20 Jahre Srebrenica

Es ist fast paradox, dass ethnische Spannungen ausgerechnet dann für Schlagzeilen sorgen, wenn einem mehr als zwei Jahrzehnte zurückliegenden Bürgerkrieg gedacht werden soll, aber es ist tatsächlich passiert: Als der serbische Ministerpräsident Aleksandar Vucic am vergangenen Wochenenende an den Feierlichkeiten zum Gedenken an das Massaker von Srebrenica in Bosnien-Herzegowina teilnehmen wollte, wurde er mit Steinen beschmissen*.

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 *Quelle: Art.: „Serbiens Regierungschef von Gedenkfeier vertrieben„, Zeit Online v. 11. Juni 2015.

Eigentlich sollte man meinen, dass 20 Jahre 20 Jahre sind und das Verhältnis zwischen Serben und Bosniern sich mittlerweile gebessert haben sollte. Immerhin waren zwei Jahrzehnte selbst nach dem Zweiten Weltkrieg eine lange Zeit: Wenn man mal von 1945 aus zwei Jahrzehnte dazurechnet, ist man bei 1965, also kurz vor der Studentenrevolte: Damals war das Klima in der BRD zwar muffig und spießbürgerlich – nicht umsonst skandierten Studentenführer ja wenige Jahre später: „Unter den Talaren, der Muff von 1000 Jahren …“, aber Deutschland war zu Wohlstand gelangt und durfte politisch wieder eine Rolle spielen, wenn auch vorerst nur unter dem wachsamen Auge der Westalliierten.

Der Vergleich zwischen Nazideutschland und dem ehemaligen Jugoslawien hinkt natürlich und ist auch ziemlich unfair – Deutschland hat für sehr viel mehr Tote gesorgt, die Serben waren und sind keine Nazis, auf dem Balkan ging es um schlichten Ethno-Hass, in Deutschland um Antisemitismus, Rassismus und abstruse Herrenmenschenfantasien – aber am Ende bleibt ja die Frage: Warum flackern ethnische Spannungen immer wieder auf und was kann man dafür tun, dass irgendwann eine Aussöhnung stattfindet, die diesen Namen auch verdient?

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Auf Politico Europe, dem neuen, eher konservativen, aber sehr informativen Online-Magazin für Europapolitik, fragt sich Andrew MacDowall ob und wann Bosnien-Herzegowina reif für die Europäische Union wäre. Es ist fast schon ein Treppenwitz der Geschichte, dass seit 2004 die EU-Außengrenze mitten durch das ehemalige Jugoslawien, zwischen Slowenien und Kroatien verläuft: Wo früher ein Land war, liegen jetzt zwei Welten: Das wohlhabende Europa, dass auch politisch in den letzten Jahren immer enger zusammengerückt ist, hier, die randständige, von – so scheint es – Gewalt und Perspektivlosigkeit geprägte Peripherie dort.

Um als Kandidat für den Beitritt zur Europäischen Union in Frage zu kommen, müsste Bosnien-Herzegowina seine Probleme in den Griff kriegen und in politischer Hinsicht ist damit nach wie vor das ethnische Konfliktpotential gemeint. Wen wundert es?! – die ethnische Separation ist in Bosnien-Herzegowina ja auch geradezu verfassungsmäßig festgeschrieben. Der Vertrag von Dayton, der 1995 den Krieg beendete, sah nicht nur die Teilung Bosniens in die „bosnisch-kroatische Föderation“ und die „Republika Srpska“ vor, sondern legte auch den Grundstein dafür, dass politisch eher Ethnien als Parteiprogramme gewählt und öffentliche Ämter vor allem nach ethnischen Kriterien vergeben werden. Das ist zu Recht häufig kritisiert worden und war ursprünglich auch nur eine hastig zusammengeschusterte Kompromisslösung, weil man 1995 den Krieg eben beenden wollte und niemandem so schnell eingefallen wäre, wie man es hätte besser machen können.

Wenn man – vom Europa der Gegenwart aus gesehen – Bosnien-Herzegowina als eigenständigen Staat ernst nimmt, wird klar, dass es – wie Andrew MacDowall auf Politico Europe anmerkt – nicht nur ethnische Spannungen sind, die die Menschen umtreiben, sondern auch handfeste wirtschaftliche Probleme: Die Jugendarbeitslosigkeit liegt beispielsweise bei 60 %. Zum Vergleich: Im derzeit krisengebeutelten Griechenland ist „nur“ etwa die Hälfte aller jungen Menschen unter 25 arbeitslos. In Bosnien muss man schon großes Glück haben, um als junger Erwachsener überhaupt irgendwie in’s Berufsleben eintreten zu können. Jung zu sein und voller Elan und Tatendrang zu stecken und trotzdem nichts tun zu können, ist irgendwie, als wäre man in einem Kellerverließ angekettet: Irgendwann gibt man auf und versinkt in Resignation und Apathie.

Wahrscheinlich ist es das, was das kleine südosteuropäische Land am meisten lähmt: Seinen Bewohnern sind irgendwie die Hände gebunden. Um aus dem Teufelskreis aus Armut und Korruption auszubrechen, bräuchte es Hilfe von außen, doch die lässt auf sich warten, weil es bei solchen Sachen keine einfachen Lösungen gibt. Trotzdem ist es oft wichtiger, wenigstens langfristig eine Perspektive zu haben, als im hier und heute mit ein paar warmen Worten in Sachen Völkerverständigung abgespeist zu werden.

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Als Deutschland im Frühling 1945 in Schutt und Asche lag – um noch einmal auf den etwas unglücklichen Vergleich mit dem Nationalsozialismus zurückzukommen – gab es den Marshallplan, der das Wirtschaftswunder möglich machen sollte und ja auch gemacht hat. Viele osteuropäische Länder, die den mühseligen Prozess von der heruntergewirtschafteten postsozialistischen Ruine zu einer jungen Marktwirtschaft, die sich gegen die etablierten westlichen Volkswirtschaften behaupten muss, allein durchgemacht haben, hätten gern eine Art Marshallplan gehabt. Schließlich hatte es auch bei ihnen einen radikalen Systemwechsel von der Diktatur zur Demokratie gegeben. Bosnien-Herzegowina als Nachkriegsland hätte ein solcher Marshallplan sicher allemal zugestanden, doch wo anfangen? Hätte man damit nicht vielleicht andere Staaten – Russland, Moldawien, Rumänien, die Ukraine – brüskiert?

Wahrscheinlich sind solche Entscheidungen nicht einfach zu treffen. Dennoch sollte man Politik auch aus dem Blickwinkel der Bevölkerung sehen: Man lebt nur einmal und schon Bertold Brecht wusste: „Erst kommt das Fressen, dann die Moral.“

*Quellen: Andrew MacDowall: „Ghosts of war haunt Bosnia’s European future“, Politico Europe v. 11. Juli 2015.

Mehr Informationen zum Jugoslawienkonflikt findet sich auf Wikipedia und Raspad.info, einem Projekt des Kommunikationsdesignstudenten Antonio Radovcic.

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