ein weltoffenes Land ist. Andere sind es ja nicht so. Manchmal klingt das jedenfalls so an,  u. a. bei Karin Bergmann, der Intendantin des Wiener Burgtheaters. Hintergrund war hier, dass der lettische Regisseurs Alvis Hermanis das künstlerische Engagement des Hamburger Thalia-Theater für die Flüchtlinge scharf kritisierte und sein eigenes Stück absetzte, wie u. a. 3Sat berichtete. Bergmann äußerte sich dazu:

„Auch wenn ich persönlich eine andere politische Haltung habe und der Meinung bin, dass gerade in Zeiten des Terrors unsere humanistischen Werte so hochzuhalten sind wie nie zuvor: Natürlich hat Alvis Hermanis als Osteuropäer eine andere Haltung als wir, hören wir doch auf zu glauben, Europa sei ein ideologisch einheitliches Gebilde. (…)“

(Karin Bergmann, zit. nach: Art. „Ist der Theaterregisseur Alvis Hermanis ein Rassist?“ v. Till Briegleb, in: Süddeutsche Zeitung v. 06. Dezember 2015.).

Zwar ist die ablehnende Haltung des Regisseurs tatsächlich nicht so gut nachvollziehbar, aber hat er eine andere Einstellung zu den Dingen, weil er Osteuropäer ist? Sicher, viele osteuropäische Staaten haben immer wieder klargestellt, dass sie keine oder nur sehr wenige oder nur christliche Flüchtlinge aufnehmen wollen. Trotzdem haben sogar in den bitterarmen Balkanländern Menschen, von denen einige vielleicht am liebsten selbst migriert wären, den Flüchtlingen geholfen. Wer wollte, konnte im Herbst u. a. auf dem Blog des ARD Studio Wien/Südosteuropa davon lesen. Die – etwas selbstgefällige – Rechnung: „gutes“, humanes Deutschland (oder Österreich) gegen „böses“, ängstlich-paranoides, rückständiges und egoistisches Osteuropa geht also nicht auf.

SCHEINHEILIGES ENGAGEMENT

Bei einigen Leuten, die sich mit ganz besonders viel Eifer für die Flüchtlinge einsetzen, wirkt es außerdem manchmal so, als ginge es in erster Linie darum, sich selbst als „großzügige Menschenfreunde“ aufzuspielen und andere in die rechte Ecke abzudrängen. Bild-Chefredakteur Kai Diekmann etwa warf dem linken (!) Fußballclub St. Pauli vor, dass bei ihnen offenbar #refugeesnotwelcome seien, weil St. Pauli nicht bei der Bild-Aktion „Wir helfen“ mitmachen wollte, wie u. a. auf Meedia zu lesen war. Der Club hatte sich jedoch selbst auch für die Flüchtlinge eingesetzt, nur eben nicht mit ganz so viel lärmendem Trara wie die Bild-Zeitung.

ELITE STATT MASSE

Ist links also ein hochnäsiger Lifestyle, bei dem es eigentlich egal ist, wo man politisch steht, hauptsache die eigene Brieftasche ist dick genug, um ab und zu mal mit ein paar großherzigen Charity-Aktionen aufwarten zu können? Vielleicht kann man das nur ex negativo beantworten, denn mir sind tatsächlich „Basisaktivisten“ linker Parteien begegnet, die darauf beharrten, dass sie eben nicht für jeden da seien, man verstand sich nicht als „Volkspartei“ und hielt auch nicht viel davon, gegen rechts „zu missionieren“. Möglich, dass solche Leute das Lenin’sche Diktum von der linken „Avantgarde“ missverstanden haben. Damals in Russland ging es nur darum, die Revolution durchzudrücken, obwohl die historischen Voraussetzungen, wie Karl Marx und Friedrich Engels sie beschrieben hatten, gar nicht gegeben waren. Trotzdem stößt eine solche Dünkelhaftigkeit natürlich ab, aber mal anders gefragt: Sind denn die Rechten wirklich so sehr die volkstümlichen Fürsprecher des „kleinen Mannes“, für die sie sich ausgeben und als die sie z. T. auch von der bildungsbürgerlichen Salonlinken angesehen werden?

IST RECHTS DIE POLITISCHE RICHTUNG DES „KLEINEN MANNES“?

AfD-Shootingstar Frauke Petry könnte man – vom Werdegang her – eher mit einer Elite- und Alphafrau wie Ursula von der Leyen vergleichen, als dass sie das „nette Mädchen von nebenan“ wäre. Wie von der Leyen scheint sie mühelos eine kinderreiche Familie mit einer steilen Karriere zu vereinbaren und hat nicht nur im politischen Bereich die Nase vorn: Die promovierte Chemikerin und ehemalige Stipendiatin der Studienstiftung des deutschen Volkes war nämlich auch als Unternehmerin erfolgreich (vgl. Wikipedia). Von einer „Identifikationsfigur“ für „Verlierertypen“ kann also nicht die Rede sein. Aber davon mal abgesehen: So sehr AfD und Pegida in den letzten Monaten auch in den Medien, in Talkshows und anderswo, präsent waren – hat je jemand von einem überzeugenden Sozialprogramm gehört, einer Idee, wie z. B. Langzeitarbeitslose wieder eine Arbeit finden könnten oder Obdachlose eine Wohnung? Nein, aber vielleicht geht es auch eher darum, das Potential der „Protestwähler“ voll auszureizen. Probleme lösen sich so nicht. Es entstehen höchstens neue.

LINKS IST ETWAS ANDERES!

Auf die heikle Frage nach der sozialen Konkurrenz, die Flüchtlinge und arme Deutsche einander im schlimmsten Falle sein könnten, antwortete der Theatermacher Ahmed Shah im November auf einer Veranstaltung zum Thema Flüchtlinge im Berliner Maxim-Gorki-Theater sinngemäß: Man müsse die Probleme von Flüchtlinge und prekär lebenden Einheimischen zusammen sehen. So schlicht das auf den ersten Blick klingen mag – für mich war es eine Art politisches „nach Hause kommen“! Rechts oder für rechts vereinnehmbar war daran nun gar nichts. Da muss ich Jakob Augstein recht geben. Links ist eben doch etwas anderes.

 

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