Schwarz-weiße Lügen – Oder: Wie eine Aktivistin ins Fettnäpfchen tritt

Was könnte ein beginnendes Sommerloch besser füllen, als ein belangloses Thema, das genug Diskussionspotential bietet, damit sich die Gemüter für ein paar Tage so richtig kräftig daran erhitzen können? Vielleicht ist die US-Amerikanerin Rachel Dolezal schon jetzt die Ikone dieses Sommers, eine Ikone in schwarz-weiß, die man nicht so recht zuordnen kann. Anders als sonst so oft im hippen, popkulturellen Berlin geht es diesmal nicht um das Geschlecht, sondern um die Hautfarbe. Dolezal soll sich als Schwarze ausgegeben, sogar als Bürgerrechtsaktivistin aufgetreten sein, obwohl sie eigentlich weiß ist*.

Man weiß nicht so recht, was man davon halten soll. Ist die Frau politisch derart radikal, hat sie sich so sehr mit der schwarzen Bürgerrechtsbewegung identifiziert, dass sie schließlich selbst zu einer Schwarzen geworden ist? In ihrer eigenen Wahrnehmung ist es wohl so. Die Informationen zu der ganzen Sache sind bruchstückenhaft, wie kleine Mosaiksteine, die aber kein Ganzes ergeben: Dolezal soll schwarze Adoptivgeschwister gehabt haben*. Sie soll sich als Studentin aber auch wegen ihrer weißen Hautfarbe diskriminiert gefühlt haben*.

*Quellen:

Art.: „US-Aktivistin Rachel Dolezal: Eine weiße Schwarze“ v. Marc Pitzke, Spiegel Online v. 17. Juni 2015.

Art.: „Rachel Dolezal: Die Farbenfrage“ v. Nils Markwardt, Zeit Online, v. 17. Juni 2015.

Fotos zeigen eine junge Frau, die ein bisschen wie eine dunkel eingefärbte Europäerin aussieht, so als hätte sich jemand schwarze Schuhcreme in’s Gesicht geschmiert. Na ja, nicht ganz so drastisch natürlich. Auf Zeit-Online wird die „Farbenfrage“ diskutiert*(siehe oben): Ab wann ist man eigentlich „schwarz“?

DER GANZ ALLTÄGLICHE RASSISMUS

Die Frage ist so weit hergeholt nicht: Vor ein paar Wochen, an einem der ersten warmen Frühlingstage saß ich in einem Café im Prenzlauer Berg, am Nebentisch eine Mutter mit ihrer kleinen Tochter. Die Frau war schwarz, vielleicht nicht tiefschwarz, aber doch ganz eindeutig eine Schwarze – die Tochter: semmelblonde Locken, blauäugig, das Gesicht voller Sommersprossen. Dass ich geguckt habe und erstaunt war, war irgendwie rassistisch und ich habe auch immer noch kein gutes Gefühl dabei. Warum erregen Hautfarben bzw. deren Differenzen eigentlich so viel Aufsehen? Sollte es nicht längst normal sein, dass die Menschheit nun einmal bunt ist, zumal in einer Millionenstadt wie Berlin? Mein eigenes Beispiel zeigt sehr gut, dass es nicht so ist. Leider.

Die Frage ist aber auch, ob die Tochter Chancen hat, als Schwarze akzeptiert zu werden. Man sieht es ihr ja nicht an. Der Vorteil ist, dass sie dadurch ein geringeres Risiko hat, Opfer offener rassistischer Attacken zu werden – allerdings nur, wenn sie allein ist, ohne ihre Familie. Gerade die Familie, die Umstände unter denen jemand aufwächst, prägen einen aber für das weiteres Leben, auch wenn es um Rassismus geht. Wenn man also nicht von Hautfarbe als solcher, sondern von „Opferidentität“ spricht, ist die Tochter eindeutig eine Schwarze.

MENSCHENRECHTE ODER MOGELEI?

Szenenwechsel: Eine Veranstaltung zu Intersexualität im Café der Tageszeitung in Berlin-Kreuzberg. Ist schon etwas länger her, trotzdem rufe ich es mir noch mal ins Gedächtnis: Der Vortrag ist sehr informativ, im Laufe der Diskussion wird aber schnell klar, dass es nicht nur um biologische Intersexualität geht, sondern auch um das Leben zwischen den Geschlechtern – Androgynität als modisches Ideal, Frauen, die Fußball spielen und Menschen, die ihr Geschlecht wechseln: Alles eher eine Art Lebensgefühl, ganz sicher aber kein Schicksal. Das habe ich geahnt und genau deshalb bin ich auch da. Vorsichtig versuche ich anzusprechen, dass vielleicht nicht jede/r Intersexuelle sich als geschlechtsneutral definieren möchte. Ich stelle klar, dass ich – obwohl androgyn – nicht Intersex bin, will eigentlich sogar genau darauf hinaus, weil mich das alles ziemlich nervt und verweise auf den Internetauftritt der deutschen Turner-Syndrom-Vereinigung. Dort habe ich gelesen, dass vom Ullrich-Turner-Syndrom ausschließlich Frauen und Mädchen betroffen sind, dass es eine Form von Intersexualität ist und die Betroffenen sich trotzdem als genauso weiblich empfinden wie andere Frauen auch. Eine stämmige Blonde entrüstet sich, wirft mir „Verletzung der Menschenrechte“ vor, hat offenbar gründlich etwas missverstanden oder missverstehen wollen. Eine Dunkelhaarige nickt ihr dankbar zu und erklärt: „Genau das habe ich nämlich gehabt.“. Der Satz bleibt unkommentiert im Raum stehen. Intersexualität hat man nicht „gehabt“. Man wird so geboren. Später, als die Dunkelhaarige aufsteht, sehe ich, dass sie etwa 1, 70 m groß ist – mehr als 20 cm zu groß für das Ullrich-Turner-Syndrom, dessen hervorstechenstes Merkmal Kleinwüchsigkeit ist. Autsch. Ich sage nichts, fühle mich aber irgendwie betrogen.

Vielleicht ist es auch das, was an der Geschichte von Rachel Dolezal, der „weißen Schwarzen“, so provoziert: Dass man sich irgendwie betrogen fühlt. Dass es Menschen gibt, die sich nicht nur engagieren, sondern sprichwörtlich zum Fleisch gewordenen „guten Gewissen“ aufspielen, die alles ganz genau nehmen, sich aber für sich selbst Nachsicht ausbitten – und dann irgendwann auffliegen. Alles nur gelogen. Ich weiß nicht, ob es bei Dolezal so war. Das lässt sich aus der Ferne nur schwer beurteilen. Aber es erklärt vielleicht, warum sie das Sommerloch so gut gefüllt hat.

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