Nous n’avons pas peur! Wir haben keine Angst! … oder vielleicht doch?

Im Sommer 2014 gerieten der Islamwissenschaftler und – wie er selbst sagt – „Reformsalafist“ Tariq Ramadan (vgl. Wikipedia) und der französische Rapper Booba (vgl. Wikipedia) im Internet aneinander. Stein des Anstoßes war der Israel-Palästina-Konflikt. Booba fand es verlogen, im Internet großmäulig aufzutreten und positionierte sich „ni pro-Israélien ni pro-Palestinien ni pro-zobi“. Ramadan hielt dagegen, dass es erst recht verlogen sei, den unterdrückten Palästinensern nicht zumindest moralisch zu Hilfe zu kommen (genau nachzulesen ist die Debatte u. a. im Figaro). „Wesh Tarik (sic) t’as un C.A.P. secrétariat ou quoi?“ (sinngemäß etwa: „Yo, Tariq, hast Du den Horizont von ’ner Tippse, oder was?“) ereiferte sich daraufhin der Rapper. Die meisten der Maulhelden, die im Internet mit markigen Worten Krieg auf Seiten der Palästinenser führten, seien Afrikaner (bzw. afrikanischsstämmige Franzosen), „(…) mais on n’les entend pas quand ca se passe quotidiennement sur leur propre continent“ (sinngemäß etwa:“(…) aber keiner hört sie, wenn das auf ihrem eigenen Kontinent Alltag ist.“) … heißt es in einem musikalisch unterlegten Positionspapier, das auf Youtube im Rahmen der Debatte veröffentlicht wurde (hochgeladen unter dem Account „akounach ismail“, Zugriff am 17. Nov. 2015). Die Reaktionen anderer frankophoner Rapper, wie z. B. Cortex sind dort ebenfalls  zu finden.

DIE KULTUR DER UNDERDOGS?

Man kann sich fragen, was ein Haufen martialisch auftretender Typen mit Basecap und Goldkettchen mit den grausamen Attentaten zu tun hat, die sich am letzten Freitag in Paris ereignet haben. Eigentlich nichts. Genau wie der Israel-Palästina-Konflikt ein anderes Thema ist als der Krieg in Syrien. Die Attentäter von Paris handelten im Auftrag des „Islamic States“ („Daesh“). Es besteht kein Zweifel daran, dass sie vor allem die westliche Art zu leben angreifen wollten – Musik, Cafés, Bars, Amüsement, damit auch Rap. Die Diskussionen, die Booba, Cortex und andere im Internet geführt haben, haben nichts mit den Attentaten zu tun, aber vielleicht sind sie eine Art Spur, die zu dem Setting führen kann, in dem – manchmal – Terror gedeiht: Aggression und Frustration, das Gefühl, nicht ernst genommen zu werden, der Wunsch, endlich mal stark zu sein, hart durchzugreifen und etwas zu bewegen, den – aus der eigenen Sicht – Schwachen zu helfen und es dann doch dabei zu belassen, ein paar Zeilen in die Tastatur vom Computer zu tippen, über die sich die Welt aufregen kann oder auch nicht.

PLÖTZLICH EUROPÄER

Als am Wochenende in einer Talkshow, ich glaube, es war bei Jauch, gesagt wurde, dass die Attentäter von Paris ja Franzosen gewesen seien, so wie die islamistischen Gefährder überhaupt Einheimische seien: Deutsche, Franzosen, Europäer, hat mich das erst einmal wütend gemacht. Ich weiß, gemeint war: es waren keine Flüchtlinge. In Deutschland muss man so etwas vor dem Hintergrund der neu erstarkten Rechten lesen. Es bringt nichts, auf Flüchtlinge loszugehen, wenn man Islamisten bekämpfen will. Damit trifft man nicht nur die Falschen, man heizt auch ein Klima der Feindseligkeit und der Gewalt immer weiter an. Das sehe ich genauso. Aber dass man die „Gefährder“ jetzt kurzerhand zu „Deutschen“ und „Franzosen“ erklärt hat, finde ich trotzdem nicht richtig. Auch wenn vielleicht immer mal der eine oder andere Konvertit aus der gutbürgerlichen deutschen Mittelschicht dabei ist, es sind eigentlich Migranten – damit will ich sagen: „Deutsche“ und „Franzosen“ „zweiter Klasse“. Das rechtfertigt die Attentate ganz sicher nicht und ich denke, dass man für so etwas auch keine Rechtfertigungen finden kann, aber es ist irgendwie peinlich, wenn die wirklichen „Underdogs“, diejenigen, die Ausgrenzung und Diskriminierung tagtäglich hautnah erfahren, plötzlich zu einem „Teil dieser Gesellschaft“ werden, der sie nicht sind und nie sein durften. Vielleicht ist es unangenehm, zuzugeben, dass Diskriminierung und Ausgrenzung nicht nur bloße Worthülsen sind, sondern höchstreal und dass sie im Zweifelsfall zu Gewaltausbrüchen führen können. Man halte sich – als Gegenbeispiel – nur mal die ganzen Upper-Class-Kids der letzten Jahre vor Augen, die unbedingt „anders“ sein wollten – als ob etwas dabei gewesen wäre, zu sagen, dass man selbst Vorteile im Leben gehabt hat und sich trotzdem oder gerade deshalb gegen Ungerechtigkeiten und Unterdrückung stark machen will. Das hätte ich cool gefunden und da hätten ja auch alle mitmachen können. Aber dann war da der schlesische Opa, der einem die Aura des „Migrationshintergrundes“ geben sollte oder die sexuelle Orientierung, die man so lange gedreht und gewendet hat, bis daraus ein „Lifestyle“ wurde, etwas, das allen „zustand“, jedenfalls allen mit dem „richtigen“ sozialen Background. Das haben Lifestyles ja so an sich.

