Living Life on a Shoestring

Das Erwachsenenleben kann ganz schön öde sein. So sieht es jedenfalls aus der Perspektive eines Teenagers oder Twens aus: Jeden Tag der gleiche Trott, Nine-to-Five-Job, Essen, Schlafen, Arbeiten oder, wie man in Paris sagen würde: Boulot, Metro, Dodo. Banlieue oder Suburb, das Häuschen in einem Neubaugebiet am Stadtrand, Tag ein Tag aus monotones Getippe im Großraumbüro bis zur Rente und dann noch ein paar Jahre Butterfahrten und Mallorca als Entschädigung für ein Leben, das man irgendwie immer nur durchhalten musste. Na ja.

Aber wie ist es, wenn man alles ganz anders macht? Caroline O’Donovan hat auf BuzzFeed junge On-Demand-Worker in San Francisco portraitiert und ich fühlte mich beim Lesen an meine Studien- und Backpackerjahre erinnert. Ist die Sharing Economy, die in letzter Zeit so oft in der Debatte ist, ein neues Lebensgefühl für Menschen, die einfach nicht erwachsen werden können? Ist es typisch amerikanisch? Oder am Ende einfach nur ein Geschäftsprinzip, das alle diese Sehnsüchte bedienen will?

TECHNO MEETS BLUMENKINDER

Von Europa aus gesehen, stellen sich die Dinge etwa so dar – zumindest aus meiner Sicht: Nehmen wir die Placa Reial in Barcelona oder die Oberbaumbrücke in Berlin – Das ist eigentlich egal. Überall ist Musik. Der rhythmische, volle Sound einer Bongo-Trommel dringt an mein Ohr. Der Trommler ist noch sehr jung, Anfang oder Mitte 20 vielleicht, so ein typischer Hipster, der total lässig da sitzt: nackter, braungebrannter Oberkörper, gestreifte Pumphosen und ein paar Lederbändchen um’s Handgelenk. Irgendwie sehen sie alle so ein bisschen lässig-abgefuckt aus: Typen, die in Jesuslatschen oder Flip-Flops durch die Gegend schlurfen, manche mit Ziegenbärtchen oder einem guten alten Hippie-Vollbart, mit kahlrasiertem Schädel, obwohl sie eigentlich eher der „weiche“, „metrosexuelle“ Typ sind oder langen, verfilzten Dreadlocks. Auch wenn einige der Männer ein bisschen vergammelt wirken – die Frauen sind hübsch zurechtgemacht: alle ziemlich jung und langbeinig, so dass das mit den knappen Hotpants wirklich gut aussieht, fast wie aus dem Modekatalog. Manche haben sich Blumen ins Haar gesteckt und man weiß nicht, ob da eine verträumte Jugendstilschönheit Pate stand oder ein unschuldiges Hippiemädchen, das gerade seinen ersten Joint raucht. Hier und da springt jemand herum, der noch ausgeflippter ist als alle anderen: silberner Dress und Teufelshörnchen oder so etwas in der Richtung, frei nach dem Motto: Techno meets Blumenkinder. In manch einem der bunten, grob gewebten Stoffrucksäcke steckt bestimmt „On the Road“ von Jack Kerouac oder was von Hermann Hesse. Ich glaube, das stirbt nie aus – diese Sehnsucht danach, auszubrechen, die feste Überzeugung, dass es da noch mehr geben muss, als das eintönige, rundum-versicherte Spießerleben der Eltern. Ich höre viel Englisch: Manchmal amerikanisch-breit oder zumindest muttersprachlich, manchmal schwerfällig und mit einem starken Akzent durchsetzt. Für die meisten ist Berlin nur eine Station auf der Durchreise und die Oberbaumbrücke wurde in „Europe on a Shoestring“, im „Lonely Planet“ und all den anderen typischen Backpacker-Reiseführern wahrscheinlich als absoluter „Geheimtipp“ verkauft.

