Über Homophobie

Gequält, gedemütigt, verlacht – das ist – jenseits von Queer-Hype und glitzernder Party-Welt – was viele LGBTI-Menschen im Alltag erleben.

Da ist Hannah Winkler, die in ihrem Buch „Fe-Male“* beschreibt, wie andere Jugendliche ihr Tagebuch klauen und in der sozialen Einrichtung, in der sie vorrübergehend lebt, laut daraus vorlesen. Hannah – eine „Gaudi“, weil sie sich wie ein Mädchen fühlt, aber in einem Jungenkörper geboren worden ist?

*Quelle: Hannah Winkler: „Fe-Male. Hinein in den richtigen Körper.“, Schwarzkopf & Schwarzkopf Verlag 2014.

Da ist die Schülerin Madeleine*, die zum Gespött der ganzen Schule wird, weil sie einer Freundin gestanden hat, dass sie sich in Mädchen verliebt und nicht in Jungs.

*Quelle: Art. „Homo-Hass unter Jugendlichen. Zum Schweigen verdammt.“ v. Christina Zühlke, in: Spiegel Online. Schulspiegel v. 12. April 2010.

Da ist der britische Politiker Adrian Trett*, der schon als Schüler unter Hänseleien gelitten hat, weil er schwul ist und auch in der hippen Londoner Szene zunächst nicht Fuß fassen konnte, weil es dort auf Selbstsicherheit, physische Attraktivität und coole, zur Schau gestellte Sexyness ankam. Trett warf sich irgendwann selbst auf eine imaginäre Müllhalde, tobte durch immer extremere Subszenen und infizierte sich schließlich mit HIV.

*Quelle: Interview mit Adrian Hyyrylainen-Trett, „Meet Britain’s first HIV-positive Parliament Candidate“ v. Patrick Strudwick, in: BuzzFeed v. 30. März 2015.

Lesenswert ist auch der Artikel „LGBT Mental health: Are we doing enough?“ v. Patrick Cash, in: Vice v. 28. April 2015, der sich mit den psychologischen Auswirkungen von Homophobie beschäftigt und u. a. das BuzzFeed-Interview mit Adrian Trett thematisiert.

Geklaute, öffentlich vorgelesene Tagebücher und sexuelle Demütigungen auf der einen Seite, sexuelles Geprotze und viele falsche Zwischentöne – manchmal viel Wind um nichts – auf der anderen.

SEX POSITIVE

JoysofYouth Kopie

Da ist auch die „polygame Lesbe“, 28 Jahre alt, eine Frau, die – so heißt es in den „Sex-Tagebüchern“* des Berliner Tagesspiegels – auf unverbindlichen Sex steht, Online dated und schnell zur Sache kommt  Die Frau schreibt nüchtern: „Sex war gut, klitoraler und vaginaler Orgasmus“*. Das klingt ein bisschen wie aus einem alten Biologielehrbuch abgeschrieben. Aber gut, das ist ja Geschmackssache, also wie sich jemand ausdrückt. In dem fiktiven Tagebuch heißt es weiter, dass der „polygamen Lesbe“ immer wieder alte One-Night-Stands über den Weg laufen. Niemand ist irgendwie böse oder eifersüchtig. Alle verstehen sich super und alles ist gut. Hm, gut oder gut gemeint?

*Quelle: Serie „Liebes Tagebuch. Berliner Sex-Tagebücher“, Art. „Die Polygame“, in: Tagesspiegel (bzw. eigentlich sind die Tagebücher wohl in dem Berliner Veranstaltungsmagazin Zitty erschienen) v. 29. August 2007.

VIEL WIND UM WEIBLICHKEIT

Weibliche Sexualität scheint extrem hart umkämpft zu sein. Ein richtiger Zankapfel. Irgendwie scheint es zu dem Queer-Hype dazuzugehören, dass jede nachweisen möchte – Ja, da mag es vielleicht das eine oder andere Klischee geben, aber auf sie selbst trifft es nicht zu, dafür aber sehr wahrscheinlich auf diese oder jene. Frauen, die andere gern verlachen, sich über die sexuellen Gefühle ihrer Mitmenschen lustig machen, Selbstbefriedigung ablehnen, weil sie das „nicht so nötig“ haben. Frauen, die um die Wette prahlen. Dumme Anmachen. Frauen, die nicht müde werden, darauf hinzuweisen, was an anderen Frauen unattraktiv ist, vor allem für Männer. Ja, richtig gehört bzw. gelesen. Lesben? Oder Bisexuelle? Nein, würde ich nicht sagen, d. h. ich kann es schlecht für andere festlegen. Das ist ja immer auch Definitionssache. Aber da immer wieder herauskommt, dass irgendeine der selbsternannten queeren Vorzeigefrauen ein heterosexuelles „Vorleben“ hatte, drängt sich schon die Frage auf: Ist das alles nur Fassade? Hassen solche Frauen am Ende Frauen, die auf Frauen stehen? Hassen sie vielleicht überhaupt Frauen, die Interesse an Sex haben? Haben sie Tagebücher geklaut? Ihre Mitschülerin zum Gespött gemacht? Gehänselt, verhöhnt und erniedrigt? Tun sie es immer noch?

Ich glaube – hm – es ist gerade das, was lesbische und bisexuelle Frauen „nicht so nötig“ haben. Also, ich kann es jedenfalls gar nicht gebrauchen.

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