Wie bringt man Menschen dazu, in den Krieg zu ziehen? Laila History

Tja, so sehr sich die Leute in diesen Tagen über die Flüchtlingsfrage die Köpfe einschlagen – wäre kein Krieg in Syrien, würden auch nicht so viele Leute kommen. Klar, das weiß jeder, aber da im Moment viel über Mitgefühl geredet wird, man dabei auch das Schicksal der deutschen Vertriebenen als Vergleich bemüht hat und auf der anderen Seite immer unbefangener rechtsextreme Parolen zum Besten gegeben werden, sogar schon von KZs die Rede war, dachte ich mir: Der Krieg ist für uns mental irgendwie weit weg, manche haben vom Nationalsozialismus irgendwann mal im Geschichtsunterricht gehört, aber eigentlich geht uns das alles nichts an – oder vielleicht doch? Vergleiche hinken immer und ich will hier auch keine ziehen, aber vielleicht sollten wir uns alle noch mal in’s Gedächtnis rufen, was damals war:

PROLOG: WENN MAN EIGENTLICH DIE NASE VOLL HAT

Hätte man in den 1920er Jahren jemanden gefragt, ob er gern in den Krieg ziehen würde, hätten viele Leute wahrscheinlich verständnislos mit dem Kopf geschüttelt. Der letzte Krieg war ja noch nicht lange her.

1914 war es eine Ehrensache für fast jeden jungen Deutschen gewesen, als Soldat für das Vaterland zu kämpfen. Schon zwei Jahre später war die Stimmung nicht mehr so euphorisch. In der Schlacht von Verdun (Frankreich) wurde zum ersten Mal Giftgas eingesetzt. 1917 spitzte sich die Versorgungslage auch für die Zivilbevölkerung zu. Es kam zu Hungerdemonstrationen. Im Herbst 1918 war das Maß endgültig voll: Als die Matrosen in Kiel und Wilhelmshaven (Nordwestdeutschland) den Befehl erhielten, zu einer weiteren unsinnigen Seeschlacht auszulaufen, meuterten sie. Der Aufruhr zog weite Kreise und am 09. November 1918 wurde in Berlin schließlich die Republik ausgerufen.

DEMOKRATIE FÜR ANFÄNGER

Die sog. „Weimarer Republik“ (1918 – 1933) startete mit einer schweren Hypothek: Wie sollte man Menschen für Demokratie begeistern, die keinerlei Erfahrung damit hatten? Zudem: wirtschaftlich ging es Deutschland nach dem Ersten Weltkrieg natürlich denkbar schlecht. Der Friedensvertrag von Versailles wurde von vielen als ungerecht empfunden. In wirtschaftlicher Hinsicht problematisch war wahrscheinlich v. a. die Forderung nach hohen Reparationszahlungen, obwohl man von außen betrachtet sagen muss, dass dies durchaus fair war, angesichts der Verwüstung die Deutschland im Zuge des Ersten Weltrkieges in Europa angerichtet hatte. Trotzdem – schon Berthold Brecht hat gesagt: „Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral“ (zit. nach Wikiquote). Wer aus dem ersten Weltkrieg versehrt zurückkehrte und nicht auf die Unterstützung einer Familie hoffen konnte, konnte – abgesehen von einer mageren Invalidenrente – seinen Lebensunterhalt nur mit Betteln bestreiten. Eine soziale Absicherung nach heutigem Maßstab gab es nicht.

Man könnte sich jetzt fragen: „Wie blöde muss man eigentlich sein, um trotzdem gleich wieder zu den Waffen zu greifen?!“, aber: Viele Menschen fühlten sich überrumpelt: Manchen war die Revolution nicht weit genug gegangen und sie strebten eine Rätedemokratie nach dem Vorbild der jungen Sowjetunion an – Damit endlich mal auf das gehört würde, was das Volk zu sagen hat! Andere sahen die sog. „Schmach von Versailles“, also den Friedensvertrag, mit dem das deutsche Volk angeblich „geknechtet“ worden sei, als das eigentliche Problem an.

