Aids: Nicht Dein Problem! Oder vielleicht doch?

Sollten Schwule Blut spenden dürfen? Nach einem Urteil des Europäischen Gerichtshofes ist es wieder im Gespräch. Eine Antwort fällt nicht leicht, denn es geht um HIV. Aids ist immer noch tödlich und es gibt tatsächlich Menschen, die statistisch gesehen ein höheres Risiko haben, sich mit HIV zu infizieren, die so genannten „Risikogruppen“: Junkies, Prostituierte, Menschen, die aus Ländern stammen, in denen die HIV-Rate besonders hoch ist – und eben Schwule.

Andererseits, hm, dieses „Du nicht! Dein Blut nicht!“ ist schon diskriminierend, klar, auch daran gibt es nichts zu rütteln. Da steht ja auch ein bisschen dahinter, dass heterosexuelles Blut „sauberes“ Blut ist. Das ist, wie wenn man behaupten würde, dass HIV Heterosexuelle nicht so betrifft, dass man einfach mal davon ausgehen kann, dass die das nicht haben. Ganz schön blauäugig. Solche „positiven“ Vorurteile – die Annahme, dass man sich als „Hete“, als „Weißer“, als „anständiger Bürger“ nicht so viele Gedanken um HIV und Aids machen muss – auch das hat in den letzten Jahrzehnten immer wieder zu Neuinfektionen geführt und unzählige Leben gekostet.

 RISKANTER SEX

Es geht aber um Statistiken und da liegen, was die HIV-Rate betrifft, homo- und bisexuelle Männer klar vorn. Schwuler Sex ist besonders risikoreich und schwules Sexualverhalten oft eher zügellos als keusch. Darkrooms, schneller Sex in Toiletten und Parkanlagen, wilde Partys mit Poppers und Kokain –  all das macht es wahrscheinlicher, sich mit einer Geschlechtskrankheit und eben auch HIV zu infizieren.

Aber – und das muss man jetzt auch mal sagen – Analverkehr ist auch dann gefährlich, wenn ein heterosexuelles Paar ihn praktiziert. Die sexuelle Orientierung ist dem Virus egal. Es lauert nur auf mögliche Eintrittspforten in einen menschlichen Körper. Und lockere One-Night-Stands, ungeschützter Sex unter Alkohol- und Drogeneinfluss, leichtsinniges, blödes und rücksichtsloses Verhalten sind ja nicht allein die Spezialität homo- und bisexueller Männer. Mal ganz abgesehen davon, dass nicht alle Homo- und Bisexuellen dem Klischee des sexuell freizügigen, schwulen Partygängers entsprechen.

 DUMME ZUFÄLLE

Außerdem – man kann „es“ auch kriegen, wenn man sich „vorbildlich“ verhält: Ein Kondom kann platzen, ein Ehepartner plötzlich fremdgehen, die Frau ist vielleicht „sauber“, aber ihr vorheriger Freund, also der hatte mal so ’ne Phase, wo er auch gelegentlich mal zu ’ner Prostituierten gegangen ist – das wusste die Frau natürlich nicht – und die Prostituierte hatte unter anderem einen Freier, der war Stammkunde, also auch mal „ohne“, obwohl sie das ja sonst nicht tut und der Freier hat’s auch mal mit ’nem Mann probiert, was die Prostituierte aber nicht wusste – klar, bindet man ja auch nicht jedem auf die Nase – und der Mann hat mal mit ’nem Mann…, der Drogen gespritzt hat, zwar immer mit eigenen Spritzen, aber ein einziges Mal da hat er dann doch mit ’nem Freund zusammen… und der hatte zufällig….

Manchmal ist es tatsächlich nur ein blöder, dummer Zufall, denn das HI-Virus richtet sich nicht danach, wie hoch oder gering das Risiko eines Menschen, sich mit ihm zu infizieren, statistisch gesehen ist.

NICHTS IST SICHER, ABER VIELES HILFT TROTZDEM

Trotzdem sollen hier nicht unnötig Ängste geschürt werden. Man – jeder und jede, egal ob homo- oder heterosexuell – kann Dinge tun, die das Risiko, sich mit HIV zu infizieren, deutlich verringern und damit ist nicht unbedingt sexuelle Enthaltsamkeit gemeint: Benutzt Kondome! Macht Safer Sex! Wenn es ohne Drogen nicht geht, benutzt keine Spritzen und/oder Röhrchen zum Sniffen gemeinsam! Lasst ab und zu mal einen HIV-Test machen*! Und so weiter….

