Grexit? Oder: wo soll’s hingehen, Europa?

QuoVadisEU

 

Das „Oxi!“, also „Nein!“, mit dem die Griechen sich gestern in einem Referendum gegen noch mehr Sparkurs entschieden haben, war irgendwie abzusehen. Wer stimmt schon – wenn er oder sie frei entscheiden kann – freiwillig für’s Gürtel enger schnallen? Ganz abgesehen davon, dass viele Griechen bereits am Limit leben: Die Bilder, wie Menschen in glühender Hitze vor Geldautomaten Schlange stehen, die sowieso nur 60 Euro pro Tag und Nase ausspucken – wenn überhaupt – gingen ja oft genug durch die Medien. Wenn aber die Bedingungen der Gläubiger, also der Troika aus Europäischer Kommission, Europäischer Zentralbank und Internationalem Währungsfonds, nicht erfüllt werden, gibt’s auch keine neuen Hilfspakete, d. h. die Kassen sind erst recht leer.

 „OXI!“ AUCH ZUR EUROPÄISCHEN UNION?

Ich kann verstehen, dass man entschieden „Nein!“ sagt, wenn man gefragt wird, ob man es in kauf nehmen würde, dass Renten gekürzt, Steuern erhöht und allgemein noch mehr gespart wird. So ähnlich sind die Reformen, die die Gläubiger von Griechenland verlangen, ja offenbar gedacht. Allerdings – wenn der griechische Staat pleite geht und seinen Angestellten, Beamten, Lehrern, Busfahrern usw. keine Gehälter mehr auszahlen kann – wie geht es dann weiter? Bedeutet das gestrige „Nein!“ zu den Forderungen der Gläubiger auch ein „Nein!“ zum Euro und – viel weiter reichend – ein „Nein!“ zur Europäischen Union? Steht zu befürchten, dass die Griechen sich am Ende hilfesuchend an die etwas unheimliche „gelenkte Demokratie“ Russland wenden? Wird ein neuer Machtblock entstehen, eine neues Gegengewicht zur westlichen Welt*, das diesmal dann nur ein wirtschaftliches wäre und nicht mehr ein ideologisches? Ich weiß es nicht. Das ist alles in den Medien durchdiskutiert worden und mir fehlt das nötige Hintergrundwissen, um beurteilen zu können, ob da etwas dran ist oder nicht.

*Vgl. hierzu u. a.: Art.: „Wie Tsipras die EU mit Russland erpresst“ v. Gerd Appenzeller: Tagesspiegel v. 24. Juni 2015.

 EINSCHUB: ITALIEN 2001

Für mich persönlich fühlt es sich an, als würde ein Film in rasantem Tempo zurückgespuhlt. Die Währungsunion, damals, wie alles anfing und aus D-Mark, Francs und Drachmen Euro wurden, habe ich allerdings nicht in Griechenland, sondern in Italien erlebt. Ich erinnere mich noch, wie ich im verregneten Herbst 2001 in der Küche eines kleinen Appartements im florentinischen Arbeiterstadtteil Rifredi saß. Meine Vermieterin, bei der ich zur Untermiete wohnte, war gerade zur Tür hereingekommen und versuchte, ein Gespräch anzufangen, was mit mir damals nur radebrechend möglich war, da ich als Austauschstudentin noch nicht so gut Italienisch sprach. „Bald werden wir die gleiche Währung haben.“ hatte meine Vermieterin gesagt. Es hatte leicht triumphierend geklungen, so als hätte die schwache Lira in einem anstrengenden Wettlauf endlich zur harten D-Mark aufgeschlossen. Eigentlich war es ja immer selbstverständlich gewesen, dass die D-Mark eine Spitzenposition unter den europäischen Währungen innegehabt hatte und vielleicht hatte diese Selbstverständlichkeit das deutsche Geldwesen in den Augen der anderen hochnäsig erscheinen lassen. Auch ich freute mich allerdings auf die Währungsunion, schon allein, weil das Umrechnen von Lire in D-Mark immer sehr kompliziert war. Meine Vermieterin erzählte von der in Italien allgegenwärtigen Korruption, schämte sich, merkte an, dass „es das aber ja auch in Deutschland gäbe“ – eine Anspielung auf die CDU-Schwarzgeldaffäre, die damals die Republik erschüttert hatte. Offenbar hatte man davon auch in Italien gehört und es hatte Deutschlands Ruf als „Saubermann“ Europas nachhaltig in Frage gestellt. Als ich besser Italienisch konnte, so gut, dass es sich endlich lohnte, in der „Bar“ öfter mal einen Blick in die Zeitung zu werfen, fiel es mir noch mehr auf: Hier ein politisches Problem, das ganz Europa betraf, aber erst durch Interventionen aus Rom, Athen oder Madrid gelöst worden war, dort ein Auftrumpfen, dass man „mal wieder sehen könne, dass Politik nicht nur in Berlin und Paris gemacht werde“ …

 DEN SÜDEN ABHÄNGEN ODER ENDLICH ERNST NEHMEN?

An solchen Äußerungen merkt man, dass die Europäische Union bereits mit einem deutlichen Ungleichgewicht gestartet ist – nicht nur was die Wirtschaft betrifft, sondern auch in politisch-moralischer Hinsicht. Vielleicht sollte man Athen endlich ernst nehmen und sich bewusst darüber werden, dass das griechische „Oxi!“ zu mehr Sparen für ganz Europa von Bedeutung ist.

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