Der verbale Stinkefinger

Faust3Basic

Ein paar knallige Äußerungen gemacht, sich missverständlich ausgedrückt oder tatsächlich mit dem rechten Rand kokettiert – Wer in der Öffentlichkeit steht, kann schnell in Misskredit geraten. Durch das Internet stehen mehr Leute als früher in der Öffentlichkeit, nicht mehr nur Politiker und Sachverständige, irgendwelche Wichtigtuer oder die üblichen Platzhirsche aus der Medienwelt. Durch das Internet verbreiten sich Neuigkeiten auch schneller und jeder, der gerade online ist und irgendwie Wind von einer Sache bekommen hat, kann seinen Senf dazugeben.

Insofern ist das Risiko heutzutage größer, öffentlich an die Wand gestellt zu werden, wenn man sich über irgendeine Sache ausgelassen und vielleicht etwas verfänglich ausgedrückt hat oder bewusst provozieren wollte.

Nicht immer trifft es die Richtigen. Manchmal trifft es Leute, die mit ihren Äußerungen tatsächlich Agressionen wecken und es geradezu herausfordern, dass andere zurückschießen. Bei der Welt-Autorin Ronja von Rönne, die behauptete, Feminismus sei etwas für „unterprivilegierte Frauen“ war es wohl so*. Man kann durchaus Kritik an der Nachwuchsjournalistin üben, sagen, dass das dumm ist, was sie geschrieben hat, nicht besonders durchdacht, ziemlich hochnäsig und natürlich einem erzkonservativen Weltbild verpflichtet.

Die von Rönne aber deshalb gleich als rechtsradikal abzustempeln, war dann doch zu viel. Theoretisch könnte man das Gleiche ja auch von Leuten wie Harald Martenstein, Matthias Mattusek und Jan Fleischhauer behaupten – allesamt mehr oder weniger Fürsprecher der neuen Konservativen, die den Mund gern voll nehmen und keine Gelegenheit auslassen, die Werte und Errungenschaften der Linken durch den Kakao zu ziehen. „Rechtsradikal“ sind sie deshalb aber trotzdem nicht. Das sind die Leute, die „Ausländer raus!“ brüllen und Asylbewerberheime anzünden. Da muss man schon differenzieren.

Auf Twitter äußerte jemand sinngemäß, man könne nur sachlich argumentieren, wenn auch die Gegenseite bereit sei, sachlich zu bleiben. Das ist nicht von der Hand zu weisen. Natürlich hat niemand Lust, sich den Mund fusselig zu reden und den vertrottelten linken „Gutmenschen“ zu geben, während andere nur herumhöhnen und alles in Grund und Boden stampfen, was man sagt.

Aber muss man Leute wie die von Rönne deshalb gleich in die braune Ecke stellen? Bringt man damit nicht gerade diejenigen gegen sich auf, die einem insgeheim eigentlich zugestimmt haben? Die vielleicht bei einer wie Ronja von Rönne genervt die Augen verdrehen und froh sind, wenn sich jemand zu Wort meldet und dagegenhält?

SchraffurBasic4

Die politisch den Grünen nahe stehende Berliner Tageszeitung hält gern dagegen und schießt dabei gelegentlich auch über das Ziel hinaus. Man hat ihr u. a. vorgeworfen, „Schweinejournalismus“* zu betreiben, über Gebühr zu polemisieren und sich dabei nicht immer an die Regeln zu halten. Manchmal könnte man tatsächlich den Eindruck haben: Da ist in einigen Artikeln dieser sich ereifernde Tonfall, Begriffe wie „Homolobby“ fallen, die rechtspopulistische Partei AfD durfte in der taz eine Anzeige schalten und der ehemalige Berliner Finanzsenator Thilo Sarrazin, der selbst mit markigen Statements auffiel, wurde wegen den Folgen eines Schlaganfalls gnadenlos verhöhnt*. Die taz gibt sich wurschtig und macht im Kino Werbung damit, dass sie nun einmal nicht jedem schmeckt. Schön und gut, aber trifft sie noch den Ton ihrer Leserinnen und Leser?

*Den Begriff „Schweinejournalismus“ soll der Grünen-Politiker Jürgen Trittin im Bezug auf die Tageszeitung gebraucht haben und die taz auch in die Nähe der Bild-Zeitung gerückt haben. Die näheren Umstände dazu kann man auf Wikipedia unter dem Eintrag über den Journalisten Deniz Yücel nachlesen, der von 2007 – 2015 für die Tageszeitung gearbeitet hat und mehrfach durch umstrittene Äußerungen und Kommentare in die Kritik geraten ist. Yücel wurde auch wegen Verletzung der Persönlichkeitsrechte Thilo Sarrazins verklagt.