RECHTSRUCK IN EUROPA

Auch wenn man mit Vergleichen – wie gesagt – sehr vorsichtig sein muss: Ähnlich wie heute der Rechtspopulismus (der politisch nicht die gleiche Qualität hat, es war tatsächlich damals eine andere Zeit) in vielen Ländern Europas seine Anhänger hat, waren auch in den 1920er Jahren viele europäische Länder nach rechts gerückt.

Die Gründe dafür waren nirgends augenfälliger als in Italien: Das Land hatte sich mit seinem Engagement im Ersten Weltkrieg (auf Seiten der Alliierten) übernommen, 1919/1920 kam es immer wieder zu Streiks und Demonstrationen, schließlich besetzten Arbeiter Fabriken (vgl. zum sog. „Biennio rosso“: Wikipedia). Die liberalen Politiker erschienen vielen Menschen als schwach. Zudem war Korruption an der Tagesordnung. Was läge da näher, als der Ruf nach dem „starken Mann“?. Im Oktober 1922 ergriff der faschistische „Duce“ Benito Mussolini (1883 – 1945) mit dem sog. „Marsch auf Rom“ publicitywirksam die Macht.

Rechts war damals in Europa also durchaus eine Option. In Deutschland hatte es schon 1920 einen rechten Putschversuch (vgl. zum sog. „Kapp-Putsch“: Wikipedia) gegeben, der jedoch glücklicherweise scheiterte. 1923 versuchte dann eine Gruppe um den ehemaligen Kunstmaler und Soldaten Adolf Hitler, in München die Macht an sich zu reißen (vgl. zum sog. „Hitlerputsch“: Wikipedia).

DIE „GOLDENEN ZWANZIGER“

Mitte der 1920er Jahre stabilisierte sich Deutschland politisch. Leider waren die „goldenen Zwanziger“ nur eine kurze, vorübergehend Erscheinung – eine Art Ruhe vor dem Sturm. Berlin galt damals – ähnlich wie heute – als aufstrebende Kunst- und Partymetropole. Wer up-to-date sein wollte, ließ sich hier nieder. Frauen traten zunehmend selbstbewusst auf, gelegentlich auch im Smoking. Homosexuelle konnten sich offener zeigen. Lebensreformer experimenterierten mit alternativen Lebensformen. Leider galten die neuen Freiheiten nur für die gesellschaftlich höher stehenden Schichten. Man musste sich das ausgeflippte Bohème-Leben schon leisten können und wer z. B. schwul war und Sohn eines kleinen Angestellten, tat nach wie vor besser daran, seine Neigungen für sich zu behalten.

EIN LEBEN IN SAUS & BRAUS FÜR EINIGE WENIGE ODER DIE HARTE HAND, DIE ORDNUNG IN DAS CHAOS BRINGT?

Der Börsenkrach im Oktober 1929 und die sich daran anschließende Weltwirtschaftskrise bereiteten dem süßen Leben dann ein abruptes Ende. Einige, die von einem Tag auf den anderen alles verloren hatten, begangen Selbstmord. Denen, die sowieso nicht viel gehabt hatten, ging es erst recht schlecht. Die Arbeitslosenzahlen schnellten in die Höhe, vor den Suppenküchen standen die Menschen Schlange. Für viele ging es nur ums nackte Überleben.

Die Politiker waren überfordert. Auf die Frage: „Was nun?“ hatte niemand eine Antwort. Natürlich ist es als Erklärung zu einfach, wenn man sagt: „Man nehme eine Menge Leute, die sich irgendwie erniedrigt und ungerecht behandelt fühlen, streue eine kräftige Prise Korruption ‚rein, füge die Verarmung breiter Schichten der Bevölkerung und ein klares Versagen der Eliten hinzu, mische alles mit chaotischen Verhältnissen gut durch und schon hast Du prima Voraussetzungen für eine faschistische Diktatur!“, aber es ging in die Richtung.

