Wer hat Angst vor … ? Und wenn sie kommen?

Flüchtlinge sind in den letzten Wochen und Monaten ein großes Thema. Es geht um „gute“ und „schlechte“ Flüchtlinge, also Menschen, die vor Kriegen fliehen und denen „wir“ gerne helfen möchten und solche, die es nur auf unseren Wohlstand abgesehen haben und die „wir“ so schnell wie möglich wieder loswerden wollen bzw. am besten sollen sie gar nicht erst kommen. Es seien einfach viel zu viele – heißt es. Von „Ansturm“ und „Welle“ ist die Rede, wenn es um die Flüchtlinge geht, eine „Flut“, die über uns hereinbricht und alles unter sich begräbt, Menschen, die unsere „Hilfsbereitschaft ausnutzen“, sich „Sozialleistungen erschleichen“ wollen und für die der Staat „viel zu viel Geld ausgibt“* … Wirklich?

*Solche und ähnliche Äußerungen gingen leider in letzter Zeit häufiger durch die Medien und wurden gern, aber nicht immer im Schutze der Anonymität in sozialen Netzwerken gemacht. Beispielhaft dafür sind u. a. die Aussagen, die Bewohner aus Berlin-Marzahn gemacht haben, die für die ZDF-Talkshow „Donnerstalk“ (mit Dunja Hayali, gesendet am 23. Juli 2015) interviewt wurden.

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*Für mehr Info vgl.: Die Sendung: „Die Frage: Warum sterben so viele Menschen an unseren Grenzen“ v. Christine Auerbach, Puls Radio, Bayrischer Rundfunk, 2. Juli 2014 und – aus der Reihe „7 jours en France“ – die Sendung „La France au défi de l’immigration“, France24, 24. Juli 2015.

Die Frage ist, ob die „Flüchtlingswelle“, die da scheinbar so zielsicher auf Deutschland zurollt, nicht vor allem ein Bild in den Köpfen einiger, vielleicht auch viel zu vieler Menschen ist. Man solle die Sorgen der Bürger ernst nehmen, fordert u. a. Frauke Petry von der rechts von den Unionsparteien stehenden AfD*.

 *In der Talk-Show „Maybritt Illner: Angst, Wut, Hass – Ist Tröglitz überall?“, gesendet am 16. April 2015 im ZDF.

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* Für mehr Info vgl.: „La France au défi de l’immigration“, France24 (siehe oben) & Donnerstalk v. 23. Juli 2015 (siehe oben).

Sorgen ernst nehmen – ja, aber sind es nicht eher Ängste, die hier geschürt werden?! Die Gefahr, die von konservativen und rechtspopulistischen Politikern und in den Medien heraufbeschworen wird, ist eigentlich gar nicht so real. Allerdings hat, wer verspricht, einfache Lösungen für etwas, das vielen Angst macht, parat zu haben, bessere Chancen, bei der nächsten Wahl viele Wählerstimmen zu kriegen. Und – klar! – Zeitungen und Zeitschriften wollen Auflage machen. Emotionen gehen immer gut. Da liegt es nahe, den Menschen erst Angst einzujagen und dann über das, was sie angeblich so sehr bewegt, ausführlich zu berichten. Irgendwie muss man ja das Interesse potentieller Leser wecken.

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Allerdings – so global ist das Urteil zu einseitig. Natürlich gibt es auch Medien, die sich bemühen, der Hysterie um Flüchtlinge und Einwanderer mit Fakten, O-Tönen und spannend aufbereiteten Stories entgegenzuwirken. Einige Beispiele dafür werden hier – zumeist als Quellenangabe – genannt.

 DAS BOOT WAR NOCH NIE VOLL!

Außerdem ist der Mechanismus auch nicht neu: In den 1990er Jahren machte der Slogan „Das Boot ist voll“ die Runde, auch in den etablierteren, liberaleren Medien. Selbst der Spiegel titelte mit „Ansturm der Armen“* und zeigte ein übervolles Boot in deutschen Flaggfarben*. Schon damals ging es um Asylbewerber, von denen angeblich viel zu viele nach Deutschland kommen wollten. Es hieß – nicht viel anders als heute – dass die meisten nur auf ihren wirtschaftlichen Vorteil bedacht seien. „Asylbetrüger“ war das Schlagwort der Stunde und aus Deutschland wurde „Dunkeldeutschland“: In Rostock-Lichtenhagen, Hoyerswerda, Mölln und Solingen brannte es. Man – nicht unbedingt Krawallnazis, oftmals eher graue Unbekannte, „besorgte Bürger“* –  wollte Unmut und Angst vor „Überfremdung“ zum Ausdruck bringen.