Die Wahlwerbung der rechtspopulistischen AfD in der taz sorgte im Mai 2014 für Wirbel. Mehrere Artikel, die im Internet verfügbar sind, beschäftigen sich mit dem Thema, u. a.: „Taz-Redaktion zerstreitet sich über AfD-Anzeige“ (ohne Angabe eines Autors), in: Zeit v. 20. Mai 2014.

„Homo-Lobby“ ist eigentlich ein Begriff, den Rechtskonservative häufig verwenden, um ihren Ängste davor Ausdruck zu verleihen, dass homosexuelle Lebensweisen sich flächendeckend auch unter Heterosexuellen durchsetzen und traditionelle familiäre Bindungen zerstören könnten. Dabei wird suggeriert, Homosexuelle hätten – obwohl sie eine Minderheit sind – so viel Einfluss, dass sie gesamtgesellschaftliche, für alle verbindliche Veränderungen herbeiführen oder gar gegen den Willen anderer Menschen erzwingen könnten.

In der taz wird der Begriff „Homolobby“ ironisch verwendet.

Die taz-Leserinnen und Leser – so würde man jedenfalls erst einmal annehmen – sind der Inbegriff des linken „Gutmenschen“ oder – neutraler formuliert – Es sind Menschen, die zwar die linken Ideale ihrer Jugend nie wirklich aufgegeben haben, aber mittlerweile mit beiden Beinen fest auf dem Boden der Tatsachen stehen. Solche Leute wollen Ergebnisse sehen. Lieber soll sich etwas im Kleinen zum Besseren ändern, als dass irgendwer lautstark Parolen brüllt und dahinter steckt dann doch nichts.

Wer die taz im Abo hat, glaubt im Normalfall nicht an die Existenz einer „Homolobby“. Man findet die AfD und Thilo Sarrazin fürchterlich, würde sich aber trotzdem nicht über die körperlichen Gebrechlichkeiten eines politischen Gegners lustig machen. Das gebietet schon der Anstand – und es lacht auch keiner darüber, der irgendwie halbwegs bei Verstand ist.

Die taz also – großmäulig, oberflächlich und gemein? Geht es um Aufmerksamkeit? Um den kalkulierten Skandal? Darum, die eigene Leserschaft mit Statements und Plattitüden einzuseifen, die ihnen die Rückversicherung geben sollen, dass ihre Ansichten und ihr Lebensstil gut und richtig sind? Will man beweisen, dass auch (gemäßigt-)linke Meinungen auf das Niveau eines launigen, vielleicht auch streitlustigen Gespräches im Biergarten heruntergebrochen werden können?

SchraffurBasic

Bei aller Kritik, die z. T. sicher angebracht ist* – muss man sich trotzdem fragen, ob das andere Lager wirklich besser ist. Konservative, die behaupten, eine Politik mit Augenmaß zu betreiben, Menschen, die meinen, sich vernünftig und sachlich mit den Dingen auseinanderzusetzen und sich zu Gute halten, dass sie immerhin realistische Ziele anstreben, die gleichen Leute, die die Unvernunft und jugendliche Naivität, die sie Linken oft unterstellen, angeblich nicht ernst nehmen können, lästern leidenschaftlich gern gegen alles, was ihnen nicht in den Kram passt. Das wesentliche Argument, das sie dabei auffahren, ist: „Das ist nun einmal so!“, nur um dann mit fettigem Altherrencharme zu lachen „Har, har!“

Ronja von Rönne hat auch irgendwie „Har, har“ über den Feminismus gelacht. Ich weiß nicht, ob das ‚was bringt, da zurückzulachen. Oder sich wie der streberhafte Klassenprimus aus Schulzeiten besserwisserisch zu Wort zu melden und der von Rönne haarklein auseinanderzusetzen, was an dem, was sie sagt, alles falsch ist.

Einfach links liegen lassen. Warum eigentlich nicht?! Und sich die Energie dafür aufsparen, andere, aufgeschlossenere Menschen für feministische Ideale zu begeistern.

*In diesem Blogbeitrag ging es nicht darum, taz-Bashing zu betreiben. Laila Phunk ist der Meinung, dass es von Vorteil ist, eine vielfältige Medienlandschaft zu haben und kann – sofern niemand einen ernsthaften Schaden von etwas hat – grundsätzlich damit leben, wenn andere anderer Meinung sind. Wichtig war Laila Phunk, auf eine Rhetorik aufmerksam zu machen, die v. a. auf Polemik und Provokation setzt. Diese Art, Inhalte an die Öffentlichkeit zu bringen, findet sich jedoch sowohl im (gemäßigt-)linken als auch im konservativen Lager.

Advertisements