INVESTIERT IN DEN ZUSAMMENHALT DER GESELLSCHAFT!

„Diversity“ und „Minderheitenförderung“ war viel zu lange vor allem eine auf Hochglanz polierte Fassade, die an die Werbeplakate der italienischen Modefirma Benetton aus den 1980er Jahren erinnerte: „United Colors“, bunt und smart, aber irgendwie auch brav, jedenfalls lange nicht so provokant wie behauptet. Leider waren es die kleinen Möchtegern-Gangstaz, die die „Minderheitenförderung“ dringend gebraucht hätten. Und sie hätte ihnen auch zugestanden, sehr viel mehr als vielen anderen. Leider hat man aber zu lange versäumt, z. B. „Deutsch als Zweitsprache“ an Schulen in sozialen Brennpunkten als Unterrichtsfach einzurichten. Es schien, als sei es nicht so nötig, da zu investieren, wo allein schon die Adresse auf dem Bewerbungsschreiben zu einer Absage für die Wunschausbildung oder den favorisierten Job führen würde. Die Migranten, die vor den Flüchtlingen kamen, hat man einfach zu lange allein gelassen. Immerhin waren da ja auch noch die Kinder der migrantischen Oberschicht, die als „Vorzeigemigranten“ herhalten konnten, wenn man sagen wollte „Es geht doch, wenn man nur will.“

FREIHEIT, GLEICHHEIT, BRÜDERLICHKEIT – FÜR ALLE!

Es geht eben nicht, womit ich nicht sagen will, dass aus Menschen mit Migrationshintergrund entweder Kleinkriminelle oder Terroristen werden, wenn sie aus ärmlichen Verhältnissen stammen und im Ghetto aufwachsen – damit täte man den vielen Unrecht, die einfach nur in Frieden leben wollen und ökonomisch irgendwo im ehrbaren unteren Mittelfeld herumkraxeln. Die Schlussfolgerung: Migrant, arm, Muslim = Gefahr ist falsch. Ebensowenig ist jeder Flüchtling aus dem Nahen oder Mittleren Osten ein potentieller Kämpfer im Dienste des „Kalifats“. Die meisten fliehen gerade davor – und es ist sicherlich richtig, das auch noch einmal klarzustellen, wie es viele Politiker und Medienleute in den letzten Tagen getan haben. Einige wenige sind aber vielleicht auch doch dabei, die aus den Regionen, wo IS und Al-Qaida stark sind, stammen und mit dem islamistischen Extremismus sympathisieren. Leider haben Bürgerkriege es so an sich, dass es verschiedene Fronten gibt und alle Beteiligten leiden. Man weiß es nicht. Alle über einen Kamm zu scheren, wird uns trotzdem nicht besser vor Terror schützen. Das kann nur eine starke Zivilgesellschaft, die Platz für Andersartigkeit und Vielfalt lässt und immer wieder Chancen gibt, aber auch da Grenzen setzt, wo die Gefahr besteht, dass die Freiheiten und die Würde anderer herabgesetzt werden oder sogar ihr Leben bedroht ist, egal, wer diese „anderen“ sind. Das ist nicht gerade einfach, aber es ist vielleicht der einzige Weg …

Dans la mémoire des victimes des attentats du 13. novembre.

 

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