Benimm Dich!

LailaStar

Muss vor ein paar Tagen gewesen sein oder ist es eher schon ein paar Wochen her? Jedenfalls saß ich in der U-Bahn und sah aus den Augenwinkeln, wie eine dunkel gekleidete Gestalt mit Kopftuch sich neben mich plumpsen ließ. Eine Station weiter stieg eine Familie zu, Berlinführer in der Hand, vermutlich deutsche Touristen. Zeitgleich und fast spiegelbildlich zogen die dunkel gekleidete Frau mit Kopftuch und ich unsere Rucksäcke an uns, um Platz zu machen. Wir hatten uns ein bisschen breit gemacht. Vorher war der U-Bahnwaggon ziemlich leer gewesen. Irgendwann stieg die junge Muslima dann aus und ich hätte sie auch vergessen, wenn ich heute im Internet nicht über den kuriosen Spiegel-Online-Artikel gestolpert wäre: Guides mit „Benimmregeln für Flüchtlinge“ machen die Runde, u. a. im fränkischen Hardheim, aber auch anderswo. Es geht darum, dass man nicht Nachbars Apfelbäume aberntet, in die nächstgelegene Hausecke strullt oder junge Frauen dumm anmacht. Hm, tja. Vielleicht haben die Hardheimer einfach unangenehme Erfahrungen gemacht. Trotzdem klingt das natürlich ganz schön drastisch – rassistisch wie manche finden, als ob sich Flüchtlinge wie wildgewordene Pottsäue benehmen würden. Spiegel-Online nennt einen anderen Flüchtlingsguide als positives Gegenbeispiel – So ginge es ja auch – und tatsächlich, auf dem Site des Refugee Guide liest man in eher sachlichem Tonfall, dass es z. B. im Sommer in Deutschland normal sei, dass die Leute leicht bekleidet seien und dass Schwimmbäder meistens von Frauen und Männern gemeinsam benutzt würden. Ich kann mir schon vorstellen, dass das nicht in allen Ländern der Welt üblich ist.

Trotzdem zeigt diese Debatte, wie aufgeheizt die Stimmung ist, wenn es um die Flüchtlinge geht, denn – wenn wir von Benimm reden – viele „Regeln“ im sozialen Zusammenleben sind eigentlich so ziemlich universell: Auf dem Balkan z. B. ist Diebstahl ebenso ein „No-Go“ und eine Straftat wie in Deutschland. Machotum ist zwar verbreitet, aber wer Frauen dumm anmacht, ist einfach ein Vollidiot und wer seinen Müll irgendwo in die Gegend schmeißt, hat keine „Kinderstube“, auch wenn das Umweltbewusstsein vielleicht nicht ganz so ausgeprägt ist wie in Deutschland. Klar – ich gebe jetzt meine Eindrücke wieder und es kann gern jede/-r widersprechen, der/die meint, dass ich das falsch darstelle. Alles in allem vermute ich aber, dass es diese Benimm-Basics auch im arabischen Raum und in Afrika gibt.

Irgendwie klingt das wieder nach „guter Flüchtling, böser Flüchtling“: Wenn einzelne Leute in der Flüchtlingsunterkunft die Sau ‚rauslassen, ist das höchstwahrscheinlich nicht der „fremden Kultur“ geschuldet, sondern auf Frust oder emotionale Verwahrlosung durch negative Erlebnisse im Krieg oder auf der Flucht zurückzuführen. Oder es sind ganz einfach Assis. Da muss man auch nicht nett sein. Das sind einfach die gleichen Deppen, die auch unter Einheimischen unangenehm auffallen. So etwas gibt es eben auch unter Flüchtlingen. Sind ja keine Heiligen.

Mit den sog. „Werten“ ist es da schon schwieriger: Ich denke schon, dass es unter den Flüchtlingen den einen oder anderen gibt, der Schwierigkeiten damit hat, dass Frauen in Deutschland gleichgestellt sind oder Homosexuelle sich öffentlich auf der Straße zeigen dürfen, weil es nicht als „Krankheit“ gilt. Vielleicht hat der eine oder andere auch nur wenig Verständnis dafür, dass antisemitische Hetzparolen keine „legitime“ Meinungsäußerung darstellen. Das muss man trotzdem schlucken. Jeder! Das Zusammenleben vieler unterschiedlicher Menschen kann sonst nicht klappen.

Allerdings muss niemand seinen Glauben verleugnen oder Begeisterung für etwas zeigen, dass ihm oder ihr wahrscheinlich immer fremd bleiben wird. Es geht nur darum, anderen eine gewisse Basistoleranz entgegen zu bringen. Die kann man (oder frau) dann aber auch für sich selbst verlangen. Und klar – nicht jeder Flüchtling ist antisemitisch, homophob oder frauenfeindlich, genau wie es umgekehrt auch Deutsche gibt, denen es schwer fällt, z. B. Homosexuelle als gleichberechtigt und Frauen als Chef zu akzeptieren.

Ob die Integration der Flüchtlinge auf dieser eher immateriellen Ebene gelingen wird, hängt auch von den Einheimischen ab: Ist jede noch so kleine Verfehlung ein Drama, das man einem Flüchtling doppelt und dreifach ankreiden muss oder muss auch die größte Unverschämtheit toleriert werden, weil man sonst als „Nazi“ beschimpft wird? Locker bleiben ist – finde ich – die Devise. Und Grenzen setzen, aber nur da, wo jemand droht, sie zu überschreiten.

 

 

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