Die #Homofrau trinkt einen Kaffee mit Lara der Lipsticklesbe

Gestern war Welt-Coming-Out-Day. Die #Homofrau wusste nicht so recht, was sie dazu sagen sollte. Spiegel-Online nutzte die Gelegenheit, um sein Jugendmagazin Bento in den sozialen Netzwerken bekannt zu machen. Eine junge Frau erzählte vom Leben als Femme, also als feminine Lesbe und den damit verbundenen Schwierigkeiten. Das erinnerte die #Homofrau an die Begegnung mit *Lara der Lipstick-Lesbe. Die #Homofrau hatte sie vor ein paar Wochen auf einer Party – übrigens keiner queeren –  kennen gelernt.

Lara arbeitet als Abteilungsleiterin in einem großen Möbelhaus*. Die #Homofrau dachte sich, dass das vielleicht der Grund ist. Müssen Frauen in solchen Jobs nicht betont feminin auftreten? Das, was man gemeinhin so als „gepflegtes Äußeres“ bezeichnet … ? Weiß der Chef überhaupt, dass Lara …? Lara sagt, dass das überhaupt kein Problem sei. Die Kollegen wüssten es alle, niemand habe etwas dagegen, nur hat Lara den Eindruck, dass manche ihr nicht so recht glauben. „Das ist doch das Klischee, dass eine Lesbe hässlich ist!“ ereifert sich Lara. Ihr Gesicht nimmt einen trotzigen Ausdruck an.

Lara ist ganz bestimmt nicht hässlich, denkt sich die #Homofrau. Sie hat lange, kastanienbraune Haare – Korkenzieherlocken – ein paar Sommersprossen auf der Nase und große, goldbraune Augen. „Nein, dass so eine lesbisch ist!“ fragen sich die Leute bestimmt. Die #Homofrau hat leicht zynische Hintergedanken. Bilder schießen ihr durch den Kopf: Dickliche, bösartige Frauen im Superbutch-Look, die das Lesbischsein exklusiv für sich beanspruchen. Alte, knorrige Weiber mit den Moralvorstellungen aus dem vorletzten Jahrhundert, eine Mischung aus weiblichen Taliban und übergewichtigen, effeminierten Möchtegern-Bad-Guys. „Nee, muss nicht sein!“, denkt sich die #Homofrau.

Der Kaffee kommt. Sie sitzen in einer kuscheligen Alternativo-Kneipe* in Kreuzberg. Zwei Holländer* machen den Laden. Die #Homofrau hat sich eine Schale mit dampfendem Café au Lait bestellt, Lara einen Zitronen-Ingwer-Tee. „Ich will akzeptiert werden, so wie ich bin!“ beklagt sich Lara. Der #Homofrau kommt das ein bisschen wie ein Luxusproblem vor. Frauen wie sie haben immer einstecken müssen, dabei ist sie selbst bi und das ist noch nicht mal eine richtige sexuelle Orientierung. Manchmal lassen die Leute das ‚raushängen, dass die #Homofrau eigentlich schon zu lesbisch ist, um bi zu sein und meinen damit „zu hässlich“. Die #Homofrau denkt an die dicke Tini*, die total witzig ist: eine Pfundsfrau und für jeden Spaß zu haben. Oder Neele*, die eher groß ist, ein kantiges Gesicht und eine Narbe unter dem linken, unteren Augenlid hat und ihre Haare immer raspelkurz trägt. Die #Homofrau findet Neele ziemlich cool, aber sie entspricht wohl zu annähernd 100% dem Klischee.

Manchmal ärgert sich die #Homofrau über diese ganzen ultra-femininen Frauen, die jetzt alle behaupten, lesbisch zu sein oder zumindest bi und sich auch alle ganz schön damit aufspielen. Lara macht aber ganz und gar nicht den Eindruck. Sie scheint echt nett zu sein, sonst hätte die #Homofrau sich ja nicht auf einen Kaffee mit ihr verabredet. „Hattest Du denn schon mal Ärger?“ fragt die #Homofrau Lara. „Hm, nicht so direkt“, antwortet Lara: „Es ist mehr so das Gefühl, nicht akzeptiert zu werden, dass alle irritiert gucken, wenn Du mal auf ’ne Frauenparty gehst und so.“ Die #Homofrau nickt. Sie sagt, dass sie diese selbsternannten Turbolesben, die eifersüchtig darüber wachen, dass auch nur das, wo dick und fett „lesbisch“ draufsteht, wirklich lesbisch ist, auch nicht leiden kann. „Vor allem, weil viele von denen selbst nicht wirklich lesbisch sind … Aber vielleicht liegt es daran, dass das jetzt so ein Hype ist …“ sagt die #Homofrau „… und alle Lesben, die man in der Öffentlichkeit sieht, sind mehr der mädchenhafte Typ und viele verdienen komischerweise auch ganz gut Geld damit. Das ist alles ein bisschen schief.“ Sie schlürft ein bisschen Café au Lait. Lara nippt an ihrem Zitronen-Ingwer-Tee. Lara erzählt, dass ihre letzte Freundin auch langhaarig und feminin war. Sie hat sie dann für einen Typen verlassen. Lara war das Abenteuer, der Typ der Ernst des Lebens. Lara hing sechs Monate ziemlich durch.