*Zum Spiegel-Cover „Ansturm der Armen“ vgl.: Spiegel, 37/1991 v. 9. September 1991.

 * „Besorgte Bürger“ ist ein Ausdruck, der in der Berichterstattung über die Ereignisse im sächsischen Freital zurückgeht, wo Anwohner in den letzten Wochen vehement gegen die Umwandlung eines Hotels in eine Asylbewerberunterkunft protestierten. Der Ausdruck wirkt zynisch und macht deutlich, wie sehr rechtsextreme Ausschreitungen – egal, ob verbal oder physisch – verharmlost werden. Vgl. hierzu u. a. Art.: „Freital: „Besorgte Bürger“ brüllen Asyl-Aktivisten nieder“ v. Matthias Meisner, in: Tagesspiegel v. 7. Juli 2015.

Schon damals, in den 1990er Jahren, kamen dann gar nicht so viele Asylbewerber nach Deutschland wie befürchtet. Arbeitslosigkeit und Wohnungnot gab es zwar, aber das hatte andere Ursachen. Es lag nicht an Flüchtlingen und Einwanderern.

MIGRATION UND MANCHESTERKAPITALISMUS

Zu Beginn des neuen Jahrtausends wehte ein neuer, harscher Wind durch Europa – von einem neuen „Manchesterkapitalismus“ war die Rede. Die Globalisierung und die EU machten den Menschen Angst. In Ungarn oder China konnte einfach sehr viel billiger produziert werden. Da bot es sich geradezu an, Arbeitsplätze, vor allem in der Industrie, auszulagern. Das Internet machte es außerdem möglich, auch andere Tätigkeiten irgendwo erledigen zulassen, wo die Stundenlöhne um einiges geringer waren und sind als in Deutschland.

Das Eldorado Globalisierung erwies sich allerdings schon bald als sehr viel tückenreicher, als viele –  vor allem als Global Player unerfahrene Mittelständler – gedacht hätten. Geschäftsideen wurden geklaut, man hielt sich nicht an Absprachen, die fremde Kultur, andere Gesetze, Korruption – Es gab plötzlich viele Gründe, weshalb das unternehmerische Glück doch nicht für alle in der Ferne lag*. Ganz abgesehen davon, dass man manche Arbeitsplätze – gerade im Handwerk, aber auch vieles, was mit Sprache und Kultur zu tun hat – gar nicht ins Ausland verlagern kann. Die Müllabfuhr muss den Müll ja vor Ort abholen und seine Haare will man sich auch nicht in China schneiden lassen.

*Vgl. hierzu u. a.: Art.“Enttäuschung bei West-Investoren. Ende der China-Party“ v. Stefan Schultz, Spiegel Online, 29. Mai 2012 und Art.“China-Reise: Gabriel kämpft gegen Ideenklau“, v. Henning Krumrey, in: Wirtschaftswoche v. 23. April 2014.

Globalisierungsangst

DER POLNISCHE KLEMPNER

Die Schranken, die die Globalisierung auferlegt hatte, sollte die EU wettmachen: Die sog. „Bolkestein-Richtlinie“ war um 2005 Angstgegner Nr. 1 in wohlhabenden europäischen Ländern mit hohen sozialen Standards und einem eher arbeitnehmerfreundlichen Arbeitsrecht, wie z. B. Deutschland, Frankreich und die Niederlande. Man wollte erreichen, dass Dienstleistungen überall in der EU angeboten werden können – zu den Konditionen des Herkunftslandes, im Klartext also: Osteuropäische Löhne und wirtschaftsliberales Laissez-Faire für westliche Unternehmer. Der polnische Klempner, der den deutschen Kollegen locker das Wasser abgräbt und sich auch ohne Meistertitel im Westen eine goldene Nase verdient, geisterte durch die Medien und wurde zum feststehenden Begriff, vielleicht auch zur fixen Idee, denn auch die Bolkestein-Richtlinie konnte so, wie sie ursprünglich geplant war, nicht umgesetzt werden.

* Mehr Info zur Bolkestein-Richtlinie findet sich auf Wikipedia.

 BOLKESTEIN – DA SAG ICH NEIN!

