Aus Laila Phunks Bücherregal – Julia Friedrichs: „Wir Erben“

Wir Erben

 

„Reiche Erben“: Pubertär aussehende Jüngelchen am Lenkrad eines funkelnagelneuen Cabrios – mitten in Berlin. Junge, entspannte Menschen, die in den Tag hineinleben. Arbeiten, so richtig malochen oder sich im Büro die Bandscheiben durchsitzen, muss von denen eigentlich keiner. Es geht eher um’s „hip sein“: Im niedlichen, kleinen Künstlercafé um die Ecke bei einer „Latte“ vor dem Labtop sitzen, sich mit Freunden zum Brunch treffen und die Nächte durchfeiern – Mit anderen Worten: Das Leben in vollen Zügen genießen.

Deutschland wird so langsam aber sicher zur „Republik der Erben“. Es ging immer mal wieder durch die Medien, aber so richtig Lust, darüber zu reden, hat eigentlich keiner. Reich sein ohne je wirklich gearbeitet zu haben, passt nicht ins Bild. Man spricht lieber von „Leistungsträgern“, die sich alles hart erarbeitet haben und hält dagegen, dass es auch „Verlierertypen“ gibt – Hartz-IV-Empfänger, die es sich in der „sozialen Hängematte“ bequem machen wollen.

Doch dann kam Piketty. Die Thesen des französischen Ökonomen zur Ungleichheit von Wirtschaftswachstum und Kapitalanhäufung schlugen überall in der westlichen Welt ein wie eine Bombe. Damit lag es irgendwie in der Luft, aus sperrigen, abstrakten Theorien und der alltäglichen Beobachtung, dass die „soziale Schere“ immer weiter auseinanderklafft, ein Buch zu machen.

Die in Berlin lebende Journalistin Julia Friedrichs hat sich der Sache angenommen. Friedrichs, die sich 2008  mit „Gestatten: Elite“, einer Bestandsaufnahme der deutschen Eliteförderung, bereits einen Namen gemacht hat, ist sich selbst treu geblieben: Auch „Wir Erben“ ist vor allem eine spannend geschriebene Dokumentation einer auf einen längeren Zeitraum hin angelegten soziologischen Recherche. Die Autorin lässt den Protagonisten genügend Raum, um für sich selbst zu sprechen, blendet sich aber immer wieder mit eigenen Gedanken und Zwischenbilanzen ein. Der Leser erfährt, dass Geld nicht immer glücklich macht, dass es auch zum lästigen Ballast werden und Lebensenergie blockieren kann. Die meisten „Erben“, mit denen Julia Friedrichs gesprochen hat, scheinen aber dennoch ein einigermaßen sorgenfreies Leben zu führen. Nicht alle gehören dem internationalen Jetset an, manche sind auch seltsam bürgerlich – Erben „zum Anfassen“ gewissermaßen.

Genau darin, im „greifbar machen“, in seiner Anschaulichkeit, liegt auch die Stärke des Buches. Julia Friedrichs liefert keine pointierten Analysen der Weltwirtschaftsordnung. Dafür versteht sie es, die Leser bei der Stange zu halten – „Wir Erben“ liest sich wirklich in einem Rutsch weg – was man angesichts des eigentlich eher trockenen Themas erst einmal nicht erwarten würde. Wer das Buch gelesen hat, glaubt, sich etwas besser in die Gedanken- und Gefühlswelt von Menschen hineinversetzen zu können, die von Beruf vor allem „Sohn“ oder „Tochter“ sind – und hat außerdem begriffen, dass sie nicht alle gleich sind.

*Julia Friedrichs: „Wir Erben. Was Geld mit Menschen macht“, 2015 erschienen im Berlin Verlag.

Auch lesenswert ist das Buch „Gestatten: Elite. Auf den Spuren der Mächtigen von morgen“, das 2008 im Hoffmann und Campe Verlag erschienen ist.

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