VON DER SPLITTERPARTEI ZUR MASSENBEWEGUNG

Die NSDAP („Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei“) war bei ihrer Gründung 1920 nur eine Splitterpartei gewesen, Hitler ein Hanswurst, den kaum jemand ernst nahm. In der Weltwirtschaftskrise wurde die NSDAP dann plötzlich zu einer akzeptablen Partei. Viele Bürgerliche fürchteten, die Kommunisten können die Gunst der Stunde nutzen und doch noch einen Arbeiter- und Bauernstaat nach sowjetischem Vorbild errichten. Vielleicht waren die Nazis da das kleinere Übel? Deutschnationale und andere reaktionäre Kräfte fanden sich z. T. ganz gut in der Ideologie der Nationalsozialisten wieder. Andere wiederum dachten sich, dass man Hitler ruhig mal machen lassen sollte. Hatten sich denn nicht alle anderen Politiker als mehr oder weniger unfähig erwiesen? Und wahrscheinlich würde er sich sowieso nicht lange an der Macht halten können.

Am 30. Januar 1933 wurde Hitler vom damals amtierenden Reichspräsidenten Paul von Hindenburg (1847 – 1934) zum Reichskanzler ernannt. Später sprach man von „Machtergreifung“. Der Umbau Deutschlands zur nationalsozialistischen Diktatur begann.

EIN SÜNDENBOCK MUSS HER

Die Deutschen waren jetzt wieder wer. Für viele besserte sich ihre Lebenssituation spürbar. Es gab wieder Arbeit (z. B. im Autobahnbau. Damals konnte niemand ahnen, dass die Autobahnen für den Krieg gebraucht wurden), Familien, bei denen das Geld dennoch knapp war, wurden durch die „Volksgemeinschaft“ unterstützt. Doch um welchen Preis? Gewalt, politische Morde und Repression waren nur die eine Seite, man schottete sich außerdem immer mehr nach außen ab. Angeblich war alles „Fremde“ Schuld an den Problemen, mit denen Deutschland zu kämpfen hatte, v. a. die sog. „jüdische Weltverschwörung aus Kapitalisten und Kommunisten“. Das klingt als Losung zu billig und zu abstrus, als dass man es glauben könnte, aber Antisemitismus war in Deutschland und Europa verbreitet, die Sowjetunion war ein Land, das weit weg war und Juden standen in dem Ruf, geldgierig und ausbeuterisch zu sein. Wer vielleicht in der Weltwirtschaftskrise seinen Job als Verkäufer oder Lagerarbeiter in einem großen jüdischen Kaufhaus verloren hatte, mochte sich in seinen Vorurteilen bestätigt sehen. Allerdings blendeten die Leute dabei aus, dass auch christliche Kaufhausbesitzer v. a. nach Gewinnmaximierung  strebten und ihre Mitarbeiter z. T. gnadenlos ausbeuteten. Sich darüber zu beschweren, wurde auch von den Nazis nicht goutiert. Zudem: Schulbildung war im europäischen Judentum von je her wichtig gewesen. Viele Juden brillierten in „freien“ Berufen, als Arzt, Anwalt oder eben in der Wirtschaft, weil man es da mit Intelligenz, Fleiß und Ehrgeiz zu etwas bringen konnte. Daher konnte oberflächlich vielleicht der Eindruck entstehen, sie seien im Allgemeinen eher wohlhabend. Allerdings darf man nicht vergessen, dass Juden es in den Netzwerken, über die junge christliche Deutsche aus gutem Hause oft Karriere machten – z. B. Offizierslaufbahn und Burschenschaft – schwer hatten und sie auch sonst selten in den Genuss besonderer „Förderung“ kamen. Zudem lebten z. B. in Berlin auch viele Juden, die vor gewalttätige Ausschreitungen und bitterer Armut in Osteuropa geflüchtet waren. Sie schlugen sich meist als kleine Handwerker durch und krebsten nicht selten am Existenzminimum herum.

WIE KÖNNEN MENSCHEN NUR SO BÖSE SEIN?