„ON A SHOESTRING“ DIE WELT ERKUNDEN

So etwas ist natürlich schön und gut für eine Rucksack-Tour oder ein Time-Out-Year zwischen College-Abschluss und Berufsleben, bevor der „Ernst des Lebens“ so richtig anfängt – Aber was ist, wenn man auf dem Trip irgendwie hängen bleibt? Als Studentin bin ich auch gern mit dem Rucksack durch Europa gereist und ab und zu habe ich einen Ami, Aussi oder Kanadier getroffen, der länger bleiben wollte. „Kein Problem“ wurde mir dann immer mit einem netten Lächeln erklärt. „Mir ist zwar das Geld ausgegangen, aber …“ „Dafür jobbe ich jetzt hier in dem Hostel“ oder: „Ich gebe Englischunterricht.“ „Klar,“ dachte ich mit einem leichten Anflug von Neid: „Englisch-Muttersprachler müsste man sein. Englisch wollen die Leute ja überall auf der Welt lernen.“ Irgendwie gefiel mir diese „Kein Problem“-Mentalität. Eine Lösung fand sich immer und zur Not musste man eben ein bisschen arbeiten. Das klang so zupackend und selbstsicher. Ich selbst hätte mich das nie getraut. Vielleicht lag es an dem sprichwörtlichen deutschen Sicherheitsdenken – man sagt ja oft, dass z. B. Amerikaner da eine ganz andere Mentalität haben – oder ich war einfach ein bisschen spießiger als ich dachte. Ich weiß es nicht.

„ON-DEMAND“ ALS LEBENSSTIL

Mittlerweile machen Leute, die keine Lust auf den „Ernst des Lebens“ haben, einen ganzen Wirtschaftszweig aus. Die so genannte „On-demand“-Economy, die mit der Sharing Economy zusammenhängt, baut darauf, dass Leute Party machen und in den Tag hineinleben wollen bzw. sie baut vor allem darauf, dass diese Leute zwischendrin auch Geld verdienen müssen. Dreh- und Angelpunkt ist das Internet. So, wie man auf speziellen Plattformen Unterkunft und Auto teilen kann, kann man auch Arbeitsplätze „teilen“, d. h., genauer gesagt ist die Idee, die dahinter steht, dass Firmen manchmal kurzfristig zusätzliche Arbeitskräfte brauchen und manche Leute alle möglichen Jobs annehmen, so lange sie sich nicht wirklich festlegen müssen. Solche Gelegenheitsjobs fand man früher am schwarzen Brett vor der Mensa – wenn man einen Studentenjob suchte – oder man stellte sich als gewöhnlicher Tagelöhner morgens früh bei der städtischen Arbeitsvermittlung vor. Durch entsprechende Apps und Internetplattformen geht das heute alles schneller und bequemer. Ein paar Klicks mit dem Smartphone und man hat den Job. Vielleicht ist es deshalb ein richtiger Lebensstil geworden und nicht mehr nur eine Notlösung, weil man das Geld eben brauchte.

FOREVER YOUNG?

Wie sich so ein Leben zwischen Clubbing und moderner Tagelöhnerei anfühlt, wenn es um etwas Längerfristiges geht und nicht mehr nur um eine Reise, beschreibt Caroline O’Donovan auf BuzzFeed. Die Bilder, die den Artikel illustrieren, zeigen junge Amerikaner, die in der ehemaligen Hippiemetropole San Francisco leben, aber vom Typ her sind es die gleichen Menschen, die man auch auf der Placa Reial in Barcelona oder an der Oberbaumbrücke in Berlin treffen kann: echte Draufgänger, jung, gesund und unerschütterlich, voller Zuversicht und irgendwie ziemlich glücklich. So wie man nur ist, wenn man von den Schattenseiten des Lebens noch nicht allzu viel mitbekommen hat.

Genau das ist leider auch das Problem. Es ist eben nur eine Phase. Das kann man mal vorrübergehend machen, tagsüber Erdbeeren pflücken oder eine Waschmaschine installieren und die Nächte dann durchfeiern, aber es ist nichts, worauf man sich etwas aufbauen kann. Wenn man mit Mitte 30 oder Anfang 40 noch so lebt, ist man nicht mehr hip, sondern einfach nur abgewrackt. Vielleicht ist ein Tick Spießerleben dann gar nicht mal mehr so schlecht und es wäre gut, wenn die Internet-Economy das auch berücksichtigen könnte. Schließlich bleibt niemand ewig jung.

 

 

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