Flucht & Vertreibung oder: Schmerz & Schuld – Laila History (II)

Angesichts der vielen Flüchtlinge lassen es sich derzeit viele Deutsche nicht nehmen, sich mit  der Flucht und Vetreibung der eigenen Eltern, Großeltern oder Urgroßeltern auseinanderzusetzen. Den Anfang machte die Internetaktivistin, Unternehmensberaterin und Politikerin Anke Domscheit-Berg mit ihrem Blogpost „Auch ich bin eine Flüchtlingstochter„. Viele andere folgten. Gerade in linksalternativen Kreisen wird mittlerweile – auch wenn es um die heutigen Flüchtlinge geht – gern von „Vertriebenen“ oder auch „Heimatvertriebenen“ gesprochen – eigentlich ein seltsam deutschtümelnder Sprachgebrauch, aber weder die ansonsten so sprachsensible Tageszeitung noch z. B. das Gunda-Werner-Institut, das die feministische Arbeit der den Grünen nahestehenden Heinrich-Böll-Stiftung trägt, stören sich offenbar daran.

ERINNERUNG & EMPATHIE

Ganz korrekt ist es trotzdem nicht, schon deshalb nicht, weil die Menschen, die heute flüchten, vor Krieg und staatlicher Repression flüchten. Sie wurden nicht ausgewiesen (und sie haben auch keinen Völkermord verübt, nichts, was dem Holocaust vergleichbar wäre). Man kann dagegen einwenden, dass man sich nicht an solchen Kleinigkeiten aufhängen sollte, aber der viel größere Unterschied ist eigentlich, dass die Vertreibung der Deutschen aus Mittelost- und Osteuropa die Folge eines grausamen Vernichtungskrieges und Genozides war, den leider eben diese Deutschen angezettelt hatten. Kaum jemand möchte sich heute noch daran erinnern. Ich bin keine „Antideutsche“ und ich möchte individuell erlebtes Leid nicht kleinreden. Ich finde all das nur ziemlich schief, nicht zuletzt, weil im Zusammenhang mit den Flüchtlingen auch viel von Empathie die Rede ist. Es bestehe ein Mangel an Empathie mit denen, die vor Gewalt und Krieg flüchteten und darauf hoffen, sich in Deutschland eine neue Existenz aufbauen zu können und dieser Mangel soll durch die Erinnerung an die Vetreibung der Deutschen aus Schlesien, Ostpreußen und dem Sudentenland abgebaut werden. Nur dass das alles am Kern der Sache vorbeigeht, denn nicht von ungefähr beziehen sich auch die Rechten auf die deutsche Vertreibungsgeschichte (vgl. u. a. einen ungeschnittenen Beitrag des ZDF-Morgenmagazin über eine AfD-Demo in Erfurt). Sie beharren darauf, dass die deutschen Vetriebenen es weitaus schwerer gehabt hätten als die heutigen Flüchtlinge aus dem Nahen Osten und für manche spielt es auch eine Rolle, dass es ja immerhin Deutsche gewesen seien.

WENN RECHTE & LINKE SICH EINIG SIND, ABER NICHT DASSELBE MEINEN

Schon bizarr, dass Rechte und Linke in diesen Tagen so sehr an einem Strang ziehen – wenn auch mit unterschiedlichen Zielen. Soll man jetzt Mitleid mit den Deutschen haben, deren Groß- oder Urgroßeltern über die vereiste Ostsee flüchteten und z. T. mitleidlos von der Roten Armee beschossen wurden, Menschen, die auch in Westdeutschland nicht herzlich willkommen geheißen wurden, weil die Leute selbst Hunger litten und als Ausgebombte z. T. obdachlos waren? Soll es dazu führen, dass man die heutigen Flüchtlinge umso herzlicher aufnimmt oder dazu, dass man sich sagt, dass sie es ja noch vergleichsweise gut hätten? Ich habe darauf keine Antwort. Es ist auch nicht meine Story. Was mich interessiert, ist die Frage, warum Empathie manchmal nur auf Sparflamme läuft.

DIE ROTE ARMEE – HOFFNUNGSSCHIMMER ODER ALBTRAUM?

Im Frühjahr 1945 wurde das Vorrücken der Roten Armee sehr unterschiedlich aufgenommen. In den Konzentrations- und Vernichtungslagern war es für manche eine Frage der Zeit: Würde man überleben, bis das Lager befreit wurde? Oder würde man vorher „evakuiert“ und irgendwo auf dem freien Feld erschossen werden? Das Todeslager Auschwitz wurde am 27. Januar 1945 von der Roten Armee befreit (vgl. Wikipedia).