Ich könnte jetzt sagen: Der Rest ist Geschichte. Den Nationalsozialismus in einem Blogbeitrag angemessen darzustellen, ist so gut wie unmöglich. Dass es eine grausame Ideologie war, die sich gegen alles, was irgendwie anders, fremd und/oder schwach war, richtete, sollte man wissen. Zielscheibe waren nicht nur Juden, sondern auch Homosexuelle, Roma und Sinti, geistig und/oder körperlich Behinderte, chronisch Kranke, psychisch Kranke, Alkoholiker, Kleinkriminelle und Andersdenkende.

Die Frage, die fast alle Historiker nach 1945 beschäftigt hat, ist: „Wie konnten die Menschen nur so böse sein?“. Es damit abzutun, dass es ein paar irre Psychopathen waren, die 12 Jahre lang Unheil gestiftet haben, wäre nicht nur zu einfach – es stimmt leider auch nicht. Die Leute, die in Konzentrations- und Vernichtungslagern grausam Menschen gequält haben, waren keine „gestörten Bestien“, sondern psychiatrisch zumeist vollkommen unauffällig. Es gibt verschiedene Erklärungsansätze dazu, z. B. die „Milgram-Experimente“ (vgl. hierzu: Wikipedia).

Laila Phunk findet außerdem die These der „kumulativen Radikalisierung“ (vgl. hierzu u. a. eine Übersicht über die Forschungskontroversen zum Nationalsozialismus der Bundeszentrale für politische Bildung) , wie sie der Histroriker Hans Mommsen vertreten hat, ganz interessant: Obwohl – wie gesagt – Antisemitismus und auch Rassismus in Deutschland verbreitet waren und die Ideologie der Nationalsozialisten insofern bei weiten Teilen der Bevölkerung auf fruchtbaren Boden gefallen sein dürfte, hätte die Idee, Menschen massenhaft in Gaskammern zu vernichten, 1933 sicherlich dennoch viele Menschen verstört. Ganz abgesehen davon, dass die sog. „Endlösung“ tatsächlich erst im Sommer 1941 (vgl. Wikipedia) als Idee Gestalt annahm. Vorher hatten man es allen, die man als „Feinde“ betrachtete, so schwer wie möglich gemacht und es gab so merkwürdige Pläne, wie z. B. die Juden nach Madagaskar abzuschieben. Es kam also alles nach und nach. Man könnte vielleicht sagen, wie eine Spirale der Gewalt, die sich immer höher dreht oder ein Flächenbrand, der sich an sich selbst entzündet und immer weiter ausgreift.

Grundsätzlich ist es so, dass Menschen, die eigentlich „normal“ sind, sich schon mal antisozial benehmen, wenn man es ihnen erlaubt. Wenn man also sagt: „Barmherzigkeit und Mitgefühl – ja, sicher, aber ihm oder ihr gegenüber doch nicht! Bitte keine falsche Scham! Da muss man sich nicht zusammenreißen!“, dann kann man damit Gewalt gegen Menschen quasi „salonfähig“ machen.

Juden und andere „Unerwünschte“ wurden im Nationalsozialismus sukzessiv immer weiter degradiert, so dass sie vielen Deutschen nicht mehr als „richtige“ Menschen erschienen. Menschlichkeit war ihnen gegenüber also auch nicht mehr angebracht. Allerdings war der Holocaust so furchtbar, dass auch das allein nicht als „Erklärung“ ausreicht. Eine Entschuldigung ist es schon gar nicht.

EPILOG: DAS GRAUEN IN ZAHLEN

Durch den Holocaust wurden um die 6 Millionen Menschen (vgl. Wikipedia) umgebracht. Um es greifbarer zu machen: etwa knapp 2x die Bevölkerung von Berlin oder 4x Hamburg! Insgesamt fanden im Zweiten Weltkrieg ca. 65 Millionen Menschen (vgl. Wikipedia) den Tod. Wer glaubt, dass Rechtsradikale Lösungen zu bieten hätten, sollte sich das vor Augen halten (und sich vielleicht noch mal kurz die Bilder der Toten von Auschwitz angucken. Gibt’s bestimmt irgendwo im Internet). Wer leichtfertig jeden als „Nazi“ diffamiert, der ihm oder ihr nicht in den Kram passt, sollte sich einfach nur schämen.

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