Das, was „besorgte Bürger“ nicht sagen. Eine Replik auf Hasnain Kazim

Sollten wir, was die Flüchtlinge aus Syrien, Afghanistan und anderen Ländern betrifft, nicht lieber ehrlich sein? „(…) wir wollen nichts von unserem Wohlstand abgeben (…)“ schreibt der Spiegel-Redakteur Hasnaim Kazim in einem Kommentar auf Spiegel Online und meint, dass es das ist, was hinter all diesen Ängsten der „besorgten Bürger“ steckt, die auf die Straße gehen, um gegen die Flüchtlingspolitik der Bundesregierung zu protestieren. Hat er recht?

DAS WIDERSPRÜCHLICHE BILD DER FLÜCHTLINGE IN DEN MEDIEN

Vielleicht ist es nicht ganz so einfach. Das unschöne Wort „Verteilungskampf“ ist mehr als nur einmal durch die Medien gegangen, wenn von den Flüchtlingen die Rede war. Wer selbst bislang noch keine Flüchtlinge kennen gelernt hat, weiß eigentlich nicht so recht, mit wem er es zu tun hat. Gebildete Menschen? Die syrische Ober- und Mittelschicht, Ärzte, Ingenieure. Sie sollen Geld haben: Smartphones, Flucht für mehrere 1000 Euro, die Fachkräfte, die wir so dringend brauchen, junge Männer, die gut mit anpacken können, Analphabeten, die auszubilden langwierig und kostspielig sein wird. Sie sollen arm sein: Menschen, die an so exotischen Krankheiten wie Krätze und Tuberkulose leiden. Menschen, die alles verloren haben und zu allem bereit sind: im Freien kampieren und durch eiskalte Flüsse waten – alles nur, um in „Germany“ einen Fuß in die Tür zu kriegen. Menschen, die vor Elend und Krieg fliehen. Kommt jetzt die „dritte Welt“ zu uns? Ist es eine Art Rache für all die Ungerechtigkeiten, dafür, dass die „Erste Welt“ so lange auf Kosten der anderen in Saus und Braus gelebt hat?

VIELE MENSCHEN, VIELE GESCHICHTEN, VIELE SEHNSÜCHTE

Das Bild, das die Medien von den Flüchtlingen transportieren, zeigt vor allem eins: Es gibt so viele Schicksale, Motive und Sehnsüchte, wie es Menschen gibt, die kommen: Abertausende. Für den Roma aus dem Kosovo würde schon Hartz-IV ein Leben in einer relativen materiellen Absicherung bedeuten, das er (oder sie) nie gehabt hat, für den Arzt oder Kaufmann aus dem Nahen Osten, der vor dem Krieg flieht, wäre genau das eine Demütigung. Der junge Ingenieur aus Nordafrika, der gebildet ist, aber nicht zur Perspektivlosigkeit verdammt sein will, ist vielleicht wirklich die gesuchte Fachkraft, während der Analphabet aus Afghanistan sich vielleicht nach Europa durchgekämpft hat, um seinen Kindern eine Zukunft zu ermöglichen, die mehr für sie bereit hält, als die Gefahr, beim Spielen auf eine Mine zu treten. Der LGBTI-Flüchtling hofft, eines Tages offen als der Mensch leben zu können, der er (oder sie) wirklich ist, ohne Angst haben zu müssen, entdeckt zu werden, den Arbeitsplatz zu verlieren oder vielleicht sogar im Gefängnis zu landen, andere wiederum haben gehört, dass das reiche Deutschland händeringend Arbeitskräfte sucht, warum also nicht einen Versuch wagen?

#REFUGEESWELCOME – AUCH VOR DER EIGENEN HAUSTÜR?

Nichts daran ist verwerflich. Alles ist sehr gut nachvollziehbar. Es ist das Wort „Verteilungskampf“, das stört. Im Hamburger Villenviertel Harvesterhude wurde geklagt, als es hieß, dass Flüchtlinge zuziehen sollten. Zwar waren es nur einige wenige Harvesterhuder, die Armut und Elend so nah nun doch nicht vor der Haustür haben wollten, wie u. a. auf Spiegel Online zu lesen war, aber auch im wohlhabenden Bremer Szeneviertel Ostertor hatte es, wie die taz berichtete, vor einigen Jahren Proteste gegeben, als ein Hostel zu einem Asylbewerberheim umfunktioniert werden sollte. Ausgerechnet! – Denn Ostertor ist eine Bastion der so genannten „Gutmenschen“: linksalternativ-mittig, „grün“ und – wie gesagt – nicht gerade arm. Gerade diese Menschen könnten es sich eigentlich leisten, großzügig zu sein.

PEGIDA & CO. – DER PROTEST DES „KLEINEN MANNES“?

Es ist leicht, Pegida und Co. als Sprachrohr des „kleinen Mannes“ abzutun, der seinen Wohlstand in Gefahr sieht. Und es ist leicht, den Menschen, die es mit der Angst zu tun kriegen, wenn es heißt, dass es „eng“ auf dem Arbeits- und Wohnungsmarkt werden wird, vorzuwerfen, sie seien hartherzig und egoistisch. Es betrifft ja – wohlgemerkt! – nur das „untere Preissegment“, nur die „bezahlbaren“ Wohnungen und nur die Jobs für Geringverdiener und schlecht Qualifizierte.

Rechtsradikalismus hat allerdings nichts mit Armut zu tun, sondern mit Fremdenfeindlichkeit. Auch wenn rechte Strömungen sich selbst oft auf die Fahnen schreiben, nur auszusprechen, was „das Volk“ angeblich denkt, so wurden sie in der Vergangenheit immer auch von Vertretern der Eliten mitgetragen. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Man denke nur an das Gerede von den vermeintlich „höherwertigen Genen“ und „Gebärprämien“, das rund um die Diskussionen um Thilo Sarrazins Buch „Deutschland schafft sich ab“ nicht nur in rechten Kreisen auf offene Ohren gestoßen ist. Rechtsradikalismus ist eine Gesinnung, kein sozialer Status.

WIR KÖNNEN UNS DAS LEISTEN! – EINE GESELLSCHAFT, DIE OFFEN IST FÜR ALLE!

Wer wirklich eine Gesellschaft will, in der Offenheit und Vielfalt Trumpf sind, der sollte die Ängste der Menschen, für die es durch die Flüchtlinge „eng“ werden wird, ernst nehmen. Und es sollte auch klar sein, dass die Solidarität mit den Menschen, die bei uns Schutz und Perspektiven suchen, ein gesamtgesellschaftliches Projekt ist. Damit wird man Pegida & Co. nicht erreichen, denn die Rechten wollen die Flüchtlingskrise nur für sich ausschlachten. Sie würden genauso daherreden, wenn sich kaum ein Flüchtling über die Grenzen wagen würde. Aber wenn man das Wort „Verteilungskampf“ aus der Debatte um die Flüchtlinge streicht, würde man eine Menge Leute in die Mitte der Gesellschaft zurückholen, die einfach nur Angst haben, selbst an den Rand gedrängt zu werden. Ich finde, das ist es wert!

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