In der deutschen Hauptstadt dagegen herrschte nackte Angst. Man errichtete Barrikaden, verkroch sich in Kellern, hängte Bettlaken als improvisierte weiße Fahnen aus den Fenstern. Mädchen wurden die Köpfe kahlgeschoren, um sie als Jungen auszugeben. Viele Frauen wurden von den Soldaten der Roten Armee erbarmungslos vergewaltigt. Man könnte jetzt ziemlich herzlos sagen: „Na und? Die Soldaten der Wehrmacht haben ja auch genug Russinnen vergewaltigt!“ – Tatsächlich gab es kaum etwas, was die Grausamkeit der Deutschen hätte übertreffen können. Man muss nur an die Blockade von Leningrad (heute: Sankt Petersburg) denken, bei der 1944 über 1 Million Menschen ihr Leben verloren. Die Wehrmacht hatte sie z. T. vorsätzlich verhungern lassen (vgl. Wikipedia). 1945 irrten auch unzählige Kinder elternlos durch Deutschland, einige von ihnen kämpften als eine letzte Bastion des nationalsozialistischen Deutschlands verbissen gegen die vorrückenden alliierten Armeen. Das macht es nicht leicht: Nazikinder, kleine „Herrenmenschen“, dazu erzogen, andere wie Ungeziefer zu behandeln. Aber es waren nur Kinder, einige vielleicht verblendet und aufgehetzt, aber eben Kinder, nicht anders als russische, britische, französische oder amerikanische Kinder: verletzlich und unschuldig, hilflos. Genauso ist natürlich eine Vergewaltigung eine Vergewaltigung und damit ein schwer traumatisierendes Erlebnis – ganz gleich, welche Frau sie erlebt.

WIE MIT SCHULD & SCHMERZ UMGEHEN?

Wahrscheinlich wollten viele Deutsche im Frühjahr 1945 nur eines: Dass der Krieg so schnell wie möglich zu Ende sein sollte. Manche haben sich vielleicht tatsächlich nicht so sehr die Hände schmutzig gemacht und sind eher „mitgelaufen“, andere hatten vielleicht schon gegen Kriegsende angefangen, zu bereuen, was sie getan oder zumindest mitgetragen haben, aber es sollte noch mehr als 20 Jahre dauern, bis man in Deutschland anfing, offen über Schuld zu sprechen. Dass das im Krieg selbst erlebte Leid einen so schalen Beigeschmack hatte, dürfte es nicht leichter gemacht haben.

Man darf Leid und Schmerz nicht gegeneinander aufrechnen. So etwas ist nie „relativ“ und man kann aus dem Ganzen nur den Schluss ziehen, dass Krieg immer furchtbar ist und man alles dafür tun sollte, dass es nie wieder geschieht. So könnte man es vielleicht sehen, denn Leid ist einfach nicht messbar.

DIE GESCHICHTEN DER ANDEREN

Ich glaube, wir sollten aber davon absehen, eigene Geschichten auf die heutigen Flüchtlinge zu projizieren. Man könnte andere Geschichten erzählen: Die von Wirtschaftsmigration aus dem Süden, von der Auswanderung vieler Deutscher in die Vereinigten Staaten oder dem „Bevölkerungsaustausch“, der nach dem Zweiten Weltkrieg zwischen Ungarn und der Slowakei (bzw. damals: Tschechoslowakei) stattgefunden hat. Man könnte auch von den Polen aus den damals ostpolnischen Gebieten erzählen, die in Eisenbahnwaggons verfachtet und in einem fremden Land wieder ausgespuckt worden sind. Manchen soll es eiskalt über den Rücken gelaufen sein, als sie die deutschsprachigen Straßenschilder in Städten wie Breslau (heute: Wroclaw) gesehen haben.

WEIL DIE MENSCHEN ÜBERALL DIESELBEN SIND

Nützt all das? Holt es Menschen von rechts in die Mitte der Gesellschaft zurück, die sich in erster Linie daran stören, dass die Flüchtlinge fremd sind und außerdem Muslime? Beruhigt es andere, die Angst haben, keine Arbeit und/oder keine Wohnung mehr zu finden? Nein, ich glaube nicht. Das kann man nur erreichen, indem man rechtsradikalen Ausschreitungen einerseits entschieden entgegentritt und andererseits eine Flüchtlingspolitik unterstützt, die Vernunft und konkrete Hilfe für Menschen, die frieren, hungern und/oder krank sind, erst einmal vor Maximalforderungen und Schuldgefühle stellt.

Auch in der Ostukraine soll es wieder vermehrt zu gewalttätigen Auseinandersetzungen gekommen sein. Das scheint die deutsche Öffentlichkeit nur am Rande zu erreichen. Ist vielleicht letztendlich doch alles relativ? Hat irgendjemand mehr oder weniger Recht auf Mitgefühl und Hilfe? Ich meine „Nein!“. Genau deshalb müssen aber Kompromisse auf allen Seiten gemacht werden. Wäre das nicht auch einfach nur gerecht? In diesem Sinne: #refugeeswelcome!

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