Das tut der #Homofrau leid. Ihr Typ wäre Lara nicht, aber das hatten sie schon auf der Party geklärt, dass Rummachen von beiden Seiten her nicht drin ist. „Daran erkennt man ja auch die queere Hete“ findet Lara. „Ja!“ nickt die #Homofrau „Die Tussi, die sich nur sexy fühlen will.“ Tini will demnächst ihre Langzeitfreundin heiraten. Vielleicht hat Lara ja Lust, mit zur Hochzeit zu kommen. Tini hätte bestimmt nichts dagegen. Sie alle finden, dass man auf Betonköpfe, die ihre eigenen Vorurteile für unverbrüchliche Wahrheiten halten, nichts geben sollte – egal aus welchem Lager sie stammen.

*Aus gegebenem Anlass: Alle in dieser Geschichte beschriebenen Charaktere und auch die Geschichte selbst sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden Personen sind daher rein zufällig und nicht beabsichtigt (auch wenn ich Diskriminierungserfahrungen in manchen #Homofrau-Stories sozusagen „aus dem täglichen Leben gegriffen“ habe, aber das ist ja hier nicht der Schwerpunkt). Hervorgehoben sollte v. a., dass es feminine Lesben gibt, die auch wirklich lesbisch sind, obwohl man es bei ihnen oft nicht so ganz ernst nimmt, ebenso, wie nicht jede übergewichtige oder androgyne Frau sich lediglich „aus Verlegenheit“ dazu „entschieden“ hat, lesbisch „zu leben“. Laila Phunk vertritt die Ansicht, dass sexuelle Orientierungen (homo-, bi-, transsexuell, ebenso wie heterosexuell) mehr oder weniger „angeboren“ sind (denk an Augenfarbe, Körpergröße oder das Talent für Musik, Sport oder Mathe!) und sich in der Pubertät, spätestens aber im jungen Erwachsenenalter herauskristallisieren. Dennoch ist Laila nicht die Sex-Polizei. Sie entscheidet nicht über andere und mischt sich nicht in deren Angelegenheiten ein – ganz abgesehen davon, dass sie auch nicht findet, dass man jemandem seine/ihre sexuelle Orientierung „auf den ersten Blick“ ansehen kann. Man hat vielleicht höchstens ein Gespür dafür, wer – in dieser Beziehung – ähnlich tickt, wie man/frau selbst. Allerdings gibt es im Moment – weil Queer so ein Hype ist – sehr viele Menschen, die vorgeben, genau zu wissen, was es mit „abweichenden“ sexuellen Orientierungen auf sich hat (und dass das auf sie selbst zutrifft und auf die anderen nicht): Mal sind es die femininen Frauen, bei denen das doch irgenwie „süß“ ist, mal die Dicken, denen das angeblich eher zusteht, weil sie dem allgemeinen Modeideal nicht so entsprechen, gelegentlich aus demselben Grund auch die Androgynen. Mal ist es ein Lifestyle-Ideal, das irgendwie mit höherer Bildung zu tun hat, mal ein politisches Bekenntnis und überall dort, wo es um Minderheitenrechte geht, auch ein Karrierefaktor (Klar, aus demselben Grund haben manche auch gefordert, dass man sich seine Hautfarbe aussuchen können soll!). All das hält Laila Phunk für grundfalsch. Allerdings ist das Gegenteil auch nicht immer richtig. Genau darum ging es in dem Text.

Engagier Dich gegen Homophobie – damit liegst Du immer richtig, denn da geht es ja gegen Diskriminierung und für gleiche Rechte! Mit einer Second-Life-Identität, die v. a. hervorheben soll, wie sehr Du in jeder Hinsicht benachteiligt bist und deshalb „gefördert“, vulgo „bevorzugt“, werden musst, sieht das schon anders aus (Yap, man hat Dich nämlich schon immer bevorzugt und das Ganze war eigentlich eher so gedacht, dass die, die sich wegen Dir immer mit einem der hinteren Plätze begnügen mussten, mal eine Chance kriegen, also zB eine Transsexuelle, die keinen Job kriegt und am Rande der Gesellschaft lebt, nicht eine, die gelegentlich mal auf ’ner Party den Drag-King gibt, oder eine Migrantin aus armen Verhältnissen, nicht der Sohn von Boris Becker, obwohl der wirklich schwarz ist. Laila spricht da auch nicht für sich selbst (obwohl sie im Moment ganz hinten sitzt, aber sie hat zB auch studiert und Auslandserfahrungen gesammelt) findet aber – wie gesagt – dass Leute wie Du einfach kein verbrieftes Vorrecht auf die Pole-Position im Leben haben und Trickse mit der Minderheitenpolitik nicht okay sind!)

Also, liebe queere Hete, liebe Kampf- , Lipstick- und Möchtegernlesbe, lieber Drag-King, liebe Bi-Sexbombe und Unentschiedene: Die Moral von der Geschicht ist: GLEICHBERECHTIGUNG meint Euch alle. Das ist ganz stressfrei und lohnt sich doch – meine ich!

Mehr zum Thema demnächst!

 

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