Klicks statt Content

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Streikende Lokführer „vergasen“ oder genauer: „Wisst Ihr noch, wie die Juden in Zügen nach Auschwitz transportiert wurden? Man sollte die Zugführer alle dahinbringen“*: Das ist schon harter Tobak – auch wenn man genervt vom Lokführerstreik war! Vor knapp zwei Wochen geriet JuliensBlog mit diesen Worten in die Schlagzeilen. JuliensBlog, das ist – genauer gesagt – der Youtube-Kanal von Julien Sewering, ein Kanal, der – so scheint es – das aktuelle Tagesgeschehen so aufbereitet, dass junge Leute Gefallen daran finden. Also keine drögen Faktenpräsentationen, kein politisch korrektes Gefasel, keine pointierten Analysen – dafür Relaxen, Lachen, Battles im HipHop-Style*. Sprachlich darf es schon mal ein bisschen deftiger sein. Der Mix scheint gut anzukommen, denn JuliensBlog hat immerhin über 1, 2 Millionen Abonnenten*.

Allerdings – muss es so krass sein? Eigentlich weiß doch jeder, der in der Schule mal Geschichtsunterricht gehabt hat, dass man mit dem Nationalsozialismus keine Witze macht. Und dann finden die Leute das auch noch gut. Was steckt also dahinter? Die Lust am Tabubruch? Provokation? Auch Punks schmückten ihre Second-Hand-Lederkutten in den 80er Jahren gern mit Hakenkreuzen. Obwohl Punk ja eigentlich links war oder zumindest sein wollte. Wichtiger war einigen aber wohl doch, die Leute zu schockieren.

Und wenn es bei JuliensBlog – scheinbar harmlos – „nur“ um dumpfes Stammtischniveau geht? Ein Stammtisch für jüngere Leute, ohne röhrenden Hirsch an der Wand, dafür aber mit HipHop und dem gleichen spießbürgerlich-feindseligen Quatsch? So eine Art Ein-Mann-U-25-Stammtisch? Es wäre peinlich, feststellen zu müssen, dass junge Deutsche wieder für so etwas empfänglich sind.

Julien Sewering selbst will seine Äußerungen laut Medienberichten* als „schwarzen Humor“ verstanden wissen. Aggressiv und provokant vielleicht – aber es sei eben Satire*. Das Problem ist nur, dass man es nicht unbedingt als Satire erkennt. Dazu ist es zu hart, zu geschichtslastig und zu offenkundig tabuisiert. Nicht jedes Tabu muss gebrochen werden. Manche machen auch Sinn. Man will einfach nicht über Krieg und Massenmord lachen. Vielleicht war das mit JuliensBlog ungeschickt und Sewering ist nur ein junger, aufstrebender Medienstar, der noch lernen muss ….

Oder ist Julien Sewering am Ende – so zynisch es auch klingen mag – ein cleverer Geschäftsmann, der die Regeln des Internets beherrscht wie kein Zweiter? Immerhin ist das Internet eine Art „wilder Westen“, wo Goldgräberstimmung herrscht, man im Schwarm der vielen – Blogger, Youtuber und Twitterer – aber auch schnell untergehen kann. Jeder kann zu jedem beliebigen Thema seinen Senf dazugeben oder sogar selbst als „Medienmacher“ auftreten, mal abgesehen davon, dass natürlich auch alle etablierten Medien im Internet vertreten sind. Jede Menge Bilder, Videos, Ohrwürmer, kesse Sprüche und geflügelte Worte kämpfen miteinander um die Aufmerksamkeit der User. Das ist fast schon zu einer Art „Survival of the Fittest“ geworden: Gewonnen hat, wer die Aufmerksamkeit der Leute auf den eigenen Account ziehen kann. Je skandalöser und aggressiver man sich äußert, desto eher sind die Leute bereit, hinzuschauen. Man dreht sich auf der Straße ja auch um, wenn jemand laut Schimpfwörter brüllt, selbst dann, wenn man sich denken kann, dass dahinter nicht viel steckt. Und man guckt, wenn jemand blaurote Haare hat oder im Häschenkostüm herumläuft und Faxen macht. Es muss drastisch sein – auffällig, grellbunt und in manchen Fällen auch potentiell gewalttätig.

JuliensBlog hat – der Internetlogik entsprechend – die Holzhammermethode gewählt und es damit sogar in die überregionalen Zeitungen geschafft. Allerdings zeigt sein Beispiel auch: Langfristig gesehen ist bloße Aufmerksamkeit nicht alles. Auch Content zählt.

 *Quellen:

Art.: „JuliensBlog: Widerliches Video zu GDL-Bahnstreik“ (ohne Angabe eines Autors) Spiegel Online v. 20. Mai 2015.

Art. „Die inszenierte Harmlosigkeit“ v. Matthias Fässler, in: Tageszeitung v. 21. Mai 2015.

Die Zitate aus JuliensBlog sind zitiert nach Spiegel Online und taz (siehe oben). Sie werden in mehreren Medien so wiedergegeben.

JuliensBlog selbst habe ich mir nicht angeschaut. Das kann man zu Recht kritisieren. Schließlich sollte man sich grundsätzlich selbst eine Meinung bilden. Aber irgendwie wollte ich JuliensBlog nicht noch zusätzliche Klicks bescheren. Das war mir einfach zu krass.

Dieser Blogbeitrag legt die sog. „Ökonomie der Aufmerksamkeit“ als einen der Eckpfeiler der Internetwirtschaft zugrunde. Einen ersten Überblick dazu findet man auf Wikipedia.

Zu dem Zusammenhang zwischen Skandal, Aufmerksamkeit und Erfolg mit Internetprojekten äußerte sich in einem anderen Zusammenhang auch der Filmemacher Alexander Lehmann auf einem Vortrag im Rahmen der Media Convention 2015, die gemeinsam mit der Republica im vergangenen Mai in Berlin stattfand.

Das Bild oben gehört nicht zu JuliensBlog, sondern zu Laila Phunk. Es soll den Auftakt einer Serie über Kommunikation, Internet und Medien markieren.

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