Pädophilie-Debatte – Nachschlag

Vor einigen Tagen gab es gewissermaßen einen „Nachschlag“ zur Pädophilie-Debatte von 2013*. Es kam heraus, dass es in den frühen 1980er Jahren bei den Grünen nicht nur Strömungen innerhalb der Partei gegeben hat, die dafür eintraten, sexuelle Handlungen zwischen Erwachsenen und Kindern zu entkriminalisieren, sondern dass auch Mitglieder der Grünen aktiv in sexuellen Missbrauch an Kindern involviert waren*.

*Einen Überblick zur Pädophilie-Debatte von 2013 bietet Wikipedia.

Über die Enthüllungen der letzten Tage (Mai 2015) haben mehrere Medien berichtet. Vgl. u. a. Art. „Pädophilie-Debatte bei den Grünen: „Wir schämen uns für dieses Versagen“ v. Peter Maxwill, in: Spiegel Online v. 20. Mai 2015.

Hm. Das konnte man sich doch eigentlich denken, oder? Das macht es gewiss nicht besser und die Grünen werden noch Einiges zu tun haben, um ihre pädophile Vergangenheit aufzuarbeiten und die Opfer angemessen zu entschädigen, aber bei aller Abscheu vor sexuellem Missbrauch von Kindern sollte man eines trotzdem nicht tun: Die Errungenschaften der sexuellen Befreiungsbewegung und des Engagements für die Akzeptanz von sexuellen Minderheiten preisgeben.

SEXUALFEINDLICHES KLIMA

Sicher, Kindesmissbrauch ist ein sehr ernstes Thema. Man hilft sexuell missbrauchten Kindern aber nicht, wenn man Missbrauch vor allem in ein links-alternatives, sich für sexuelle Befreiung engagierendes Milieu verortet. Man muss bedenken, dass Menschen, die sich zu Beginn der 1980er Jahre den Grünen politisch nahe fühlten und aus der so genannten „Sponti-“ oder auch „Alt-68er-Bewegung“ stammten, gegen eine muffige sexuelle Verklemmtheit angekämpft haben, wie wir sie uns heute nicht mehr vorstellen können. Vergewaltigung hieß lange Zeit noch beschönigend „Notzucht“, Jugendlichen wurde eingebläut, dass Onanieren blind mache und Sex unter Männern stand bis 1969 grundsätzlich unter Strafe*.

*Detailliertere Informationen über die historische Entwicklung des §175, des so genannten „Schwulenparagraphen“ finden sich auf Wikipedia.

Wer in den frühen 1980er Jahren für sexuelle Befreiung eintrat, wollte sich zumeist einfach nicht mehr für den eigenen Körper und seine sexuellen Bedürfnisse schämen müssen. Kinder sollten befreiter aufwachsen. Ihnen sollten die Neurosen und falschen Schuldgefühle, die durch eine rigide, körperfeindliche Sexualerziehung entstehen, erspart bleiben. Das hat nichts mit sexuellem Missbrauch zu tun. Man muss hier eine klare Grenze ziehen.

UNTERSTÜTZUNG DURCH DIE SCHWULENBEWEGUNG

Pädophile konnten zu Beginn der 1980er Jahre bei den Grünen und anderswo u. a. auf Unterstützung aus der Schwulenbewegung hoffen. Hier war es die Entkriminalisierung einer sexuellen Orientierung, die im Vordergrund stand. Sowohl homosexuelle Männer als auch Pädophile hatte man lange Zeit als „psychisch fehltentwickelt“ hingestellt und das Ausleben ihrer Sexualität zur Straftat erklärt. Man hatte im Überschwang der sexuellen Befreiung ganz einfach zuviel des „Guten“ getan oder man könnte auch sagen: Das Anliegen, liberaler mit Sexualität umzugehen, hat Menschen, die ihre sexuellen Bedürfnisse auf Kosten anderer ausleben wollen bzw. – im Falle der Pädophilen keinen anderen Weg sehen – Tür und Tor geöffnet. Das war falsch! Seit Mitte der 1980er Jahre hatte sich glücklicherweise auch bei den Grünen und in ihrem Umfeld das Bewusstsein dafür, dass Sex zwischen Erwachsenen und Kindern Kindern schadet und deshalb – anders als homosexueller Sex – nicht toleriert werden kann, überall durchgesetzt.