*Wenn eine HIV-Infektion frühzeitig erkannt wird, kann sie – soweit ich weiß – heute in Ländern mit guter medizinischer Versorgung in den meisten Fällen ganz gut behandelt werden. Leider ist HIV immer noch nicht heilbar. Dennoch kann man mit einer guten Medikamentierung, wenn man sie durchhält und auch körperlich gut verträgt, als „chronisch Kranke(r)“ mit HIV leben und ist  – wenn man Glück hat – auch kaum noch ansteckend für andere. Das sollte allerdings nicht dazu verführen, HIV und Aids auf die leichte Schulter zu nehmen. Es ist immer noch eine schwere Krankheit, die letztendlich zum Tod führt. Weiterführende und genauere Informationen, auch dazu, wie man sich am besten vor HIV schützt, finden sich auf der Homepage der Aids-Hilfe. Die Aids-Hilfe bietet übrigens auch telefonische Beratung und Online-Beratung an.

Ganz sicher sein kann sich aber niemand und es ist natürlich auch so, dass Menschen manchmal Fehler machen, dumme, unverzeihliche, verhängnisvolle Fehler vielleicht, etwas, wofür man sich im Nachhinein einfach nur in den Hintern treten könnte, wo man sich fragt, wieso man nur so blöd sein konnte, aber es passiert nun einmal – allen, nicht nur „Risikogruppen“.

Theoretisch kann das HI-Virus also auch in einer heterosexuellen Blutspende stecken. Es ist nur nicht ganz so wahrscheinlich. Man kann es aber nicht mit letzter Sicherheit wissen, denn leider lässt sich das HI-Virus einigermaßen verlässlich erst sechs Wochen bis drei Monate nach der Infektion nachweisen*.

 *Auch hierzu mehr Informationen auf der Homepage der Aids-Hilfe (siehe oben).

Man muss es nicht gerade herausfordern. Es ist wirklich nicht so gut, wenn ein sexuell besonders aktiver schwuler Mann, der gelegentlich auch mal den Thrill von Barebacking-Partys* sucht, Blut spendet oder wenn es ein Punk tut, der dringend Geld braucht, weil er sich ab und zu einen Druck macht und der, wenn es ganz knapp wird, auch schon mal anschaffen geht. Damit würde man die Empfänger und Empfängerinnen von Blutspenden – potentiell wir alle – nur unnötigen Risiken aussetzen und das kann niemand wollen. Man kann es den Leuten aber leider nicht immer an der Nasenspitze ansehen, ob sie sich, was HIV betrifft, risikoreich und fahrlässig verhalten oder ob sie vielleicht sogar weniger als die Allgemeinbevölkerung bereit sind, Risiken einzugehen, gerade weil ihnen die Gefahr nur allzu bewusst ist und sie auch nicht krank werden möchten. Man kann nicht alle ausschließen, die irgendwie „verdächtig“ sein könnten*.

*Barebacking = Analsex ohne Kondom

*Wahrscheinlich muss man einfach darauf vertrauen, dass Menschen, die sich nicht sicher sein können, ob sie sich in den Wochen und Monaten kurz vor der Blutspende nicht vielleicht mit HIV infiziert haben, darauf verzichten, Blut zu spenden. Ähnlich legt es der Kommentar zum EuGH  „Aufs Sexualverhalten kommt’s an!“ von Christian Rath in der Tageszeitung vom 29. April 2015 nahe.

 AIDS – EINE „SCHWULENKRANKHEIT“?

Wenn man – Statistiken und Risikoabwägungen hin oder her – Aids als Gefahr auf Randgruppen abwälzt, tut man damit niemandem einen Gefallen. Ganz im Gegenteil: Man verführt letztendlich die „Normalen“ (die Heterosexuellen, die Europäer, die „anständigen Bürger“) dazu, sich umso leichtsinniger zu verhalten. Vielleicht lassen sie das Kondom dann schon mal eher weg. Ist ja auch viel schöner ohne. Und vielleicht machen sie auch gar nicht erst einen HIV-Test, denn – was geht sie das eigentlich an. Ist Aids nicht eine „Schwulenkrankheit“?

Übrigens – wo wir schon mal dabei sind – mir fällt da noch etwas aus den 1990er Jahren ein, damals, als man HIV und Aids noch nicht so richtig behandeln konnte und die Diagnose „HIV positiv“ in vielen Fällen bedeutete, dass man nur noch wenige Monate zu leben hatte. Ich erinnere mich, dass ich ein Buch über „Frauen und Aids“ gelesen habe, eben weil es immer hieß, das sei etwas, das vor allem Schwule betrifft und jeder wusste, dass das nicht stimmt. In dem Buch war eine Zeichnung von zwei jungen, gut aussehenden Frauen, die gerade dazu ansetzten, sich zu küssen. In der Sprechblase, die zu der einen gehörte, stand: „I’ve never known a Dyke with HIV“. Die Antwort in der Gedankenwolke der anderen war: „Now you do!“.

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