Xavier Naidoo und die unschönen Seiten der Popkultur

Deutsche Wertarbeit hat ein multikulturelles Gesicht. So könnte man sich vielleicht die Entscheidung der ARD erklären, Xavier Naidoo als deutschen Vertreter zum Eurovision Song Context 2016 nach Stockholm zu schicken. Naidoo sänge „technisch auf hohem Niveau“ heißt es in einem Kommentar in der Zeit, der die Ernennung des Popsängers ansonsten kritisiert. Das, was aber offenbar sehr viel mehr an Xavier Naidoo interessiert, bringt Jan Feddersen für die ARD auf den Punkt: „Naidoo, dessen Vater aus Südafrika stammt, ist auch optisch ein perfekter deutscher ESC-Sänger: Er ist deutsch – und er sieht wie das moderne Deutschland des Jahres 2015 aus: multikulturell.“ schreibt Feddersen, ansonsten bei der Berliner Tageszeitung für Popkultur zuständig – und, vielleicht der Clou bei der Sache – außerdem Fachmann für alles Homosexuelle. Damit, könnte man meinen, hat sich auch einer der wesentlichen Kritikpunkte an der Ernennung Naidoos erledigt: Immerhin werden dem Mannheimer nicht nur Antisemitismus und eine Nähe zu rechten Verschwörungstheorien unterstellt, sondern auch Homophobie.

MUTTIS GUTER JUNGE ODER GERMAN GANGSTA?

Ob das jetzt alles so stimmt, sei mal dahingestellt. Ich kenne Naidoo nur als schnulzigen, etwas langweiligen Saubermann, der mit penetrant gefühlig-christlichen Texten nervt und die Muttis irgendwelcher blasser Streberleichen vermutlich eher begeistert als die heutige Jugend. Na ja, wobei ich zugeben muss, dass ich nicht zur heutigen Jugend gehöre. Trotzdem schockiert es natürlich erst einmal, wenn so ein netter, kantenloser Bubi dann mit Textpassagen à la „Ihr tötet Kinder und Föten und ich zerquetsch euch die Klöten. Ihr habt einfach keine Größe und eure kleinen Schwänze nicht im Griff. Warum liebst du keine Möse, weil jeder Mensch doch aus einer ist? “ (zit. nach einem Kommentar v. Patrick Gensing auf den Seiten der ARD) ankommt. Also doch mal einen auf „harter Gangsta“ machen?

DISKRIMINIERUNG UNTER DISKRIMINIERTEN

Man kann sich darüber aufregen, weil es eine homophobe Unterstellung ist, schwule Männer mit Pädophilie in Verbindung zu bringen oder einfach darüber hinweggehen. Man kann Antisemitismus damit neutralisieren, dass Naidoos Vater Medienberichten zufolge einen jüdischen Onkel gehabt haben soll, wie ARD-Unterhaltungskoordinator Thomas Schreiber es in einem Interview mit der Zeit versucht hat oder argumentieren, dass ein Mann mit Naidoos Hautfarbe in Deutschland gar keine Nähe zum rechten Rand haben kann – er ist doch selber ein „man of color“.

ALLE RASSISTEN SIND ARSCHLÖCHER. ÜBERALL.

Man kann sich auch in der Nase bohren, denn jeder weiß, dass z. B. Rassismus keine Frage der Hautfarbe ist, sondern eine der Borniertheit, auch wenn er meistens von Europäern ausgeht und sich gegen Nicht-Europäer richtet. Aber vielleicht erinnert sich ja noch jemand an den Spruch aus den 1990ern: „Alle Rassisten sind Arschlöcher. Überall.“. Genau so sehe ich das auch, wobei ich Xavier Naidoo hier keinen Rassismus unterstellen will. Ich will nur deutlich machen, wie albern dieses „multi-minority“-Getue manchmal ist.

VOLKSVERHETZUNG, MEINUNGSFREIHEIT UND DIE HEILE WELT DES WESTENS

Im Musikbusiness gibt es eine Menge Leute, die etwas von ihrem Handwerk verstehen, ansonsten aber ganz schön ätzende Typen sind. Viele Rapper geben sich z. B. gern frauenverachtend, sind homophob und sparen auch nicht mit antisemitischen Statements. Man muss das nicht gut finden. Wo die Grenzen der Meinungsfreiheit sind, muss wohl im Einzelfall entschieden werden. Auch Xavier Naidoo hat bereits eine Anzeige wegen Volksverhetzung im Gepäck, wie u. a. die Welt berichtete. Die Frage ist, ob man so jemanden unbedingt als Vertreter seines Landes schicken muss. Vor allem dann, wenn man damit – wie im Falle Naidoos – gerne eine heile Welt der Vielfalt und der Völkerverständigung zur Schau stellen möchte. Das passt irgendwie nicht.

KEINE DEUTSCHE CONCHITA WURST IN SICHT

Naidoo taugt einfach nicht als deutsche Conchita Wurst, vor allem, weil Wurst den begehrten Grand Prix de la Eurovision nicht für ihr Minderheitendasein gewonnen hat, sondern für die künstlerische Qualität ihrer Darbietung: Eine volle, prägnante Stimme, perfekt zwischen Mann und Frau temperiert, ein Song, der ins Ohr ging und dazu ein Outfit, das das alles untermalte und befeuerte. Naidoo wird da nicht herankommen. Dazu sieht er, wie Jan Feddersen schreibt, viel zu sehr wie das „moderne Deutschland des Jahres 2015“ aus: Eine glatte Oberfläche unter der es mächtig brodelt …

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