KLARE GRENZEN ZIEHEN

Bei der gegenwärtigen Debatte über die pädophile Vergangenheit der Grünen und dem Engagement für die Akzeptanz sexueller Minderheiten sollte man nicht den Fehler machen und Wasser auf die Mühlen rechts-konservativer Kräfte gießen.

Das, was die Leute im Kopf haben, wenn sie an Homo-, Bi- und Transsexuelle denken, ist meistens das, was z. B. mit der problematischen Minderheitenpolitik, die u. a. eben die Grünen zu Beginn der 1980er Jahre vertreten haben, assoziiert wird und mit einem oberflächlichen Bild der schwulen Subkultur, genauer: Mit den harten, von Partys, Drogen und schnellem, z. T. auch grenzwertigem Sex geprägten Szenen europäischer Metropolen wie Berlin oder London. Das mag Stoff für reißerische Hypes bieten, ist aber auch genau das, was z. B. Parteien wie die AfD und konservative Christen vor Augen haben und woran sie sich aufhängen, wenn sie Homosexualität als Gefahr für die Jugend verdammen. Nur zu gern werden Homo-, Bi- und Transsexuelle mit Pädophilie („Päderasten!“), Gewalt (z. B. falsch verstandene Auffassungen von BDSM) und Exzess (Drogen, Party, rücksichts- und zügelloser Sexualität, usw.) in Verbindung gebracht. Auch das ist falsch!

Das Subkulturelle, Extreme mag vielleicht für liberaler gesonnene Menschen gerade das Interessante sein, aber es ist nur ein Bild, ein Klischee und nicht repräsentativ für das Leben von LGBTI-Durchschnittsmenschen. Außerdem gerät darüber auch aus dem Blickfeld, dass Exzess und abweichende, auch grenzverletzende, extreme Verhaltensweisen keineswegs „typisch“ für Homo-, Bi- und Transsexuelle sind und sondern ebenso anderswo in der Bevölkerung, auch in konservativen Kreisen, vorkommen.

Wer also eine pragmatische Politik für die Akzeptanz sexueller Minderheiten machen will, die weite Teile der Bevölkerung erreicht und Betroffenen das Leben, auch und gerade im Alltag wirklich erleichtert, darf sich nicht nur auf die Faszination der Andersartigkeit und die damit verbundene Anziehungskraft urbaner Subkulturen verlassen. Es gilt eher, herauszustellen, dass Pädophilie und sexuelle Perversionen, wirklich extreme, die Grenzen anderer Menschen verletzende Verhaltensweisen unter Homo-, Bi- und Transsexuellen nicht verbreiteter sind als unter heterosexuell orientierten. Es ist wichtig, klare Grenzen zu ziehen und deutlich zu machen, dass man keine Varianten menschlicher Sexualität, die anderen schaden, tolerieren kann.

Ganz abgesehen davon, dass Pädophilie zwar tatsächlich eine sexuelle „Orientierung“ ist, auch wenn sie nicht gelebt werden kann, dass aber Kindesmissbrauch nicht nur von Pädophilen begangen wird. Auch z. B. Menschen, die selbst als Kinder missbraucht worden sind, an schweren Persönlichkeitsstörungen oder psychischen Krankheiten leiden, missbrauchen Kinder. Präventionsarbeit gegen sexuellen Missbrauch muss deshalb auf mehreren Ebenen ansetzen. Im Zentrum sollte immer die Stärkung der Rechte von Kindern stehen und natürlich Menschenfreundlichkeit. Auch das ist etwas, das linke Politik immer für sich beansprucht hat. Sie sollte Taten folgen lassen.

*Gute Präventionsarbeit, die pädophil veranlagten Männern helfen soll, ihre Sexualität nicht auszuleben, leistet u. a. das Projekt „Kein Täter werden„.

 

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