Gleich zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen

St. Denis bei Paris, Schlafstadt und sozialer Brennpunkt, vielleicht auch Terroristennest: Als sich im Rahmen der Ermittlungen gegen die Attentäter vom 13. November eine junge Frau mit einem Sprengstoffgürtel in die Luft sprengt, heißt es auf Twitter: „Wahrscheinlich war sie lesbisch. Sonst kann sie sich ja gar nicht auf die 72 Jungfrauen im Paradies freuen.“ Na ja, mit Humor gegen Terrorismus, heißt es ja. Ha ha. Ich habe schon bessere Witze gehört. Wenig deutet darauf hin, dass Hasna Ait Boulahcen lesbisch war. Vermutlich war die 26jährige, die mit Abdelhamid Abaaoud, dem mutmaßlichen Drahtzieher der Attentate vom 13. November in Verbindung gestanden haben soll, vielleicht sogar mit ihm verwandt war, wie u. a. die Welt schreibt, heterosexuell. „Peu importe“ wie man in Frankreich sagen würde.

In Deutschland kommt es vor, dass Frauen sich darüber ärgern, dass sie für ihre Umwelt nicht als lesbisch durchgehen, obwohl sie doch „queer“ sind und so manch einer beschwert sich darüber, dass er oder sie – blond und blauäugig, wohlsituierter Hintergrund, akzentfreies Deutsch – nicht als wirklich fremd im Sinne von „kulturell different“ wahrgenommen wird. Das sind – so sehe ich es zumindest – Luxusproblemchen und mich nervt es auch oft, wenn Menschen alles mögliche an den Haaren herbeiziehen, um sich irgendwie als „anders“ und „benachteiligt“ darzustellen und manchmal auch nur, um andere damit zu erschlagen. Mir ist es schon passiert, dass andere mich mit etwas erschlagen wollten, was mich betraf – aber leider mein Gegenüber nicht. Pech. Ich lästere oft und gern darüber, aber der oben zitierte Twitter-„Witz“ über Hasna Ait Boulahcen ist das genaue Gegenteil: Tja, die muss wohl vom anderen Ufer gewesen sein, wohl wissend, dass das in den was Sexualität betrifft extrem konservativen Kreisen der Islamisten der Gipfel der Demütigung sein würde. Mit Homophobie gegen den Islam. Gleich zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen.

Es ist nicht so, dass ich hier die „Islamistenfreundin“ geben wollte. Nein. Ich glaube auch nicht, dass LGBTI-Menschen irgendetwas mit Islamisten gemein haben, außer vielleicht dass einige Islamisten homosexuelle Neigungen haben, auch wenn sie das sicher nicht offen leben. Hasna Ait Boulahcen gehörte wohl kaum dazu. Beides angefeindete Minderheiten? Na ja, ich weiß nicht. Will man das wirklich so global sehen?

Bei soviel Schubladendenken muss man wahrscheinlich erst einmal ein paar Dinge entwirren: Also: Muslim ist nicht gleich Islamist, sich in die Luft sprengen ist also keine „kulturelle Eigenart“. Es ist Terrorismus. Man kann vermutlich fast jede Religion und Idee so lange verdrehen und missbrauchen, bis irgendetwas Bösartiges und Gewalttätiges dabei herauskommt. Man denke nur an die Kreuzzüge oder stalinistischen Terror. Oder eben an die furchtbaren Attentate vom 13. November.

Viele Muslime sind vermutlich eher konservativ. Das schätze ich zumindest so ein. Ist ja bei religiösen Menschen oft so. Manche Muslime sind homophob, andere sind homophob, aber zu höflich, einen das spüren zu lassen. Manche Muslime sind gar nicht homophob. Sie sind vielleicht selbst heterosexuell, haben aber einfach nichts gegen Menschen, die anders sind. Und manche Muslime sind selbst homosexuell, offen oder verdeckt, aber immerhin. Das Gleiche könnte ich jetzt über Katholiken schreiben. Wahrscheinlich auch über eine Menge anderer Leute. Ich finde das mit dem „höflich“ schon mal eine ganz gute Idee, so für den Anfang. Dann muss man aber auch höflich sein, wenn eine Frau verschleiert ist. Man kann sich ja seinen Teil denken, dass man das frauenfeindlich findet und nicht versteht, warum eine Frau so etwas mitmacht und so. Denken ja, mehr nicht. Das wäre so der kleinste gemeinsame Nenner, eine Art Basiskompromiss in Sachen Vorurteile. Umso besser, wenn sich dann herausstellt, das man mehr Gemeinsamkeiten hat, als man gedacht hätte. Erzwingen kann man das aber eben nicht. Nur sich vielleicht mal so als Option offen halten. Und nicht enttäuscht sein, wenn’s nicht klappt und man dann doch eher nebeneinander herlebt. Hauptsache in Frieden!

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