„Radikal“: das Buch zur politischen Großwetterlage

Radikal

In Brüssel ging am Wochenende gar nichts mehr: keine U-Bahn fuhr, die Einkaufzentren blieben geschlossen, die Bevölkerung war angehalten, zu Hause zu bleiben. Ein martialisches Aufgebot an Polizei und Militär fandete nach islamistischen Terroristen. Medien und Internet begleiteten die Aktion. Auch die mittelgroße Stadt Charleroi blieb nicht verschont. Charleroi? Eine Industriekloake, eine Art belgisches Bitterfeld, demnach, was man so hört, hat sicher auch schöne Seiten, aber trotzdem … 2013 waren mehr als 27 % der Bevölkerung in Charleroi arbeitslos, wie auf dem österreichischen Nachrichtenportal „News“ zu lesen ist, die Jugendarbeitslosigkeit soll sogar bei über 40 % gelegen haben. Charleroi also: Heimat von Tristesse und Perspektivlosigkeit, ein Ort, an dem Terror zweifelsohne gut gedeihen kann.

Szenenwechsel: Schlaglicht auf Berlin, die deutsche Hauptstadt, die bislang noch keine Terrorwarnung erhalten hat. Alles wirkt viel aufgeräumter, heller, freundlicher. Hier haben Bionade-Bürger alle Chancen der Welt, egal, woher sie kommen. Das Gleiche gilt allerdings nicht, wenn man Migrant ist und in einem der sozialen Brennpunkte lebt. Trotzdem ist Berlin eine Stadt, in der Vielfalt groß geschrieben wird, zu groß vielleicht, wenn es um weltanschauliche Fragen geht. Ich habe jedenfalls nie eine Stadt erlebt, die derart zersplittert und aufgespalten war in die unterschiedlichsten politischen und philosophischen Mikrokosmen. Hysteriker, Fanatiker und Esoteriker jeglicher Couleur schlagen sich hier gegenseitig die Köpfe ein. Es scheint mehr auf das anzukommen, was einen voneinander trennt, als dass man wirklich miteinander diskutieren könnte. Vielleicht ist auch das ein Klima, in dem Terror und Gewalt gedeihen können …

Als ich den Thriller „Radikal“ des Berliner Journalisten Yassin Musharbash in der Hand hielt, war ich zunächst skeptisch. Würde das Buch sich als intelligent, aber eher „pädagogisch“ erweisen, ein bewusstes Statement gegen Islamophobie? Das wäre durchaus lobenswert, immerhin ist Islamophobie ja ein ernstes Thema, aber kann so etwas gute Unterhaltung sein?

„Radikal“ ist sogar mehr als das: ein Thriller der Extraklasse, dessen Realitätsbezug einem gelegentlich Gänsehaut macht. Da ist der aus Ägypten stammende Grünenpolitiker Lutfi Latif, der integrativ wirken will. Als gemäßigter Muslimer versucht er, Migranten, die sich in keiner Welt so richtig zu Hause fühlen und um ihre kulturelle Identität ringen, mit Deutschen, für die „Probleme“ und „Migrationshintergrund“ nicht zwei Worte für ein- und dieselbe Sache sind, an einen Tisch zu bringen. Historisch gesehen hatten es Menschen, die für Ausgleich sorgen und Kompromisse erwirken wollten, nie leicht. Auch Latif fällt einem Anschlag zum Opfer. Doch wer steckt dahinter? Wirklich Al-Qaida, denen ein „weichgespülter“, „verwestlichter“ Muslim möglicherweise ein Dorn im Auge war? Oder wäre es auch denkbar –  nur so theoretisch – dass jemand, der etwas gegen Muslime hat, so tut, als hätten islamistische Terroristen einen Anschlag verübt, um die Bevölkerung aufzuhetzen? Aber wer würde so weit gehen? Und wie leicht gerät man unter Verdacht?

„Radikal“ ist 2011 erschienen, den Hintergrund des Thrillers bildet – das schwingt beim Lesen immer mit – Thilo Sarrazins Buch „Deutschland schafft sich ab“, das Migration scharf kritisiert und sich v. a. an der schwierigen Integration der Nachfahren der sog. „Gastarbeiter“ abarbeitet. Allerdings erzählt „Radikal“ auch von einer paranoiden Stimmungslage, bei der Vorurteile zu Gewissheiten werden, an die man sich in unsicheren Zeiten klammern kann und ist damit hochaktuell. Davon abgesehen ist es ein intelligenter Krimi, den man sich nicht entgehen lassen sollte – meine Meinung: nicht nur Prädikat „pädagogisch wertvoll“ sondern absolut empfehlenswert!

*„Radikal“ von Yassin Musharbash, 2011 im Kiepenheuer & Witsch-Verlag (Köln) erschienen.

*Hinweis: Um Verschwörungstheorien nicht anzuheizen  – denn das wäre sicher das schlimmste, was man derzeit tun kann – Laila Phunk ist der Meinung, dass es in brenzligen Situationen (und auch sonst) immer das Beste ist, Stimmungsmache – für oder gegen wen auch immer – zu vermeiden. Genau um dieses Problem dreht sich „Radikal“.

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