Manchmal sind Richtlinien eben einfach Papiertiger. Vielleicht hört es sich für einen Unternehmer, der knapp kalkulieren will oder muss, zunächst gut an, Arbeitsleistungen billiger einkaufen zu können, aber mal ehrlich – jemand, der in Deutschland Klos reparieren soll, muss auch deutsche Mieten zahlen und Lebensmittel in deutschen Supermärkten einkaufen. Mit einem osteuropäischen Lohn ist so auf Dauer kein Geld zu machen. Es wurde zwar verschiedentlich von Fällen berichtet, wo über Subunternehmer rumänische Bauarbeiter angeheuert worden waren, die man in Gruppenunterkünften untergebracht und um den versprochenen Lohn geprellt hatte*, aber das ist schlicht kriminell. Als Wirtschaftsprinzip taugt es auf Dauer sicher nicht. Und überhaupt – die Menschen in Rumänien und Polen hatten deutsche Standarts auch für ihre Länder gewollt. Das hatte die EU für sie erst interessant gemacht. Schon deshalb hat der umgekehrte Weg keine Chance – weder im Westen noch im Osten und ohne Europäer ist nun einmal kein Europa zu machen.

*Ein Beispiel dafür sind u. a. die Ereignisse um den Bau der sog. „Mall of Berlin“, eines Shopping-Centers in Berlin-Mitte, bei dem – laut Medienberichten – rumänische Bauarbeiter geprellt worden waren. Offensichtlich konnten sich zumindest einige von ihnen jedoch vor Gericht durchsetzen. Vgl. hierzu u. a.: Art. „Berliner Luxus-Mall: Rumänische Bauarbeiter klagen Lohn ein“, Spiegel Online Wirtschaft v. 10. April 2015.

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„GUTE“ UND „SCHLECHTE“ SÜDLÄNDER 

Vor ein paar Jahren war dann der Süden in der Debatte, „faule Südländer“, die angeblich jahrelang über ihre Verhältnisse gelebt hatten und die Suppe, die sie sich eingebrockt hatten, nun gefälligst selbst auslöffeln sollten oder „junge Spanier“, hochqualifizierte Fachkräfte, die man sich im „Kampf um die klügsten Köpfe“ gern sichern wollte, bevor sie auf die Idee kamen, in die USA auszuwandern – je nachdem. Wahrscheinlich tat es so manch einem arbeitslosen deutschen Ingenieur oder Informatiker in den Ohren weh, zu hören, wie den Talenten aus dem Süden der rote Teppich ausgerollt werden sollte – Das mit dem roten Teppich wurde so jedenfalls in den Medien dargestellt und wahrscheinlich hätten sich viele „Südländer“ gefreut, hätte es ihn wirklich gegeben.

 EIERLEGENDE WOLLMILCHSÄUE UNITED 

Sicher, einige kamen in Berufen unter, an denen in Deutschland tatsächlich kurzfristig Mangel herrschte. Andere hätte man sowieso eingestellt, einfach, weil sie verdammt gut sind, Koryphäen auf ihrem Gebiet, deren Arbeitsmarkt schon immer international war. Ich meine, in Wissenschaft und Forschung oder im Topmanagement ist es eigentlich von je her üblich, die Leute einzustellen, die man haben will – egal, woher sie kommen. Dafür lehren, forschen, entwickeln und managen Deutsche ja auch z. B. in den USA – und Spanier, Italiener, Portugiesen und Rumänen eben bei uns. Für die stinknormale südliche Variante der eierlegenden Wollmilchsau war es schlicht Glückssache, ob es ihr gelang, in Deutschland Fuß zu fassen oder ob es bei einem Versuch und ein paar Putzjobs blieb. In dem Magazin Neon* berichten junge Südeuropäer übereinstimmend, dass Berlin eine tolle Stadt sei, so lange man Party machen und das Leben genießen wolle. Eine Arbeit zu finden sei dagegen wahrscheinlich leicher, „(…) wenn Du Informatiker bist oder fließend Deutsch sprichst. Sonst bist Du nur einer von vielen, die kiffen und cool sein wollen und in einer Bar arbeiten.“* fasst eine junge spanische Akademikerin in dem Neon-Artikel* ihre Erfahrungen zusammen.

*Siehe: Art.“Zurück! Und die Zukunft?“, Protokolle v. Esther Göbel, Martina Kix, Judith Liere & Viktoria Morasch, in: Neon, Ausgabe: April 2015, S. 18 – 24. Das Zitat findet sich auf S. 20.

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Zu guter Letzt ist da noch etwas, das mit „klugen Köpfen“ und Migration zusammen hängt: Ausländer schaffen auch Arbeitsplätze. Manche der jungen Südeuropäer und andere –  Amerikaner, Australier, Türken, Araber, Afrikaner, … – haben sich einfach selbst beholfen und gegründet: Start-Ups, Restaurants, Kneipen, Gallerien, Internet-Cafés, Sprachschulen, Übersetzungsdienste, … Es heißt, einige Deutsche hätten dort Jobs gefunden. Vielleicht war Migration einfach das Beste, was ihnen passieren konnte …

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