Goodbye Griechenland?

Griechenland, der Pleitegeier, kurz davor, aus der Eurozone zu fliegen – Vokabeln wie „Grexit“ und „Graccident“* gingen in den letzten Tagen und Wochen immer wieder durch die Medien. Den Griechen steht das Wasser bis zum Halse. „Selbst schuld!“ sagen manche, der drohende Staatsbankrott sei das Ergebnis jahrzehntelanger Korruption und Vetternwirtschaft, die Griechen hätten einfach über ihre Verhältnisse gelebt. Dann sind da die Bilder, die über deutsche Fernsehbildschirme flirren: Menschen, die im Müll wühlen, Armenspitäler, die Arbeitslosenquote soll bei 25%* liegen, unter Jugendlichen sogar bei 50%*.

*“Grexit“: Ausscheiden („Exit“) Griechenlands aus der Euro-Zone. „Graccident“: Zufälliges bzw. ungewolltes und nicht geplantes („Accident“) Ausscheiden Griechenlands aus der Euro-Zone.

Die Zahlen zur Arbeitslosigkeit in Griechenland wurden in der Talkshow: „Grexit – Katastrophe oder Chance für den Neuanfang?“ mit Günther Jauch genannt, die am 14. Juni 2015 im Ersten Deutschen Fernsehen ausgestrahlt wurde. Sie entsprechen in etwa dem, was auch sonst im Internet an aktuellen Statistiken verfügbar ist.

RUCKSACKTOURISTEN & GASTARBEITER

Das ist nicht das Griechenland, das ich kenne. Zugegeben, es ist schon lange her, seit ich das letzte Mal da war, als junge Studentin und Rucksacktouristin. Ich habe Griechenland immer gemocht: Die antiken Bauten – Man hatte das Gefühl, jeder Stein strotzt nur so vor Geschichte – prachtvolle orthodoxe Kirchen, freundliche Menschen, eine melodische, aber sehr schwer zu erlernende Sprache. Ob an den kleinen Zeitungskiosken, wo ich meine Zigaretten kaufte oder in der Jugendherberge – fast überall war zum Glück jemand, der Deutsch konnte: „In Duisburg aufgewachsen“ oder „Acht Jahre Bremerhaven“. Stimmt, viele Griechen waren ja Gastarbeiter in Deutschland.

NICHT GELEISTETE REPARATIONSZAHLUNGEN

Der freundliche Tonfall scheint der Vergangenheit anzugehören. Die Deutschen seien Nazis, heißt es nun. Auf Demonstrationen werden Karikaturen mit Hakenkreuzen in die Kamera gehalten. Es ist die unmenschliche Sparpolitik von Angela Merkel, über die sich die Griechen empören, aber nicht nur das – auch von Reparationsleistungen ist die Rede, die die Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg versäumt haben, an Griechenland zu zahlen*.

*Dieses Thema wurde wiederholt in den deutschen Medien angesprochen.

SPAREN ANDERE BESSER?

Das rückt den Schuldenschnitt, den der griechische Finanzminister Yanis Varoufakis gefordert hat*, in ein neues Licht. Ja, man kann sich aufregen über Leute, die – so scheint es – das Geld über Jahrzehnte mit vollen Händen ausgegeben haben und nun als Bittsteller auftreten. Manche Politiker weisen darauf hin, dass andere Länder – Polen und Irland etwa – sich durch einen eisernen Sparkurs selbst wieder aus der Krise hinausmanövriert hätten. Die Gefahr bestünde, dass das griechische Beispiel Schule mache, wenn man Griechenland zu sehr entgegenkomme*.

*Vgl. zum geforderten Schuldenschnitt den Artikel: „Griechenland-Krise: Varoufakis pocht auf Schuldenschnitt“ (ohne Angabe eines Autors), in: Spiegel Online v. 15. Juni 2015.

Zur Sparpolitik Polens und Irlands, sowie zum schlechten griechischen Beispiel äußerte man sich u. a.  in der Jauch-Talkshow (siehe oben), in der sehr kontrovers über das Thema diskutiert wurde.

Aber kann man von Menschen erwarten, den Gürtel enger zu schnallen, die nicht nur sparen müssen, sondern ständig drohendes Elend vor Augen haben, die Angst, den Job und die Wohnung zu verlieren, die Kinder nicht mehr ernähren zu können, krank zu werden und kein Geld für Medikamente zu haben? Kann man sie für die verfehlte Politik der griechischen Eliten der letzten Jahrzehnte verantwortlich machen? Kann man einen Staat sich selbst überlassen, der demnächst vielleicht seinen Lehrern und Busfahrern keine Gehälter mehr zahlen kann?

EINE EU DER BÜRGERINNEN & BÜRGER

Hoffen wir, dass es nicht so weit kommt. Auch mit uns Deutschen war man gnädig, als das Land nach dem Zweiten Weltkrieg in Schutt und Asche lag. Auch für uns gab es Schuldenerlasse und Aufbauhilfen, obwohl wir zwei Weltkriege angezettelt hatten. Und – last but not least – sollte die Europäische Union zeigen, dass sie längst mehr ist als nur eine Union der Wirtschaftseliten. Den Grexit zu verhindern, Griechenland weiter als Stern im EU-Kreis zu behalten und eine vernünftige, auch an den Bürgerinnen und Bürgern der Europäischen Union orientierte Wirtschaftpolitik zu verwirklichen, könnte eine erste Herausforderung für ein solches, neues Europa sein.

 

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